Nicht einfach nur weggelesen: zwei sprachskeptische und auf verschiedene Weise auch gesellschaftskritische Bücher junger deutschsprachiger Autoren. Elias Hirschl wird jetzt im Erscheinungsroman seines Romans 32, Gisela Elsner war 27, als ihr »Bericht« erschien.
Die Riesenzwerge wurden damals als skandalös empfunden. Das Spielen mit der Sprache, der Blick auf dumpfe (klein)bürgerliche Verhältnisse, ekelerregende Details zum Beispiel über einen Bandwurm und sexuelle Anzüglichkeiten wurden als jugendgefährdend eingestuft. Berichtet wird aus der Perspektive des fünfjährigen Jungen Lothar, der bis zum letzten Wort des Buchs noch nicht bis elf zählen kann. Elsner schreibt gesellschaftsanalytisch und sprachlich auf einem erstaunlich hohen reflektierten und reflektierenden Niveau. Sie arbeitet mit oft grotesken Verfremdungen; Annäherungen an den Nouveau Roman und die Konkrete Poesie sind an manchen Stellen unverkennbar.

Schleifen steigt in die Sprachkritik und Sprachvernichtung mit dem Wiener Kreis ein, zu dessen Mitgliedern die Protagonistin Franziska Denk schon in ihrer Kindheit Kontakt hatte. Sie leidet an einer Erkrankung, die wie die Sapir-Whorf-Hypothese funktioniert: Wenn sie etwas über eine Krankheit liest oder hört, bekommt sie sofort deren Symptome. (Der Film Arrival von Denis Villeneuve bot 2016 eine andere Variante dieser Hypothese an, bei der das Erlernen einer Alien-Sprache die Zeitempfindung umbaute.) Franziska entwickelt systematisch ganze Sprachen neu und kämpft polyglott gegen viele Bezeichnungen und das von ihnen Bezeichnete (das durch das Aussprechen zum Verschwinden gebracht wird). Angesichts der vielen originellen Einfälle des Autors macht das Spaß, allerdings nur solange, wie seine Protagonistin am Leben ist. Die zweit Hälfte des 400-seitigen Buchs hätte um die Hälfte gekürzt werden können, die Einfälle werden immer erwartbarer und sind kaum noch amüsant.

Dennoch sind beide Bücher wohltuende Medizin gegen die aktuelle allzu realistische, inhaltlich und formal uninteressante, (auto)fiktionale Flut. Meine Selbstmedikation geht weiter, das letzte Buch von Cărtărescu wartet schon länger auf Lektüre.
Gisela Elsner: Die Riesenzwerge. Ein Bericht. Reinbek: Rowohlt, 1964, 1968; Berlin: Wagenbach, 1995; Berlin: Aufbau, 2001.
Elias Hirschl. Schleifen. Roman. Wien: Zsolnay, 2026.