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Coming of age

8.12.2022   

Ich habe einmal geschworen, keine Bücher von Fünfundzwanzigjährigen zu lesen. Nun habe ich es doch getan, animiert vom freundlichen Verleger des Verbrecher Verlags, der seine Bücher zusammen mit einigen anderen Kleinverlagen in Erik Spiekermanns Werkstatt in der Potsdamer Straße 98a präsentierte. Alle Verrücktheiten und typischen Gedankensprünge, und auch die gefürchteten Banalitäten des FAZ-Redakteurs (und -Autors) Dietmar Dath steckten in dem Buch. Es ist Daths Erstling und gleichzeitig das erste Buch, das 1995 im Verbrecher Verlag erschien. Dath war damals 25 Jahre alt. Die 2021 erschienene Neuauflage wurde um ein paar Zeilen ergänzt, um das Frühwerk an Folgewerke anzuschließen. Aber ich habe diese Passage nicht gefunden, weil ich nach einem Drittel der 375 Seiten aufgegeben habe. Mich interessiert einfach nicht, was der Ich-Erzähler (und manchmal Er-Erzähler) über seine Pennäler-Zeit und -Freundschaften zu berichten hat. Oder seine Freiburger Studentenzeit. Oder seine popmusikalischen Vorlieben (Dath war auch einmal Chefredakteur von Spex). Die essayistischen Einsprengsel mit dem Bildungsgut, das der junge Dath bis dahin angesammelt hatte, mäandern zwischen Blödelei und intellektualistischem Kraftmeiertum. Genau das ist für mich das generationstypische des Buchs.

Lieber lese ich ein weiteres Mal das Buch eines Dreißigjährigen. Es enthält auch Zumutungen, ist dabei aber viel konzentrierter. Rolf Dieter Brinkmanns Prosa lenkt nicht durch sprunghafte Themen- und Genrewechsel von der Beobachtung eines Erfahrungsprozesses ab. Musik und Film sind in ihr ebenso präsent wie bei Dietmar Dath. Brinkmann täuscht allerdings keine Verarbeitung und Reflexion vor, wie es Dath ständig mit Floskeln und anderen Textbausteinen tut. Dessen Buch wandert jetzt in die Auslage bei booklooker.de.

[Dietmar Dath: Cordula killt dich! Roman der Auferstehung. Berlin: Verbrecher Verlag, 2021. Rolf Dieter Brinkmann: Keiner weiß mehr [1970]. Reinbek: Rowohlt, 2021]