Cover Image

Arschbacken auseinander

26.05.2022   

Der Vater des Erzählers im Buch, Viktor Jerofejew, war Dolmetscher in der Regierung Stalins, auch seine Mutter hatte als Übersetzerin mit Zugang zu ausländischer Literatur eine privilegierte Position. Von der Mutter ist allerdings im Buch wenig die Rede.

Einige Male kreist der Text um die Schwierigkeiten, die der Erzähler seinen Eltern bereitete, als er 1979 mit Gleichgesinnten eine avantgardistische Literaturzeitschrift gründen wollte. Ansonsten geht es viel um den Vater, auch um dessen Karriere. Die Darstellung ist dabei manchmal von einem versteckt herabsetzenden, ätzenden Humor geprägt, der die Lektüre gerade nicht zu einem heiteren Erlebnis macht. Der Autor hat offenbar eine Vorliebe für drastische Details – »durch Großmutters offenes Fenster flog der abgerissene Kopf der Nachbarin heraus«.

Das Buch legt keine Erkenntnisse über den Stalinismus frei, die bei der gewählten familiären Perspektive eventuell zu erwarten waren. Es enthält keine Reflexionen und widmet sich stattdessen sprunghaft Details, in denen historische Splitter enthalten sein mögen, falls sie nicht erfunden sind. Ich werde dem Autor sicher nicht gerecht, wenn ich ihm und seiner Auseinandersetzung mit der Linientreue seines Vaters meine Sympathie entziehe. Aber er versteht es, seine Geschichte so darzustellen, dass sie für mich gänzlich uninteressant wird.

Der Außenminister Molotow war längere Zeit der unmittelbare Vorgesetzte des Vaters. Molotows Frau Polina Semjonowa Schemtschuschina wurde 1949 verhaftet und bis zu Stalins Tod in die Verbannung geschickt. Als Grund ist im Buch Jerofejews zu lesen, dass sie vorgeschlagen hätte, »den Juden die Krim zu überlassen«. Diese Version hat ein Alleinstellungsmerkmal unter den vielen Erklärungen ihres Falls, in denen allerdings oft die Beziehungen der Jüdin zu internationalen jüdischen Organisationen eine Rolle spielen. Molotows Karriere als Außenminister und rechte Hand Stalins fand mit der Verhaftung seiner Frau auch ihr Ende. Jerofejew beschreibt die Molotow-Gattin so:

Da trank die Schemtschuschina im dekolletierten Kleid Sekt auf Kreml-Empfängen, duftete nach Parfüm, erinnerte sich, dass sie Nadja Allilujewa [Stalins zweite Frau, die sich Ende 1932 selbst erschoss] als Letzte lebend gesehen hatte, lächelte majestätisch den Volkskünstlern zu, klopfte dem schönen Tscherkassow, der Iwan den Schrecklichen gespielt hat, auf die Schulter, und nun muss sie auf der Lubjanka nackt ihre Arschbacken auseinander schieben und auf Befehl des Gefängnisarztes ihren Anus zeigen.

Das unterscheidet sich nur durch seine Drastik von in der Tonart eines Spiegel-Artikel aus dem Jahr 1949:

Nach Moskau zurückgekehrt, machte Paulina radikal Schluß mit dem proletarischen Puritanismus der russischen Revolutionäre. Die hatten Puder und Lippenstift verpönt, – als kapitalistische und reaktionäre Attribute der bourgeoisen Frau. Ungepflegter Teint und strähniges Haar galten als die äußeren Zeichen der inneren Gnade kommunistischer Weltanschauung. Mit diesen veralteten Ansichten räumte die Schemtschuschina auf.

Unter ihrer Leitung färbte eine neue kosmetische Industrie Millionen draller Russenmädchen Wangen und Lippen rot, legte ihnen Dauerwellen und umhauchte sie mit Pariser Parfümdüften.

Bei einem fiktiven Dialog zwischen Ilja Ehrenburg und Wjatscheslaw Molotow, in dem es um das »Durchficken« von Frauen durch die Rote Armee respektive die Faschisten geht, habe ich die Lektüre aufgegeben, auf S. 126 von 409. Das Buch kommt in den nächstgelegenen Bücherschrank in der Parallelstraße.

[Viktor Jerofejew: Der gute Stalin. Roman. Aus dem Russischen von Beate Rausch. Berlin: Matthes & Seitz, 2021]