Cover Image

Schwere Waffen auf beiden Seiten

23.05.2022   

Das Kriegstagebuch eines jungen deutschen Soldaten, der Schriftsteller hätte werden können und wollen. Willy Peter Reese wurde 1921 geboren, lebte in Duisburg, machte 1939 Abitur, begann dann auf Wunsch seiner Eltern eine Banklehre, wurde im Frühjahr 1941 zum Kriegsdienst eingezogen und starb nach späteren Ermittlungen höchstwahrscheinlich im Juni 1944 in der Gegend von Witebsk. Er führte ein Tagebuch, das er selbst in Urlaubsphasen in ein Buchmanuskript umarbeitete. Es blieb ein Fragment, aber darauf kommt es nicht an.

Er las und schrieb fast ununterbrochen. Im Schützengraben stritt er sich mit Kameraden um die einzige verfügbare Kerze, um ein Gedicht zu schreiben oder seine Gedanken in sein Tagebuch einzutragen. In den Reflexionen über Russland sind Lektürespuren – er kannte nicht nur Dostojewski, sondern zählt an einer Stelle zehn russische Autoren auf – erkennbar.


Die Auseinandersetzung mit dem Krieg selbst und der eigenen Rolle als Soldat zieht sich durch das ganze Buch. Reese ist auch ein Leser von Ernst Jünger, direkt zitiert er den Arbeiter. Aber auch die häufig wiederkehrende Bezeichnung des Krieges als Abenteuer weist in die Richtung Jüngers.

»Die Zeit der Abenteuer begann, doch im Anfrang war der Krieg nur ein Spiel … Die Truppe wurde zur Kampfeinheit gemacht, der Einzelne zum Glied einer Maschine … So erhielt das Kanonenfutter seinen letzten Schliff … Das Material erhielt seine Form, und ich nahm die Maske des Soldaten genauer und meisterhafter an.«

Begegnungen mit Menschen aus den von der Wehrmacht besetzten Gebieten, häufig unmittelbar an der Front, schildert Reese immer warmherzig und interessiert. Die Kommunikation mit diesen »Feinden« gelingt ihm besser als mit den Kameraden.

»Nie fand ich Feinde unter fremden Völkern, immer führte bald eine Brücke von Mensch zu Mensch. Sie ahnten den Friedensmenschen unter meiner Uniform. Feinde fand ich nur in meiner Nachbarschaft und in mir selbst, das Ich kämpfte gegen mein Schicksal und gefährdete meine Gestalt.«

Er beobachtet den brutalen Umgang mit russischen Kriegsgefangenen in der »Etappe«: »Ich setzte mich auf einen Stapel Bretter, fühlte müde die warme Sonne und sah russischen Kriegsgefangenen bei ihrer Arbeit zu. Bärtige Gesichter, ungepflegte Haare, leere Augen und zerrissene Uniformen schufen ein Bild heimatloser Traurigkeit. Jede Bewegung geschah träge, widerwillig, und die Wächter fluchten, schlugen sie mit Stöcken und den Kolben ihrer Gewehre. Ich fühlte keinen Zorn über die Mißhandlung der Wehrlosen und kein Mitleid mit ihnen. Ich sah nur ihre Faulheit und ihren Trotz; ich wußte noch nicht, daß sie hungerten.«

Bereits im ersten halben Jahr seiner »Reise« macht Reese permanent eigene körperliche Grenzerfahrungen. Er ist eigentlich ein zarter und unsportlicher Typ, aber muss marschieren wie alle anderen. Sommerhitze, entzündete Füße, Ungeziefer, Schlamm machen ihm zu schaffen. Nebenbei zerlegt er die Phantasien von Kameradschaft, die sich manchmal in den 1950er und 1960er Jahren in private Berichte über Kriegserfahrungen einschlichen und den breiten Strom der Landser-Literatur prägten.

»Verbittert betrachteten wir Hunger, Frost, Not und unsere verschollene Stellung. Alle waren überreizt und krank. Ausbrüche von Jähzorn und Haß, Neid, Schlägereien, Hohn und Wut zerstörten den Rest der Kameradschaft … Die Gefallenen beachteten wir nicht und scharrten sie auch nicht ein, zogen nur ihre Mäntel noch an und ihre Handschuhe.«

Auch die Strukturen innerhalb der Wehrmacht brutalisieren sich. Reese berichtet über eine Reihe von Todesurteilen gegen Soldaten aus geringsten Anlässen und aufgrund abstruser Unterstellungen. »Der Krieg war zum Wahnsinn geworden, nur auf das Morden kam es noch an, gleichgültig, wen es traf.«

Vom Prozess der Entmenschlichung nimmt sich Reese nicht aus, wendet aber die Erkenntnis dieses Prozesses auch gleichzeitig gegen sich selbst. Ihm wird bewusst, dass er sich in seinem Tagebuch an den eigenen Tod heranschreibt und ist schon früh bereit, den Tod auch zu akzeptieren oder ihn sich sogar herbeizuwünschen:

»Ich ahnte die Verheerungen des Krieges in mir, sah die verwüsteten Gärten meiner Jugend und wußte mich zu einem Schattendasein im Hexenkessel der Erinnerung verurteilt, fühlte mich von Gott und meinen Engeln verlassen, ausgesetzt in einem eisigen Weltall, zwischen fernsten Sternen im Nichts.«

Reese ist völlig bewusst, dass er sich als Teilnehmer am gegenseitigen Massenmorden schuldig macht. Wie viele andere ist er nicht freiwillig in den Krieg gezogen und sträubt sich auch innerlich gegen die Befehle, die alle gleichwohl befolgt werden. Gedanken an Rebellion oder Selbstmord werden verworfen. »Aber wir gaben uns lieber dem Zufall eines Gefechts, dem Spottbild des Soldatenglücks hin, als dem sicheren Tod durch das Gesetz. Ob wir erschüttert, mutig oder zitternd, tollkühn oder feige, bereit oder verzweifelt in den Kampf gingen, war nichts vor der Tatsache, daß keiner freiwillig ging. Nur manchmal, am Rande des Wahnsinns, geschah ein heroischer Opfergang von Einzelnen, die nicht mehr an ihr Leben glaubten.«

Die zunehmenden inneren Verwüstungen bringen Reese dazu, nach einem Genesungsurlaub (aufgrund einer zweiten kleineren Verwundung) freiwillig wieder an die Front zu wollen. »Ich wollte das Feuer durch das Feuer besiegen, den Krieg durch den Krieg.«

Er fühlt sich in Russland schließlich mehr zuhause als in seiner Heimat. Allerdings war der »Abnutzungskrieg« mit überschaubar intensiven Kampfhandlungen schon im September 1943 zu Ende, von da an war die Wehrmacht an der Ostfront im Prinzip auf der Flucht. Befehle zum unbedingten Halten von Stellungen bewirkten noch den Tod von vielen hunderttausend Soldaten. Wie dem von Willy Peter Reese.

[Willy Peter Reese: Mir selber seltsam fremd. Die Unmenschlichkeit des Krieges. Russland 1941–44. Berlin: List, 2004]