Leider muss ich zugeben: Ich bin auf die FAZ-Rezension von Cornelius Wüllenkemper hereingefallen. Er besprach dieses Buch recht positiv und lobte vor allem den »konzeptionellen Literaturbegriff« des Autors. Das machte mich neugierig.

Es ist ein traditionell erzählter Roman, an dem »konzeptionell« nichts anderes zu entdecken ist als eine bieder-lineare Erzählweise. In 31 kleinen Kapiteln lichtet der Ich-Erzähler ein wenig den titelgebenden Nebel. Aber auch nicht ganz, und sinnlos ist er ohnehin. Der Titel ist ein Zitat von Raymond Queneau: »Dieser sinnlose Nebel, in dem Schatten flattern, wie könnte ich ihn aufhellen?« Auch Georges Perec zitiert diesen Satz in einem seiner Bücher. Denkt man aber an die Gruppe Oulipo, der diese beiden Autoren zuzuordnen sind, ist man auf der falschen Fährte. Das Buch von Vila-Matas hat sonst nichts oulipistisches.
Worum geht es? Der Erzähler, Simon Schneider Reus, ist ein bislang erfolgloser Romanautor und Übersetzer, der davon lebt, Zitate für andere Autoren zusammenzustellen, darunter für die Werke seines jüngeren Bruders. Der Bruder Rainer ist seit seiner Übersiedlung von Katalonien nach New York ein bekannter und verehrter Schriftsteller, der sich allerdings wie Thomas Pynchon vor der Öffentlichkeit verbirgt. Er wird Großer Bros genannt (im Original tatsächlich auch »Gran Bros«). So nebulös wie die Motive und die ganze Existenz von Bros ist auch das Verhältnis der beiden Brüder. Wie die Herr-und-Knecht-Beziehung zwischen ihnen entstanden ist, wird nur angedeutet. Dabei ist es ja durchaus bemerkenswert, dass Bros seinen Bruder mit geringer Bezahlung als Hilfskraft beschäftigt – und dann im Vorfeld eines von ihm angesetzten Treffens in Barcelona vorschlägt, dass sie sich dann siezen sollten (was auch geschieht).
Simon reflektiert für sich allein und dann auch im Gespräch mit seinem Bruder das schriftstellerische Schreiben und die Spannung, die viele Schriftsteller an den Abgrund des Schreibens und des Nichtschreibens treibt und letztlich um den Verzicht auf die Literatur. Das Netz weiß alles über die Menschen und löst die Schriftsteller in ihrer Aufgabe ab bzw. verurteilt sie alle zu bloßen Zitatlieferanten. Die Brüder-Beziehung wird in eine Verwandtschaft zur Beziehung der Brüder van Gogh gerückt. In dieser war allerdings Theo der gewiefte Geschäftsmann, dessen Pläne fast aufgegangen wären, hätte Vincent sich nicht umgebracht.
Die von Vila-Matas erzählte Geschichte ist nicht sonderlich interessant. Der in ihr verarbeitete Stoff hätte für eine Erzählung gereicht und wird im Roman ausgewalzt. Der Pynchon-Bezug ist ein netter Gag – der Bruder Rainer gehört in den USA sogar zu einer geheimen Pynchon-Gesellschaft, die Romane unter dem Namen Thomas Pynchon verfasst – von ihm stammt beispielsweise Inherent Vice.
Die katalanische Unabhängigkeitsbewegung wird am Rande immer mal wieder erwähnt, aber bildet nur ein neutrales Hintergrundrauschen.
Mehr möchte ich nicht nacherzählen. Wenn kein anderes Buch zur Hand ist, kann man es ohne große Anstrengung zu Ende lesen. Ein bemerkenswertes Stück Literatur ist es nicht.
Enrique Vila-Matas: Dieser sinnlose Nebel. Göttingen: Wallstein, 2026.



