Cover Image

Immer Simpeleien, immer Theater

30.12.2021   

Was ist autobiographisches Erzählen? Nach der strengen Norm Käte Hamburgers gehören Autobiographien nicht in das Reich der Erzählung. Sie unterscheidet Autobiographien jedoch von Ich-Erzählungen, die in ihren Augen durchaus in das Reich der Dichtung gehören. Um eine solche Ich-Erzählung handelt es sich bei Natalia Ginzburgs Familienlexikon, das 1961 in zwei Monaten geschrieben wurde und im Original 1963 erschien. Die erste deutsche Übersetzung ersetzte Alice Vollenweider im Verlag Klaus Wagenbach durch einen Text, der Ginzburg eine ganz eigene Stimme gibt.

Ginzburg

Die Autorin wählt für die Darstellung der dieses Buch bildenden kürzeren und längeren Szenen eine beschreibende Perspektive auf Handlungen dritter Personen – Mutter, Vater, Geschwister, Hausangestellte, Freunde und Bekannte. Das Ich ist durchaus in diesen Szenen präsent, aber keineswegs im Vordergrund und auch nicht in der Form eines in diese Ich-Gestalt hineinmontierten Reflexion (wie innerer Monolog oder ›erlebte Rede‹).

Erzählt wird in nicht kontinuierlich montierten Stücken die Geschichte der Familie des Anatomieprofessors Giuseppe Levi, des Vaters der Ich-Erzählerin. Die Familie verkehrt mit vielen jüdischen und intellektuellen Freunden, die in den 1930er Jahren Verbindungen zum antifaschistischen Widerstand in Italien haben. Unter den Freunden und Bekannten befinden sich Camillo und Adriano Olivetti (Schwager der Erzählerin), spätere wichtige sozialistische Politiker oder Cesare Pavese, die bei den Levis häufig zu Gast sind. Sie werden mit der gleichen beiläufigen Aufmerksamkeit bedacht wie die Hausangestellte Natalina oder der vom Vater über Jahrzehnte bevorzugte Schneider.

Der Chronotopos der Erzählung ist das Familienleben, wie es sich in der langjährigen Turiner Wohnung und an anderen Orten abspielt. Die zeitlichen Umstände – Faschismus, Verfolgung, Widerstand –, mit denen das Personal der Erinnerungsbilder Berührung hat, üben eine zentrifugale Wirkung auf die Familienbande aus.

Das lexikalische Band der Familie bleibt in Form vieler ritueller Aussprüche, Gedichtfetzen und teilweise absurder Chrakterisierungen von Personen (vor allem durch Vater und Mutter) durchgängig erhalten. Es wird aber deutlich, dass es nach Jahrzehnten keinen Zusammenhalt mehr stiften kann. »Diese Sätze sind … Zeugen einer Lebensgemeinschaft, die aufgehört hat zu sein, aber in Texten weiterlebt«, schreibt Alice Vollenweider im Nachwort.

Die zerstreuten Erzählbilder täuschen keine linear-kausalen Verknüpfungen vor. Gerade deshalb erzeugen sie einen authentischen Eindruck, den dramaturgisch inszenierte autobiographische Schemaliteratur mit ihren Wende- und Höhepunkten nie erreicht.

[Natalia Ginzburg: Familienlexikon. Berlin: Wagenbach, 2020]