Unmöglicher Abschied

In den Wochen, in denen ich mich vor allem mit den Errungenschaften der Künstlichen Intelligenz beschäftigt habe, für die 2024 vier Männer Nobelpreise erhielten (2 x Chemie, 2 x Physik), habe ich nebenbei auch das Buch von Han Kang gelesen, die 2024 den Nobelpreis für Literatur erhielt.

Dieses Buch verdient einen Warnhinweis. Es ist voller Grausamkeiten, die zunächst eine subtile Form haben, wie die präzisen Beschreibungen von körperlichen Schwächezuständen und der postoperativen Behandlung zweier replantierter Finger. Damit das Zusammenwachsen gelingen kann, müssen die Wunden immer wieder geöffnet werden. Wenn das eine Metapher zur Teilung Koreas sein soll, wie ein Rezensent meinte, müsste sie aber andersherum aufgezogen werden: Erst wenn das Zusammenwachsen gelungen ist, können die Wunden heilen.

Danach beginnt die Schilderung einer langjährigen Freundschaft der Ich-Erzählerin Gyeongha, einer Autorin, und Inseon, einer Dokumentarfilmerin, die allerdings schon länger keinen Film mehr produziert hat. Stattdessen hat sie sich auf die Insel Jeju in ein einsames Haus zurückgezogen, in dem ihre Mutter einmal gelebt hatte.

Die Nennung der Insel sollte zu einer kurzen Recherche veranlassen. Wer sich in der koreanischen Geschichte ein wenig auskennt, weiß zumindest, dass das Land nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs und der japanischen Annexion 1948 in zwei Hälften geteilt wurde. Nach einem dreijährigen Krieg, an dem die USA und die VR China beteiligt waren, wurde 1953 diese Teilung verfestigt. Danach herrschten in Südkorea bis Mitte der 1990er Jahre autoritäre Regimes, einige Militärdiktatoren und niemals Freunde der Demokratie. All diese Regimes wurden von den USA gestützt, trotz vieler Proteste in der westlichen Welt.

Jeju liegt südlich vor der Südwestspitze Koreas, vom Festland weit entfernt, und war dennoch ein Schauplatz der Auseinandersetzungen nach 1945.

Auf der Insel fand von April 1948 bis Mai 1949 ein Aufstand statt, der von antikommunistischen bewaffneten Milizen (zum Beispiel einer »Nordwest-Jugendliga«) äußerst blutig niedergeschlagen wurde. Ein Jahr zuvor gab es erste Proteste der Inselbewohner gegen die Wahlen, die von der temporären Kommission der Vereinten Nationen im amerikanisch besetzten Teil von Korea ausgerufen worden waren. Die Befürchtung war, dass dadurch die Teilung des Landes befestigt würde. Im Roman gibt es Anspielungen auch auf weitere Ereignisse in der Geschichte des Landes, wie zum Beispiel den Gwangju-Aufstand 1980.

Die Erzählerin wird von ihrer Freundin aus der Klinik heraus gebeten, dringend in ihr Haus auf Jeju zu reisen, um dort ihren geliebten Vogel Ama zu tränken und zu füttern, der sonst vor Durst eingehen müsste. Trotz eines heftigen Migräneanfalls macht sich Gyeongha auf den Weg, der äußerst beschwerlich und immer sinnloser wird, weil der Wintereinbruch und ein Schneesturm ihre rechtzeitige Ankunft in dem Haus verhindern. Der Vogel ist tot, Wasser und Strom fallen aus, der Erzählerin geht es schlecht.

Durch das Buch ziehen sich zunehmend längere kursiv gedruckte Passagen, die Aufzeichnungen Inseons, ihrer Mutter und anderer Personen wiedergeben. In ihnen geht es nicht einfach um die Familiengeschichte, sondern auch um die systematischen Massenmorde und die Massengräber überall im Land, nicht nur auf Jeju.

Der zweite Teil des Buchs enthält irritierende Wiederauferstehungen und Geistererscheinungen. Erst taucht der begrabene Vogel wieder auf, dann erscheint Inseon, verhilft der Erzählerin zu etwas Essen und ein wenig Wärme. Nun häufen sich im Text die Berichte über ihre Familienangehörigen, aus denen auch die Bedeutung des Hauses auf Jeju hervorgeht. Die Erzählerin ist sich permanent nicht sicher, ob Inseon physisch anwesend ist, es finden keine Berührungen zwischen ihnen statt. Schließlich gehen sie in der Dunkelheit hinaus in die Kälte und legen sich an einem von Inseon gewählten Ort in den Schnee.

Ein bedrückendes Buch. Geprägt von der jahrzehntelangen koreanischen Gewaltgeschichte wie viele koreanische Filme. Es ist jedoch ein gutes Buch. Man muss lernen, mit ihm umzugehen. Das Sprechen über die Lasten, die Generationen von Koreanerinnen und Koreanern gequält haben und sie nach wie vor in Unruhe versetzen, kann nicht einfach als Kitsch abgetan werden, wie es einige Rezensentinnen (!) getan haben (siehe Perlentaucher).


Han Kang: Unmöglicher Abschied. Roman. Berlin: Aufbau, 2024.