auch: Paranoia (5)
Dabeisein ist alles. Die Politik des »Wir« reagiert auf den seit Jahrzehnten zu beobachtenden Bedeutungs- und Vertrauensverlust von Institutionen. In den ersten vier Jahrzehnten nach der Zerschlagung der NS-Herrschaft war der Erlebnisgehalt der Demokratie trotz tiefer Gräben zwischen den Parteien und Milieus hoch. Im 21. Jahrhundert sind starke Nivellierungstendenzen sichtbar, abgesehen von den unbearbeiteten Problemen der Eingliederung der DDR-Bevölkerung.

Allerdings: Versuche der Ausgrenzung auch großer Gruppen gab es zunächst. Unter Adenauer war es in großen bürgerlichen Zeitungen nicht selten, dass eine potentielle SPD-Regierung als Handlanger Moskaus bezeichnet wurden. Die Parole des Kanzlers Brandt »Mehr Demokratie wagen« signalisierte eine Verschiebung von Wertorientierungen – während sich gleichzeitig ein sozialstruktureller Wandel vollzog. Milieubindungen wurden schwächer, die räumliche und weltanschauliche Mobilität wuchs. Bedrohungen von außen schienen sich verflüchtigt zu haben, allerdings entstanden im Osten der erweiterten Bundesrepublik neue Drucksituationen und Ausgrenzungsängste, die im Stammgebiet und bei dessen Eliten nicht viel Reflexion auslösten – aber doch bemerkt wurden. Das scheint eine gute Voraussetzung für jenes bestimmte »zeittypische Geflecht von Sichtweisen, Sprechweisen und Relevanzbehauptungen« gewesen zu sein, das sich seitdem zu einem wehrfähigen geistigen und moralischen Block verdichtet hat. In der politischen Sphäre umfasst er genau jene Gruppierungen, die es schon vor 1990 in der BRD gab. Sie bilden trotz gelegentlicher interner Konflikte und wechselnder Koalitionen jenes »Wir«, das in dem Essay des Philosophen Ralf Konersmann über Außenseiter die Innenseite beherrscht.
Dieses Wir, das in den fraktionierten Gesellschaften der Moderne das Wort ergreift … ist groß, urteilsfreudig und besitzergreifend. Als informelles Bündnis Ähnlich- und Gleichgesinnter ist es erklärtermaßen politisch und nimmt für sich in Anspruch, die Frage der Zugehörigkeit in seinem Sinn zu entscheiden.
Die »Nostrifizierung«, die Konersmann beobachtet, verwischt viele früher erkennbare und akzeptierte Abgrenzungen gesellschaftlicher Gruppen und »überträgt die Loyalitäten des Nahbereichs auf die Gesamtgesellschaft«. Die Einforderung eines Grundkonsenses läuft auf die Ersetzung der Orientierung in der Gesellschaft durch das Verlangen der Orientierung an der »Gemeinschaft«. Konflikte und Brüche in den verschiedenen gesellschaftlichen Systemen gehörten lange zu ihren akzeptierten Kennzeichen. »Gemeinschaften … sehen die Einzelnen als je schon Gebundene und erwarten, dass sie ihre Bindung bestätigen. Sie fordern sie dazu auf, sich zwischen dem Wir – also ›uns‹ – und denen, die abweisen und außerhalb stehen, zu entscheiden.«
Das tiefe Verlangen nach Einmütigkeit leitet dazu an, Sozial- und Hilfswissenschaften zu mobilisieren, um Stichworte zur Etikettierung von Sünden und Sündern zur Verfügung zu stellen. Etiketten und Stereotype werden als sprachpolitische Instrumente zur Identifizierung und Ausgrenzung von Abweichlern eingesetzt. »Die Geschichte des Wissens zeigt exemplarisch, wie verführerisch leicht es ist, die Hermeneutik des Verdachts in Gang zu setzen und diejenigen zu markieren, die als Außenseiter out of relevant meaning sind.«
Konkreter im Sinne einer Auseinandersetzung mit Erscheinungen aktueller Entwicklungen wird Konersmann nicht. Gerade deshalb ist sein Text aber so anregend, Stellungnahmen von Verantwortlichen in Politik und Medien kritisch zu rezipieren. Wer den einen oder anderen Newsletter über diese Sphären abonniert hat, findet täglich mehrfach Anrufungen des allgemein Verbindlichen und Gemeinsamen, das es zu verteidigen gilt – und das häufig mit der angeblich bedrohten »Demokratie« identifiziert wird.
Ich habe hier nur die eine Seite des Außenseiter-Phänomens herausgegriffen, die derjenigen, die über Drinnen und Draußen entscheiden. Konersmann beschäftigt sich selbstverständlich auch mit den Ausgegrenzten selbst, von der Antike bis zur späten Moderne.
Seine Ausführungen zur »Nostrozentrik« faszinieren mich jedenfalls.
Konersmann, Ralf: Außenseiter. Ein Essay. Frankfurt am Main: Fischer, 2025.