Im Reich der Untaten

Rongfen Wang ist eine seit 1989 in Deutschland lebende Germanistin und Soziologin, die als Studentin während der chinesischen Kulturrevolution verhaftet wurde und zwölf Jahre in Gefängnissen gelitten hat. In ihrem Buch gibt es deutliche Spuren ihrer eigenen Geschichte. Zu den Protagonisten darin gehört ein Geschwisterpaar, der Ich-Erzähler und seine Schwester. Beide werden als Kinder zum Klavierspielen angehalten, die Schwester entpuppt sich als großes Talent. Der titelgebende Steinway-Flügel fungiert an manchen Stellen als eine Art McGuffin und gibt immer wieder Anlass zur Kommunikation und zur Entdeckung von Gemeinsamkeiten der handelnden Figuren. Eine zentrale Rolle spielt die Klavierlehrerin, die Mao Zedong persönlich begegnet, von ihm begehrt wird und kurz darauf im Gefängnis landet und dort von zynischen Figuren systematischen Qualen ausgesetzt wird. Sie überlebt, doch am Ende stirbt sie zusammen mit der Schwester des Ich-Erzählers im Juni 1989 während des Aufstands auf dem Platz des Himmlischen Friedens. 

Die ersten vierzig Seiten bilden einen Prolog, der die Kulturrevolution und eine Reihe führender Funktionäre in der chinesischen Partei- und Staatsführung jener Zeit behandelt. Eine Kontextualisierung dieser Phase im Strom der Entwicklung seit dem Bürgerkrieg und dem Sieg der KP 1949 findet dabei allerdings nur bruchstückhaft statt. 

Das Personal des Buchs setzt sich ausschließlich aus Angehörigen der gebildeten Eliten zusammen, darunter auch »alten« bürgerlichen und am Kaiserhof präsenten Familien. Über das Alltagsleben – welcher Schichten der Bevölkerung auch immer – in den sechziger bis achtziger Jahren ist wenig zu erfahren. In vielen Nahaufnahmen von privaten Begegnungen oder solchen mit der Staatsgewalt wird vor allem die oppositionelle Haltung des Erzählers (und der Autorin) deutlich. Ich habe mich recht widerstrebend von den auf 490 Seiten ausgebreiteten Belanglosigkeiten und Grausamkeiten dieses Buchs, das als Roman bezeichnet wird, einige Tage quälen lassen. 

In einer Unterhaltung der inhaftierten Klavierlehrerin mit einer ebenfalls ins Gefängnis eingelieferten Mitarbeiterin im Verlag für fremdsprachige Literatur geht es um Joan Hinton, die an der Entwicklung der Atombombe in den USA mitgearbeitet hatte und entsetzt über deren tatsächliche Anwendung nach China ging, um dort für den Rest ihres Lebens einfache Arbeiten in der Landwirtschaft zu verrichten. Sie entwickelte sich zu einer glühenden Maoistin und organisierte 1966 mit einigen anderen anglo-amerikanischen Emigranten eine Protestaktion in Form einer Wandzeitung, die ihre Privilegierung und gleichzeitig den Ausschluss von der Teilnahme an der Kulturrevolution kritisierte. Diese Wandzeitung wurde von Mao Zedong positiv kommentiert, die Forderungen wurden erfüllt. Im Buch von Wang werden diese westlichen Revolutionsanhänger als »fremde Teufel« bezeichnet, die das Brot der Demokratie weggeworfen hätten. 

Manche sind Idealisten, andere werden daheim steckbrieflich gesucht, und hier duften sie alle, wie sie wollten! Die Hinton, deren Unterschrift als Erste unter dieser Wandzeitung steht, die hat an der Chicago University im Manhattan-Projekt unter Fermi an Testreaktoren mitgearbeitet – und dann den Kommunisten hier die Geheimnisse der Atombombenproduktion mitgebracht. Tja. Auf jedem Boden gedeihen die Menschen grad für diesen Boden, bei uns gedeiht der Abschaum der Welt, gedeihen internationale Schurken und Verräter.

Der Verdacht, Joan Hinton habe Atomgeheimnisse besessen und verraten, fand zwar 1953 Schlagzeilen in der ganzen Welt, aber wurde dann ernsthaft nicht einmal von den amerikanischen Geheimdiensten aufrechterhalten. Sie konnte mehrfach in die USA reisen und dort unbehelligt Vorträge halten und ihre alten Kollegen aus Los Alamos treffen. – Wangs Text teilt die Charakteristika manch anderer Bücher von Oppositionellen und Renegaten. Er setzt aus vielen Details mit starken Worten und Bildern ein System des Bösen zusammen, will glauben machen und überzeugen. Die Erlebnisse der Autorin, die durch ihren Text hindurchscheinen, sind für mich über alle Kritik erhaben. Ihr Buch hingegen macht es mir schwerer und nicht leichter, die chinesische Geschichte der letzten sechzig Jahre zu verstehen.

Eine Lektüreempfehlung mag ich nicht abgeben.


Rongfen Wang: Steinway. Berlin: Matthes & Seitz Berlin, 2022.