ALLES VERGEBLICH (ODER?)

  • Wann beginnt der Faschismus?

    auch: Paranoia (8)

    Den Titel seines Buchs erklärt der Autor gewissermaßen zu einer Denksportaufgabe:

    Warum es Gewalt am Denken heißt, erhellt sich beim Lesen, so denke ich, von selbst.

    Auf knappen 142 Seiten soll es jedenfalls um die Entstehungsmöglichkeit eines neuen Faschismus gehen. In der Einleitung und an anderen Stellen werden zunächst übertriebene Faschismus-Zuschreibungen und -Befürchtungen zitiert. Beispielsweise diagnostizierten Pier Paolo Pasolini, Roland Barthes und viele andere vorschnell kurz nach dem Zweiten Weltkrieg die Existenz eines neuen Faschismus. Der Faschismus-Vorwurf zieht sich seitdem durch alle Jahrzehnte, auch autoritäre Regierungen benutzen ihn als Keule gegen andere Länder, wie Russland gegen die Ukraine. Die »Querdenker« hielten bekanntlich die Corona-Regelungen der deutschen Bundesregierung für faschistisch.

    Barthes gibt die Parole aus: »Faschismus heißt nicht am Sagen hindern, sondern zum Sagen zwingen.« Hier steckt also vielleicht die Wurzel für den Titel des Buchs. Der genannte Zwang ist allerdings nicht exklusiv faschistisch, er existierte auch in der DDR und vielen anderen Ländern. Unter dem Dach des Grundgesetzes haben autoritäre Auslegungen der »freien demokratischen Grundordnung« Pflichten formuliert, deren andere Seite Berufsverbote und willkürliche Antisemitismus-Zuschreibungen sind.

    Durch das Buch hindurch zieht sich eine Kritik an „Linken“, die einerseits ständig warnen, aufrufen, alarmieren und andererseits untätig, isoliert und strategieunfähig sind. Sie werden von Terkessidis in Anlehnung an den Buchtitel von Hermann Broch als »Schlafwandler« bezeichnet. Dazu weiter unten mehr.

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  • Die Hegemonie geht verloren

    auch: Paranoia (7)

    Christoph Bartmann findet keine Rezepte gegen die kulturpolitische »Attacke von rechts«

    Erscheint auch bei literaturkritik.de

    Stellt man sich […] den Kulturkampf als Fußballspiel vor, dann muss man in der Halbzeitpause leider feststellen: Die Rechte hat aktuell mehr Ballbesitz.

    Mit dieser Analogie leitet Christoph Bartmann sein Buch ein. Sie provoziert mehrere Fragen auf einmal. Erlebt Deutschland gerade einen »Kulturkampfq? Kann man Auseinandersetzungen um die Dominanz in der kulturellen Sphäre ein »Spiel« nennen? Ist das Ende zeitlich abzusehen – oder was soll »Halbzeit« hier bedeuten? Und woran will der Autor erkennen, dass die Rechte derzeit (das Vorwort wurde im Herbst 2025 geschrieben) im Vorteil ist? Unklar bleibt auch, wer genau die kämpfenden Parteien sind und ob sich der Autor mit einer der Seiten identifiziert. Im Vorwort gibt es eher kritische Bemerkungen zu von ihm als links eingeordneten Bestrebungen als zu denen der Rechten.

    Christoph Bartmann ist ein Kenner der deutschen Kulturpolitik, er war jahrzehntelang in mehreren Ländern als Mitarbeiter des Goethe-Instituts tätig. Es liegt nahe, dass er unter Kultur vor allem eine durch Institutionen bestimmte Szene versteht, in die staatliche Fördermittel und unterstützende kulturpolitische Äußerungen fließen. Den »weiten« Kulturbegriff, den der legendäre SPD-Politiker Hilmar Hoffmann in den 1970er und 1980er Jahren vertrat – von der Taubenzucht bis zum Experimentalfilm – versteht er positiv als Kennzeichen für einen damals recht unangefochtenen kulturellen und demokratischen Aufbruch. Heute werden Kunst und Kultur – so Bartmann – als Helfer zur Komplexitätsauflösung eingesetzt, mit der defensiven Tendenz, dass die linksliberale Kulturpolitik nur noch auf »Trost« umstellt. Hier bezieht er sich auf eine Studie der Liz-Mohn-Stiftung, die 2025 per Umfrage Zustimmungen zu Sätzen wie »Kultur verbindet Menschen über Grenzen und Unterschiede hinweg« oder »Durch Kultur werden Räume geschaffen, in denen tiefe emotionale Erfahrungen möglich sind« einholte. Die Aufgabe der Kultur ist bereits im Design der Umfrage auf ihren Beitrag zum gesellschaftlichen Zusammenhalt ausgerichtet. Dieser Aspekt ist auch Carsten Brosda wichtig, einem der heute stichwortgebenden sozialdemokratischen Kulturpolitiker. An ihm kritisiert Bartmann jedoch, dass er frühere Leitbilder wie Emanzipation, die Demokratisierung von (nicht nur kulturellen) Institutionen und die Befähigung zur Kritik offenbar aufgegeben hat. 

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  • Simulation einer Aufzeichnung 

    »Sich eine Geschichte anzuhören, hieß für Thomas, in ihre Gestaltung einbezogen zu werden. Seine Rede war ebenso schnell wie seine Bewegungen und erfolgte oft in kurzen Stößen, oft mit geschlossenen Augen …«

    Wer einige der vielen auf Film und Video aufgezeichneten Gespräche Alexander Kluges gesehen hat, erkennt hier sofort seine Eigenart wieder, durch ständige und meist produktive Unterbrechungen seiner Gesprächspartner ein Thema auszuweiten, zu ergänzen oder zu konterkarieren. In Ben Lerners dreiteiligem Buch gibt es ein Gespräch, das eigentlich ein Interview sein sollte, zwischen dem Erzähler und »Thomas«, einem multimedial arbeitenden neunzigjährigen Künstler. Zwar liegt in seinem Haus auf dem Boden ein offenbar frisch eingegangenes Buch von Alexander Kluge, dennoch erinnern nicht nur das Gesprächsverhalten, sondern auch Kindheitserlebnisse des deutschen Emigranten Thomas an die Biographie von Kluge – zum Beispiel seine Obsession mit den Bombenangriffen auf Dresden (statt Halberstadt).

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  • Bauwerke und Schleifen

    Michal Ajvaz’ Roman Passagen unter Glas offenbart phantastische Bildwelten

    auch erschienen in literaturkritik.de

    Michal Ajvaz, der 1949 geborene tschechische Schriftsteller und Essayist, ist in Deutschland noch viel zu wenig bekannt. Immerhin liegt mit dem Roman Passagen unter Glas nun die dritte Übersetzung eines seiner Werke vor. Der Erzählungsband Die Rückkehr des alten Waran erschien 2018 im Wieser Verlag und der Roman Die andere Stadt 2025 in dem von Veronika Siska gegründeten Allee Verlag. Sie hat alle drei Bücher übersetzt.

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  • Reisen in Zeitlöcher

    Dass in dem Buch »das Verdrängte und die Leerstellen unserer Nachkriegsgesellschaft« aufscheinen, ist ziemlich starker Klappentext-Tobak. Judith Hermann berichtet in dem dreiteiligen Buch über Reisen, die durch nichts anderes zusammenhängen außer durch familiäre Bande. Die Erzählungen sind unterschiedlich geformt und unterschiedlich interessant. Das Buch hat 156 Seiten und hätte gern auf Seite 69 beendet sein können. Im ersten Teil unternimmt die Autorin eine Reise ins polnische Radom, um Spuren ihres Großvaters zu finden, der dort als SS-Mann stationiert war. Sie erhält nicht mehr als die Bestätigung, dass er zu Zeit grausamer Massaker dort anwesend war. Ihre Mutter ist nie bereit oder imstande gewesen, ihrer Tochter etwas über den Großvater zu berichten, der vor der Geburt der Autorin gestorben ist. Der wochenlange Aufenthalt in Radom umfasst Such- und Ausgleichsbewegungen. Ausgleich sucht die Autorin in der Lektüre einer großen Menge mitgebrachter Bücher, von Mitscherlichs Die Unfähigkeit zu trauern über Singers Eine Kindheit in Warschau bis Naipauls Miguel Street. Alles ist nachvollziehbar, der Bericht ist feature-artig gebaut, also aus kleinen Stücken zusammengesetzt. Er gibt Anregungen dazu, darüber nachzudenken, was wir jetzt noch Lebende tatsächlich über Leben und Taten unserer Vorfahren im NS-Staat wissen und jetzt noch erfahren könnten.

    Die beiden anderen Teile – ein ausführlich ausgewalzter und teilfiktionaler Besuch bei der Schwester in Napoli und eine Rückschau auf die Zeit, in der es den tödlichen Unfall der Schwiegereltern gab – sind inhaltlich und formal belanglos.

    Zeitlöcher in der Familienbiographie stopfen: gut und schön. Aber bitte dabei überlegen, wen das interessieren könnte.


    Judith Hermann: Ich möchte zurückgehen in der Zeit. Frankfurt am Main: Fischer, 2026.