Was für eine Enttäuschung!

Unverdrossen drischt Thomas Pynchon, der jetzt angeblich 88 Jahre alt ist, altes Stroh. In der Halbwelt von 1929 ff. in Michigan wird munter palavert, es gibt hintergründige Machenschaften von Geheimdiensten und Institutionen, Songtexte werden eingestreut, und es fehlt nicht an einigen milden Absurditäten.
Die Hauptfigur, der Privatdetektiv Hicks, hat erwartungsgemäß Charakterzüge, wie sie in der älteren populären Kriminalliteratur (Chandler; Ambler) üblich waren. Junge Frauen werden »Schnucken« (im Original »tomato«) genannt, die Kerle sind noch echte Kerle. Die sich über etliche Stationen und immer wieder ähnliche Figurenkonstellationen erstreckende Handlung will ich hier nicht nacherzählen. Zu den Absurditäten gehört das österreichisch-ungarische U-Boot aus dem 1. Weltkrieg, das im vereisten Lake Michigan herumschippert, die Werbung für radioaktiven Käse und das internationale Käsefälschungskartell. Die »Vierteljahreshefte für geschmacklose Lampen« und ein paar Formulierungen sind winzige heitere Lichtlein im ansonsten routiniert voranerzählten Text. Protagonist, Autor und selbstähnliche Handlung wandern von Amerika nach Budapest. Einen Moment lang habe ich erwartet, dass auf den erstaunlichen hohen Anteil von ungarischen Wissenschaftlern an der Produktion der ersten Atombomben angespielt würde. Leider Fehlanzeige. Die letzten 150 Seiten (bis auf die absolut letzten 5) habe ich überflogen, weil ich die Geschichte und die Erzählweise immer weniger interessant fand.
Routiniert ist auch die Übersetzung von gleich zwei Übersetzungs-Offizieren (Nikolaus Stingl und Dirk van Gunsteren), die dafür gesorgt haben, dass Original und deutsche Fassung im selben Jahr erscheinen konnten.
Nicht ganz erfreulich ist die Innentypographie von Daniel Sauthoff. Das Bild zeigt, wieso.

Thomas Pynchon: Schattennummer. Hamburg: Rowohlt, 2025.