Michal Ajvaz’ Roman Passagen unter Glas offenbart phantastische Bildwelten
auch erschienen in literaturkritik.de
Michal Ajvaz, der 1949 geborene tschechische Schriftsteller und Essayist, ist in Deutschland noch viel zu wenig bekannt. Immerhin liegt mit dem Roman Passagen unter Glas nun die dritte Übersetzung eines seiner Werke vor. Der Erzählungsband Die Rückkehr des alten Waran erschien 2018 im Wieser Verlag und der Roman Die andere Stadt 2025 in dem von Veronika Siska gegründeten Allee Verlag. Sie hat alle drei Bücher übersetzt.

Anders als in den zwei genannten Werken ist das erzählte Geschehen in Passagen unter Glas nicht auf die Stadt Prag konzentriert, sondern spielt in Leipzig und an einigen italienischen und österreichischen Orten. Der Aufbau des Buchs ist wie der Buchstabe W geformt. Die drei oberen Spitzen repräsentieren die Rahmenhandlung, die zwischen zwei Erzählsträngen ein kurzes Intermezzo hat. Die beiden Teile sind nicht ganz symmetrisch, ähneln einander aber durch ihre tiefe Verschachtelung und ihre Personenkonstellationen. Die Rahmenhandlung wird von einem aus Prag zur Leipziger Buchmesse angereisten Schriftsteller erzählt. Er ist ein Liebhaber der vielen Passagen im Leipziger Zentrum, die er gleich nach seiner Ankunft in der Stadt angeregt durchkreuzt. In einer dieser Passagen befindet sich ein runder, mit Kreisen auf dem Boden verzierter Platz, an dem sich vier Gänge treffen. Als der Erzähler sich diesem Platz nähert, bemerkt er zwei Männer, die von rechts und links auf dessen Mitte zusteuern. Absolut symmetrisch ist ihre Bewegung, und beide halten eine Stofftasche der Buchmesse in der Hand – der von links kommende Mann in der rechten Hand, der von rechts kommende in der linken Hand. Sie tauschen die Taschen aus und prüfen ihren Inhalt: In jeder befindet sich ein weißes Kästchen mit einem auffälligen Knauf auf dem Deckel. – Die detaillierte Beschreibung des symmetrischen Geschehens erinnert stark an Paul von Ostaijens Alpejagerslied aus dem Jahr 1928, in dem sich zwei Herren an einer Ecke genau vor dem Laden der berühmten Hutmacher Hinderickx und Winderickx begegnen und auf gleicher Höhe ihre hohen Hüte ziehen. Symmetrie und Mechanik prägen viele erzählende Passagen des Buchs von Michal Ajvaz. Assoziationen an die Automatenphantasie von E. T. A. Hoffmann und moderne Roboter stellen sich ein und werden im Fortgang der sich über 450 Seiten erstreckenden Romanhandlung weiter gefüttert.
Das Geschichtenerzählen kommt dadurch in Gang, dass der Erzähler die beiden Männer in einem Café sitzen sieht, mit den weißen Kästchen vor sich, und es wagt, sie auf den beobachteten Austausch und die Kästchen selbst anzusprechen. Der Mailänder Kunsthistoriker Carlo und der Wiener Literaturhistoriker Max enthüllen überraschenderweise bereitwillig, was sie mit den Kästchen verbindet und was sie mit ihnen erlebt haben. Die Berichte bilden in ihrer Ausformung durch den Erzähler die beiden Teile des Buchs.
Michal Ajvaz zieht Leserinnen und Leser in dessen erster Hälfte in eine sich fließend erweiternde siebenstufige Konstruktion hinein. Der Erzähler beschreibt, wie der über den „metaphysischen“ Maler Giorgio de Chirico arbeitende Kunsthistoriker Carlo die junge Malerin Francesca kennenlernt, die ein an ihn erinnerndes Bild gemalt hat. Sie hat sich mit Angelo angefreundet, einem jungen Genie mit so vielen Interessen, dass er sich auf keins von ihnen konzentrieren kann, sein Studium abbricht und nun bei der Post in Venedig arbeitet. Außerhalb seiner Arbeit ist er vollkommen untätig. Seine Standpunkt- und Meinungslosigkeit entwickelt sich zu seiner Haupteigenschaft. Vielleicht ist er deshalb imstande, sich beim Betrachten eines Gebüschs durch ein Fenster ein „Bauwerk“ zu imaginieren, das er immersiv durchwandern kann. Er sieht auf einem Tisch ein aufgeschlagenes Buch, das er nach einigen Tagen zu lesen versteht. Dessen Autor ist der investigative Journalist und Science-Fiction-Autor Mike. Eine seiner Romanfiguren, Ela, findet das Manuskript eines langen Prosagedichts, in dem – dies ist dann schon die siebte und unterste Ebene der verschachtelten Erzählung – die Hauptfigur Valerie in magisch-phantastischen Abenteuerwelten unterwegs ist. Um dieses Gedicht, seine Herkunft und sein Schicksal, geht es in einem wichtigen Erzählstrang, dann aber auch wieder um den Reporter Mike, der einer Schar von Partygästen von seiner Romanidee und auch vom Leben Raymond Roussels berichtet und den Anstoß zu einer Art Erzählwettbewerb um die Fortsetzung seines Romans gibt. Roussels Roman Locus Solus von 1913 liefert Muster für chaotisch anmutende Verschachtelungen und die Konstruktion systematischer Mehrdeutigkeiten. Zumindest im Hinblick auf den verschachtelten Aufbau seiner Erzählstränge hält Ajvaz mit diesem Vorbild mit. Vieldeutige Motive und rätselhafte Handlungen prägen an vielen Stellen das Geschehen, aber ob Teile nach der von Roussel in seinem posthum erschienenen Text Wie ich einige meiner Bücher geschrieben habe beschriebenen Methode entstanden sind, lässt sich ohne Kenntnis des tschechischen Originals nicht ermessen. Die Sprache der deutschen Übersetzung gleitet schwebend leicht über die unwahrscheinlichsten und grausamsten Begebenheiten hin, lässt jedoch nirgendwo ahnen, dass Ajvaz das semantisch-grammatische Spiel Roussels spielt.
Surreal-phantastische Anteile gibt es jedoch immer wieder. Valerie ist beispielsweise die Mitautorin einer mehrbändigen Enzyklopädie der Flecken, die durch abblätternden Putz an Wänden entstehen und
kannte die Gefahren gut, die von wilden Tieren in nächtlichen Fluren, vom berauschenden Gift der Tapeten und vor allem von den mechanischen Rezitatoren obszöner und grausamer außerirdischer Epen ausgingen, die um drei Uhr morgens im Treppenhaus standen […].
Angelos Expeditionen in seinem „Bauwerk“, zu dem es Zugänge durch von ihm imaginierte Bücher gibt, sind zunehmend nicht nur durch Neugier motiviert, sondern auch durch Reflexionen über den möglichen Sinn seiner Konstruktion. Immer wieder wird die Suche nach einem System oder einer Methode allerdings erschüttert durch Begegnungen wie diese, die er in einem Mathematikbuch erlebt:
Angelo begegnete dort zum Beispiel einem Zeichen, das sich auf Subtraktion bezog, die nur bei Regenwetter ausgeführt wurde, ein anderes Zeichen stand für einen algebraischen Vorgang, der in Gegenwart weißer Statuen durchgeführt wurde, wieder andere Zeichen meinten das Subtrahieren schleimiger Ungeheuer oder aber eine Multiplikation, durchgeführt in den Ruinen einer römischen Stadt an einem lauen Sommerabend.
Sein Bauwerk umfasst schließlich das ganze Gebiet Venedigs, und er entwickelt die Angst, er könnte es durch Sprache zerstören, wenn er einen Bericht darüber verfasste. Für ihn gilt der Satz Walter Benjamins aus dessen Passagen-Werk: Geschichte zerfällt in Bilder, nicht in Geschichten. Dieser Satz steht, wie sich zeigt, in einer engen Beziehung zum Inhalt eines der beiden Kästchen.
Der zweite Teil des Romans erzählt die Geschichte, die Max, der Wiener Literaturwissenschaftler, einbringt. Zu seinen Interessen gehören Leben und Werk von Robert Musil, und speziell geht es um den von Musil 1906 erfundenen und gebauten „Variationskreisel“. Mit diesem Instrument lassen sich durch eine drehbare zweifarbige Kreisfläche kontinuierlich Mischfarben anzeigen. Max möchte das Original dieses Geräts unbedingt in seinen Besitz bringen. Es befindet sich in einem Café in Klagenfurt, das von einem Geschwisterpaar betrieben wird, Rachel und Julius. Max fährt nach Klagenfurt und beginnt, das Café, den Musilschen Kreisel und Rachel regelrecht zu belagern. Julius baut aus technischen Apparaten Skulpturen, die nur durch das Hinsehen die Vorstellung von Figuren aus klassischen Sagen und vollständige Dramen erzeugen. Im Übrigen ist er in Ergänzung zu Angelo, dem Mann ohne Meinungen in der ersten Hälfte des Buchs, ein ausgesprochener Mann ohne Eigenschaften.
In diesem Teil des Buchs spielt Hugo von Hofmannsthals Drama Der Abenteurer und die Sängerin eine große Rolle. Ajvaz benutzt es, um auch hier wieder eine vergnügliche Verschachtelung zu konstruieren. Das Theaterstück wird von künstlichen Menschen in einem Raumschiff aufgeführt, das ein reicher Ingenieur für sich konstruiert und in den Orbit gebracht hat. Es geht ihm um die Wiederbelebung der Erinnerung an eine Aufführung, die er selbst einmal miterlebt hat. Diese Performance im Raumschiff ist wiederum der Stoff eines Theaterstücks, das Rachel und Julius sich ansehen, und zwischen der Schauspielerin Sylvia und Julius entspinnt sich der Ansatz einer Beziehung. Sylvia erhielt ihren Namen von ihrem Gedichte schreibenden Vater nach der Titelfigur eines Romans von Gérard de Nerval. Das ist wieder eine der vielen Referenzen zur westeuropäischen phantastischen und surrealistischen Tradition, die Michal Ayvaz anbietet – und denen es nachzugehen lohnt. Auch im Roman Sylvie wimmelt es nämlich von verschachtelten Rückblenden (und Vorblenden), und die Leser werden methodisch im Ungewissen über Zeiten, Orte und Zusammenhänge gelassen.
Ein wesentliches Thema auch des zweiten Teils ist die Immersion. Statt um das von Angelo ersonnene Bauwerk des ersten Teils geht es jetzt um den „Streifen“, mit dem Julius eine Art Kinematoskop füttert. Er besteht aus Zeichnungen und Bildern, die zunächst ineinanderfließen und dann ein dreidimensionales Eintauchen in die Tiefen einer phantastischen Bilderwelt ermöglichen. Ein Comic, der alle von James Joyce in Finnegans Wake erfundenen Wörter in eine Bildsprache übersetzt, ist ein weiteres Projekt von Julius, über das jedoch (leider) nichts Konkretes berichtet wird.
Michal Ajvaz versteht es in diesem Roman, wie schon in Die andere Stadt, seinen Lesern mit sprachlichen Mitteln den Einblick in Bildwelten zu vermitteln, die gelegentlich in wilder Mischung aus Landschaften, Monstren, Obszönitäten, Vulkanschloten und Unterwasserurwäldern bestehen. Die Kombination von Alltagserfahrung und Phantastischem erreicht in Passagen unter Glas eine neue Höhe. Die Erzählung ist fern jeder Anbiederung an Traditionen oder Moden und behält ihren leichten Ton selbst in ihren philosophischen, kunst- und literaturtheoretischen Reflexionen bei.
Michal Ajvaz: Passagen unter Glas. Aus dem Tschechischen von Veronika Siska. München: Allee Verlag, 2026.