auch: Paranoia (6)
Michael Butter beschäftigt sich seit 2008 mit Verschwörungstheorien, habilitierte sich 2012 mit einer Arbeit über Verschwörungstheorien in den USA vom 17. Jahrhundert bis in die Gegenwart und brachte 2018 ein weiteres, grundlegendes Buch über Verschwörungstheorien heraus.

Seit der Covid-Pandemie sind Verschwörungstheorien in Deutschland ein häufiger Gegenstand von Spekulationen und Forschungen. Vielen Deutschen wird eine Neigung zu Verschwörungstheorien zugeschrieben – in manchen Studien zwischen einem Viertel bis zu einem Drittel der Bevölkerung. Butter hält die Zahlen jedoch für zu hoch gegriffen und etwa zehn Prozent für realistisch. Allerdings ist die Wirkmacht solcher Theorien in den USA sehr viel größer als in Deutschland, wo die Gesellschaft keineswegs so polar und tief gespalten ist. Anhänger von Verschwörungstheorien gehören hier eher zu den Außenseitern. Die öffentliche Wahrnehmung ist jedoch eine andere. Es findet, so nennt Butter es, ein »epistemischer Kollaps« statt.
In großen Teilen von Politik, Medien und Gesellschaft hat sich die Überzeugung durchgesetzt, Verschwörungstheorien stellten mittlerweile eine der größten Bedrohungen unserer Demokratie dar. Verschwörungstheorien werden häufig als per se antidemokratisch erachtet, als Katalysatoren für Radikalisierungsprozesse gesehen und als untrennbar mit populistischen, rechtsextremen und antisemitischen Überzeugungen verbunden begriffen. (13)
Kaum zu glauben, aber Butter hat nachgeforscht: In Deutschland gibt es mehr als fünfzig Projekte, größtenteils staatlich finanziert, zum Teil von privaten Stiftungen, die über Verschwörungstheorien aufklären wollen.
Fast immer wird davon ausgegangen, dass zeitgenössische Verschwörungstheorien zu einer Krise der Demokratie beitragen können. Die Umkehrung dieser Sicht wäre jedoch empfehlenswert, aber die tiefergehenden Ursachen der Verschwörungstheorien werden selten untersucht. Im wesentlichen werden Symptome fokussiert.
Entsprechend erfüllt der Diskurs über Verschwörungstheorien in seiner derzeitigen Form vor allem eine identitätsstiftende und -stabilisierende Funktion, die derjenigen des konspirationistischen Diskurses nicht unähnlich ist. (15 f.)
Das Buch behandelt in einem Grundlagen-Kapitel zunächst die Grundannahmen der konspirationistischen Weltsicht: (1) Nichts geschieht per Zufall – alles ist geplant. (2) Nichts ist so, wie es scheint. (3) Alles ist miteinander verbunden. (4) Es stehen sich Gut und Böse gegenüber.
Für diskussionswürdig hält Butter die These, dass alle Verschwörungstheorien falsch seien. Es gibt viele historische Beispiele für reale Verschwörungen und die sie begleitenden Vermutungen. Das Bemühen um die Ersetzung der »Theorien« im Begriff ist übrigens in den meisten Fällen nicht zielführend, zumindest wenn der Definition von Brian Keeley zugestimmt wird: »Eine Verschwörungstheorie verdient die Bezeichnung ›Theorie‹, weil sie eine Erklärung für etwas liefert.« Der Begriff Verschwörungserzählung ist problematisch, weil er suggeriert, dass nur »die anderen« etwas erzählen und nicht-verschwörungstheoretische Darstellungen nicht erzählerisch sind oder sein können. Das ist natürlich unsinnig – jede Nachricht hat auch erzählenden Charakter. Völlig klar ist jedenfalls, dass eine Verschwörungstheorie nur wirksam werden kann und nur Beachtung verdient, wenn sie in der Öffentlichkeit zirkuliert und durch Medien verbreitet wird.
Verschwörungstheorien vermuten meist Feinde, die von »unten« oder von »außen« kommen. Der Stil, in dem sie verbreitet werden, ist oft populistisch. Michael Butter widmet dem Populismus, der Demokratiefeindlichkeit und dem Antisemitismus vieler solcher Theorien ein eigenes Kapitel. Antisemitismus ist für viele Kritiker untrennbar mit Verschwörungstheorien verknüpft, auch wenn das eine empirisch nicht haltbare Behauptung ist. Ein weiteres Kapitel gilt der Konjunktur der Verschwörungstheorien in den USA in den letzten Jahren. Aus Deutschland behandelt er schließlich neben den Covid-»Querdenkern« auch die Reichsbürger und ihre Ideologie.
DER DEUTSCHE DISKURS
Interessant ist für mich das letzte Kapitel des Buchs, in dem es um die Forschung über Verschwörungstheorien und die Kritik an ihnen geht. Die Unzahl von deutschen Studien wurde eingangs schon erwähnt. Die Projekte bestätigen in der Regel, dass Verschwörungstheorien per se gefährlich seien – schließlich geht es ja auch darum, den Geldhahn für die Förderung von Anschlussstudien und -maßnahmen offen zu halten. Butter zeichnet sogar die Sozialfigur des »Verschwörungstheorieaktivisten«. Der Diskurs über Verschwörungstheorien schürt – im Sinne des englischen Soziologen Stanley Cohen – eine »moralische Panik«, ist also in hohem Maße alarmistisch.
Da Ursachen wie Krisenangst, Kontrollverluste, prekäre Lebensverhältnisse usw. im öffentlichen Diskurs über Verschwörungstheorien gar nicht behandelt werden, liegt für Butter der Schluss nahe,
dass dieser letztendlich nicht nur, aber vor allem der Selbstbestätigung der an ihm Beteiligten dient. Er ist eine Form dessen, was die Soziologie als boundary work bezeichnet: ein Mechanismus der Abgrenzung, der die Überlegenheit der eigenen Gruppe bestätigt und so deren Gruppenidentität stärkt. Wer sich gegen Verschwörungstheorien engagiert, ist liberal, tolerant, progressiv und demokratisch; wer an Verschwörungstheorien glaubt, steht für die entgegengesetzten Werte.
Desinformation als Forschungsthema und Gegenstand medialer Aufregung ist eng mit dem der Verschwörungstheorie verwandt. Auch dort gilt vor allem die Annahme einer ernsthaften Bedrohung der Demokratie und des gesellschaftlichen Zusammenhalts durch die verbreiteten Informationen. Butter weist auf das verbreitete »Infektionsmodell« hin, nach dem Inhalte im Internet so ansteckend sind wie Viren im echten Leben. Konversion durch passiven Medienkontakt, wie würden Werbemenschen jubeln, wenn das möglich wäre … Dass die Verbreitung und Wirkung von Fehlinformationen maßlos übertrieben wird, erreicht kaum noch die Öffentlichkeit. Die »Critical Disinformation Studies«, eine in den USA und Großbritannien, aber nicht in Deutschland verbreitete Forschungsrichtung, untersucht hingegen auch die Wirkungen des Alarmismus und hat herausgefunden, dass er vor allem durch den Vertrauensverlust aller Medien als weitaus demokratieschädlicher bewertet werden muss als der behauptete Einfluss von Desinformation in den Sozialen Medien. Die Interessenlage hinter dieser Behauptung liegt auf der Hand: Traditionelle Medien fühlen sich durch das Internet in ihrer gesellschaftlichen Rolle bedroht – zumal sie ihre Publikationspraxis oft zu spät an die neuen Verhältnisse der Verbreitung und Rezeption von Informationen angepasst haben. Eingekleidet in sonntagsrednerische Formulierungen, die Interessen der Allgemeinheit in den Vordergrund stellen, wird staatliche Regulierung gefordert, neuerdings auch das Nutzungsverbot von Social-Media-Plattformen für Jugendliche.
Den Gegendiskurs zum Konspirationismus findet Michael Butter oft ebenso unangemessen aufgeregt und moralisierend wie den verschwörungstheoretischen Diskurs: »Praktisch jede Verschwörungstheorie, egal wie absurd und marginal sie auch sein mag, wird als veritable Bedrohung verstanden.«
Was sollte anders werden? Die Untersuchung von Verschwörungstheorien sollte wissenschaftlicher werden und vor allem die Umgebungen, aus denen heraus solche Theorien entstehen, soziologisch, psychologisch und ethnographisch in den Blick nehmen. Auch sollte die Finanzierung von -zig parallelen Projekten stark reduziert werden. Butter nennt beispielhaft eine Blüte dieser Finanzierungswut für nutzlose Projekte: Der Fabulant, vom Land Hessen seit 2022 mit 640.000 Euro gefördert, seit 2025 von der Robert-Bosch-Stiftung. Es soll jüngere Menschen ansprechen, auf TikTok findet sich allerdings nur Kritik von rechts an dem Projekt und nicht der Fabulant selbst.
Butter, Michael: Die Alarmierten. Was Verschwörungstheorien anrichten. Berlin: Suhrkamp, 2025.