Michal Ajvaz, der 1949 geborene tschechische Schriftsteller und Essayist, ist in Deutschland noch viel zu wenig bekannt. Immerhin liegt mit dem Roman Passagen unter Glas nun die dritte Übersetzung eines seiner Werke vor. Der Erzählungsband Die Rückkehr des alten Waran erschien 2018 im Wieser Verlag und der Roman Die andere Stadt 2025 in dem von Veronika Siska gegründeten Allee Verlag. Sie hat alle drei Bücher übersetzt.
Dass in dem Buch »das Verdrängte und die Leerstellen unserer Nachkriegsgesellschaft« aufscheinen, ist ziemlich starker Klappentext-Tobak. Judith Hermann berichtet in dem dreiteiligen Buch über Reisen, die durch nichts anderes zusammenhängen außer durch familiäre Bande. Die Erzählungen sind unterschiedlich geformt und unterschiedlich interessant. Das Buch hat 156 Seiten und hätte gern auf Seite 69 beendet sein können. Im ersten Teil unternimmt die Autorin eine Reise ins polnische Radom, um Spuren ihres Großvaters zu finden, der dort als SS-Mann stationiert war. Sie erhält nicht mehr als die Bestätigung, dass er zu Zeit grausamer Massaker dort anwesend war. Ihre Mutter ist nie bereit oder imstande gewesen, ihrer Tochter etwas über den Großvater zu berichten, der vor der Geburt der Autorin gestorben ist. Der wochenlange Aufenthalt in Radom umfasst Such- und Ausgleichsbewegungen. Ausgleich sucht die Autorin in der Lektüre einer großen Menge mitgebrachter Bücher, von Mitscherlichs Die Unfähigkeit zu trauern über Singers Eine Kindheit in Warschau bis Naipauls Miguel Street. Alles ist nachvollziehbar, der Bericht ist feature-artig gebaut, also aus kleinen Stücken zusammengesetzt. Er gibt Anregungen dazu, darüber nachzudenken, was wir jetzt noch Lebende tatsächlich über Leben und Taten unserer Vorfahren im NS-Staat wissen und jetzt noch erfahren könnten.
Die beiden anderen Teile – ein ausführlich ausgewalzter und teilfiktionaler Besuch bei der Schwester in Napoli und eine Rückschau auf die Zeit, in der es den tödlichen Unfall der Schwiegereltern gab – sind inhaltlich und formal belanglos.
Zeitlöcher in der Familienbiographie stopfen: gut und schön. Aber bitte dabei überlegen, wen das interessieren könnte.
Judith Hermann: Ich möchte zurückgehen in der Zeit. Frankfurt am Main: Fischer, 2026.
Nicht einfach nur weggelesen: zwei sprachskeptische und auf verschiedene Weise auch gesellschaftskritische Bücher junger deutschsprachiger Autoren. Elias Hirschl wird jetzt im Erscheinungsroman seines Romans 32, Gisela Elsner war 27, als ihr »Bericht« erschien.
wie wenig machen wir uns klar, dass wir nicht an die welt, sondern die kommunikation grenzen. (Oswald Wiener)
Martin Warnke unternimmt in seinem in der schmalen Buchreihe »Fröhliche Wissenschaft« erschienenen Text eine Entdeckungsreise. Dabei berührt er die Geschichte der LLMs, selten beachtete linguistische Thesen, die Kabbala und die Übersetzungstheorie Walter Benjamins.
Einer seiner Einstiegspunkte ist die bei der Anwendung von KI-Chatbots derzeit noch häufig anzutreffende Erscheinung von »Halluzinationen«, syntaktisch korrekten, aber semantisch unsinnigen Aussagen. Ich selbst habe mir einmal ein Literaturverzeichnis mit den Schriften einer Autorin aus dem 19. Jahrhundert zusammenstellen lassen, in dem 40 Prozent der Titel frei erfunden oder dieser Person unberechtigerweise zugeschrieben waren. Obwohl im Effekt gleich, entstehen Halluzinationen völlig anders als menschliche Konfabulationen. Ich habe das Phänomen in mehreren Seminaren getestet: Eine halbe Stunde nach einer gemeinsam angesehenen TV-Nachrichtensendung wurde nur ein gutes Drittel der einzelnen Beiträge korrekt erinnert, häufig gab es Verwechslungen von Orten und Personen, und fast immer wurden auch hinzuerfundene Nachrichten aufgelistet. Das menschliche Gedächtnis spielt allen von uns aufgrund seiner Plastizität solche Streiche – es gibt keine festen und verlässlichen »Speicherplätze« für Erinnerungen. Bei der KI ist der Grund ein anderer, die Halluzinationen füllen probabilistische Lücken aus, weil es einen Mangel an Inputs oder an Überprüfungen durch Rückkopplungen gibt.
Wer beispielhaft studieren möchte, wie eine Familiengeschichte geschrieben werden sollte, die auch andere interessiert und nicht nur die Familie selbst, muss die Bücher von Lea Ypi lesen. Nach dem 2022 auf Deutsch erschienenen Buch Frei , das um den Angelpunkt des Jahres 1989 herum organisiert ist, rollt jetzt Aufrecht die Geschichte des 20. Jahrhunderts aus. Zentralfigur ist diesmal die Großmutter der Autorin, Leman Ypi. In drei chronologisch abgegrenzten Teilen wird die Familienchronik in die Geschichte Albaniens eingebettet. Einige Familienmitglieder haben in prominenten Funktionen auch daran mitgearbeitet, ein Urgroßvater, Xhafer Bey Ypi, war sogar von 1920 an mehrfacher Minister und Ministerpräsident und 1939 Staatsoberhaupt des Landes.
Was die Lektüre interessant macht, sind weniger die Daten und Fakten der allerdings sehr bewegten albanischen Geschichte vom Osmanischen Reich bis zur kommunistischen Despotie Enver Hoxhas, sondern die vielen erzählerischen Blitzlichter auf das Familiengeschehen. Häufig geht es um die Rechte und gesellschaftliche Position der Frauen. Die Erzählungen sind kein Beiwerk, sondern erzeugen erst ein Interesse an dem seltsamen Land, an seinen sozialen Innen- und Außenbeziehungen und letztlich auch immer ein wenig an der Autorin, die bekanntlich als Professorin für politische Theorie in London lebt.
Hier etwas nachzuerzählen kommt mir sinnlos vor. Das Buch gefällt mir, auch die sehr flüssige Übersetzung (aus dem Englischen).
Lea Ypi: Aufrecht. Überleben im Zeitalter der Extreme. Berlin: Suhrkamp, 2025.