
Florentine Anders ist die Enkelin des Architekten Hermann Henselmann und seiner Frau Isi (Irene von Bamberg), die auch Architektin werden wollte, aber aufgrund ihrer acht Kinder wenig Gelegenheiten zu kontinuierlicher Arbeit hatte. Henselmann, geboren 1905, war Anhänger von Bauhaus-Konzepten, konnte die aber in eigenen Entwürfen nur selten umsetzen. Eine 1930 im Stil von Le Corbusier erbaute Villa in der Schweiz war eins der wenigen Projekte, bei dem er seine Ideen uneingeschränkt realisieren konnte. Der NS-Staat verweigerte ihm eine freiberufliche Existenz als Architekt, und ab 1945 hatte er sich mit den an sowjetischen Zuckerbäckerbauten und an der Ideologie eines „sozialistischen Heimatstils“ orientierten politischen Vorgaben im sowjetischen Sektor und in der DDR auseinanderzusetzen. Trotz immer wieder aufbrechender Grundsatzkonflikte konnte er etliche seiner Ideen durchsetzen, besonders bei Stadthochhäusern in Berlin (Haus des Lehrers), Leipzig (Hochhaus der Karl-Marx-Universität/City-Hochhaus) und beim Berliner Fernsehturm.
Die Perspektive des »Romans« ist keineswegs ausschließlich auf Henselmann ausgerichtet. Sie wechselt ständig zwischen der Fokussierung auf ihn, auf seine Frau Isi und seine Tochter Isa. Eine der Schwestern von Isi war längere Zeit mit Robert Havemann verheiratet, dem Physiker und neben seinem Freund Wolf Biermann in Westdeutschland wohl prominentesten DDR-Oppositionellen. Die Henselmann-Familie war mit vielen Künstlern bekannt und verbunden. Isi und die vielen Kinder mussten unter den despotischen, jähzornigen und gewalttätigen Anwandlungen Henselmanns häufig leiden. Er war kein treuer Ehemann und schlug seine Tochter Isa blutig. Deren Lebensweg war von Anfang an immer wieder blockiert. Sie konnte sich beruflich nicht kontinuierlich entwickeln, bekam mit zwei Männern, mit denen sie keineswegs glücklich war, fünf Kinder und zog häufig um. Sie geriet in in äußerst unangenehme Verwicklungen mit der Stasi und schaffte doch immer wieder einen Neuanfang.
Welche konkreten Details in dem Buch dokumentarisch-biographisch sind und welche fiktional ergänzt wurden, lässt sich für Uneingeweihte nicht ermitteln. Es ist auch egal. Die Autorin zeichnet ein beeindruckendes, passagenweise spannendes Bild einer privilegierten großen Familie in der DDR. Selbst deren Konflikte mit dem Staat waren von ihrer Privilegierung gezeichnet. Die historischen Entwicklungen und Veränderungen nimmt man bei der Lektüre nebenbei mit.
Dass eine Beschäftigung mit der Baukultur der DDR im Jahr 2026 interessant sein kann, zeigt ein Zitat, das an die aktuelle kulturpolitische Programmatik der AfD erinnert. Die SED hatte die gleichen Einwände gegen den »internationalen« architektonischen Stil wie die heutigen Rechtspopulisten: »Honecker wünscht sich seine Häkeldeckchen zurück … und das Volk klatscht Beifall.«
Anders, Florentine: Die Allee. Roman. Berlin: Galiani, 2025.



