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Kiew, das große Chaos

8.05.2022   

Das Territorium der Ukraine war von 1914 bis 1922 Schauplatz erbitterter kriegerischer Auseinandersetzungen, an denen viele externe Mächte – Österreich-Ungarn, Russland, dann auch Deutschland und Polen – und darüberhinaus verschiedenartige einheimische Kräfte beteiligt waren. Zu letzteren gehörten die Truppen des 1918 von den deutschen Besatzern eingesetzten Hetmans Skoropadskyi, der die im Verlauf der Oktoberrevolution durch Bolschewiki und die Machno-Bewegung vollzogene Enteignung der Großgrundbesitzer rückgängig machen wollte. Die Bolschewiki spielten 1918 nach der Intervention der Mittelmächte und der Installation eines Marionettenregimes in einem eigenständigen ukrainischen Staat zunächst keine Rolle mehr. Die Regierung des Hetmans wurde von der linksorientierten nationalistischen und antisemitischen Bewegung Simon Petljuras attackiert. Eine weitere Kraft bildeten die auf die Restauration des Zarenregimes zielenden ›weißen‹ Truppen, eine Art Offiziersarmee, der auch Michail Bulgakow zeitweilig angehörte, nachdem er 1919 kurzfristig in der ukrainischen Nationalarmee und nach einer Desertion in der Roten Armee gedient hatte. Außer diesen drei Kräften gab es noch viele regionale Truppen mit unterschiedlichen Ausrichtungen und Zielvorstellungen. Die Ukraine gab es in den Kampfjahren nicht als Einheit, sondern als chaotische Vielheit. Eine zeitweilig starke Macht war die Machowschtschina des Anarchisten Nestor Machno, der mit einer aus Bauern gebildeten Partisanentruppe die deutschen und österreichischen Besatzer bekämpfte und nach deren Abzug auch die Hetman-Herrschaft beseitigte. Die Machno-Bewegung verbündete sich dann mit den Bolschewiki, löste sich aber nicht auf, weil sie an den von ihr ins Leben gerufenen selbstständigen Räten festhalten wollte. Sie wurde erst 1922 durch die von Trotzki geführte Rote Armee gewaltsam niedergekämpft.

Diese Stichworte sollte kennen, wer das Buch Die weiße Garde liest.

In Bulgakows Roman geht es um die ›Große Stadt‹, Kiew, in den Jahren 1918 und 1919. Aus der Perspektive dreier Brüder, die in die Weiße Garde eintreten, werden die chaotischen Wirren um die Einnahme der Stadt durch die Streitmacht von Petljura geschildert, der das reale Kiew für gerade einmal 47 Tage beherrschte. Das Buchs, das gar kein Zentrum hat und auch keine zeitlich lineare Darstellung aufweist, erzeugt durch seine sprunghafte Darstellung einzelner und sehr verschiedenartiger Erlebnisse Spannung, aber kaum Orientierung. Die Leser sind gezwungen, sich ein eigenes Bild der militärischen Lage zu machen, die den Hintergrund der Ereignisse und einzelnen Schicksale bildet. Einige Ereignisse und Erlebnisse werden punktuell aus mehreren Perspektiven dargestellt. Einige längere Passagen sind den Gedanken und Fieberträumen eines der drei Brüder, des Arztes Alexei Turbin, gewidmet.

Der Krieg/Bürgerkrieg erzeugt bei den handelnden Personen durch das Näherrücken konkreter Kampfhandlungen zwar Aufregung, wird jedoch letztlich gelassen als Gegebenheit akzeptiert. Die Position der Erzählfiguren zu den in der Stadt handelnden Parteien ist eindeutiger als die Positionierung der realen Truppen:

– Alles Schweinehunde. Der Hetman wie Petljura. Nur dass Petljura außerdem noch ein Freund von Pogromen ist. Aber das ist nicht die Hauptsache. Die Hauptsache ist, mir ist langweilig, ich habe schon zu lange keine Bombe mehr geworfen.

Bulgakow schreibt – und Alexander Nitzberg übersetzt – lautmalerisch und elliptisch, montiert Dialogfetzen mit Bildfragmenten und inneren Monologen. Sein Roman, der 1924 erschien, bricht ganz und gar mit den Erzähltraditionen des 19. Jahrhunderts, Bulgakow ist gewissermaßen ein Anti-Tolstoi. Er konstruiert kein Gesellschaftspanorama, arbeitet auch nicht an der Festigung des Selbstbildes einer der gesellschaftlichen Gruppen. Über die Ukrainizität mancher Stadtbewohner macht er allerdings kritische Bemerkungen. Der Grobianismus, die Rudelhaftigkeit von Versammlungen, die Kriminalität und der radikale Hass auf alles Nicht-Ukrainische tauchen an manchen Stellen als Muster auf. Aus diesem Grund ist das Buch in der Ukraine seit 1991 auch nicht beliebt.


Ich habe ein Viertel des Buchs zunächst in der früheren Übersetzung von Larissa Robiné gelesen und fand dort, dass zwar die schnellen Sprünge der Montage vorhanden waren, auf der Mikro-Ebene des Textes jedoch, in den einzelnen Sätzen und auch in der Wortwahl eine gewisse Behäbigkeit vorherrscht. Das ist bei Alexander Nitzberg ganz anders. Gerade weil das Buch bei ihm auf allen Ebenen verstörend wirkt, ist diese deutsche Fassung diejenige, die das Buch auch für heutige deutsche Leser zum Ereignis machen kann.


Michail Bulgakow: Die weiße Garde.

  • Übersetzung von Larissa Robiné und Thomas Reschke. Berlin: Volk und Welt, 1992
  • Übersetzung von Alexander Nitzberg. Berlin: Galiani, 2018