Kategorie: Kommentare

  • Ist die digitale Transformation neoliberal?

    Der WDR-Rundfunkrat (entsandt vom Filmbüro NW und der Arbeitsgemeinschaft Dokumentarfilm) Robert Krieg hat in den Blättern für deutsche und Internationale Politik zu Plänen des WDR und zum Auftrag des öffentlich-rechtlichen Rundfunks insgesamt Stellung genommen. Ihm unterlaufen dabei eine Reihe von Konfusionen, die bei der weiteren Diskussion des Rundfunkauftrags nicht weiterhelfen.

    1. Die Einrichtung und die für alle Haushalte verpflichtende Finanzierung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks basiert auf dem Auftrag, der Allgemeinheit Medieninhalte bereitzustellen, deren Art und Inhalt sich nicht an den Gesetzen des Marktes orientiert. Verfassungsrichter haben mehrfach festgelegt, dass schwerpunktmäßig Information, Bildung, Beratung, Kultur und Beiträge zur Unterhaltung, die einem öffentlich-rechtlichen Profil angemessen sind, produziert werden sollen. Dass diese Medien »Teil der vierten Gewalt« und somit »eine unverzichtbare Säule des demokratischen Rechtsstaats« sein sollen oder sind, ist verfassungsrechtlich nicht formuliert. Die »vierte Gewalt« ist auch nicht einmal rechtsphilosophisches Feuilleton, sondern eine anmaßende Selbstbeschreibung der journalistischen Profession. Sinnvoller und verfassungstreuer ist die von Hans Wagner vorgeschlagene Formel, die Medien seien idealerweise der »Gesprächsanwalt« der Allgemeinheit. Das Konzept der »vierten Gewalt« sprengt das verfassungsrechtliche System der Gewaltenteilung, da für sie keine andere Kontrollinstanz vorgesehen wäre. Bedenklicher an Kriegs Satz ist jedoch, dass allein schon die Institution des öffentlich-rechtlichen Rundfunks für den demokratischen Rechtsstaat unverzichtbar sein soll – und nicht die Funktion seiner journalistisch-redaktionellen Anteile, sofern sie denn erfüllt wird.

    2. Um die Erfüllung des Auftrags geht es Krieg hauptsächlich. Die mit der Einführung des Privatrundfunks auf das öffentlich-rechtliche System hinübergesickerte Orientierung an der Quote geißelt er mit Recht: »Der ÖRR bildet die gesellschaftlichen Entwicklungen nicht nur in seinen Programmen ab, er ist zugleich ein Teil davon. Der marktliberale Geist, der die westlichen Demokratien heute beherrscht, hat auch vor dem ÖRR nicht Halt gemacht. Beim allgemeinen Bestreben, die Gesetze der Marktwirtschaft auf alle Bereiche des Lebens auszudehnen, ist den Programmverantwortlichen die Quote das Instrument der Wahl zur Durchsetzung dieses Prozesses innerhalb der öffentlich-rechtlichen Medien.« Auch der von ihm zitierten Beobachtung, dass die Orientierung am linearen und am non-linearen Angebot sich tendenziell immer weniger auf Generationen verteilen lässt, ist zuzustimmen. Seine Polemik gegen den angeblichen Plan, linear nur noch leicht konsumierbare Unterhaltungsmusik und Neuigkeiten zu verbreiten und alle »nachhaltigen« Inhalte von vornherein als non-lineare Angebote zu produzieren, geht allerdings ins Leere, da ihr ein wichtiger Maßstab fehlt. Die Erreichbarkeit aller interessierten Mediennutzer ist virtuell im non-linearen Bereich weitaus größer als im linearen – räumlich und zeitlich. Auch die technische Qualität – wichtig bei der Rezeption von E-Musik, Features und Hörspielen – kann im Online-Angebot weitaus besser sein als in den gesendeten Fassungen. Streaming-Anbieter glänzen mit »Lossless«-Qualität, die tatsächlich der einer CD entspricht. Dass lineare Radioprogramme nach der Verlagerung von Kulturprogrammen ins Non-Lineare ausschließlich »Easy Listening« anbieten, ist vielleicht nicht unwahrscheinlich, aber absolut nicht zwingend. Eine Live-Mischung aus moderierter, redaktionell ausgewählter Musik mit regionaler und allgemeiner Information ist aller Voraussicht nach das erfolgversprechendste Residuum des linearen Hörfunks. Mit diesen Komponenten kann er möglicherweise auch längerfristig gegen Streaming-Anbieter bestehen.Dass »Content-Formate«, die vielfältige Interessengruppen berücksichtigen, »nicht mehr die Gesamtgesellschaft erreichen sollen«, kann nicht zutreffen, da die Angebote ja für alle zugänglich sind. Verglichen mit der tatsächlichen Reichweite von linearen Kulturwellen, deren inhaltliche Komponenten jeweils nur kleine Zielgruppen-Segmente erreichen, ist das Reichweiten-Potential von Audiotheken deutlich größer. Ein wenig Ermutigung der Zielgruppen zum Umstieg und zur Erkundung dieser Angebotsformen gehört ebenso zu den Voraussetzungen wie tatsächlich attraktive und gut funktionierende Mediatheken. Das in diesem Zusammenhang von Krieg erwähnte Targeting von Mikro-Zielgruppen ist fehlplatziert, Targeting bezieht sich auf die Ausrichtung von Werbeschaltungen auf Publika, die mit bestimmten Inhalten getriggert werden. Die Kategorisierung und Rubrizierung von Inhalten in Bibliotheken und Mediatheken ist kein Targeting.

    3. Die Berücksichtigung vieler Teilinteressen in einem Online-Angebot kann – da alles für alle nebeneinander zugänglich ist – nicht als Schwenk vom gesellschaftspolitischen zu einem plattformkapitalistischen Denken (Krieg gefällt hier eine Formulierung von Felix Stephan aus der Süddeutschen Zeitung) denunziert werden. Unter Voraussetzung sinnvoll funktionierender und attraktiver Online-Umgebungen gibt es dort sehr viel mehr Möglichkeiten, durch Hinweise und Verknüpfungen Interessenten mit Inhalten zusammenzubringen. Die datenschutzkonforme Sammlung von Nutzer- und Nutzungsdaten zur Unterstützung solcher Hinweise muss dabei zu keinen Einengungen (im Sinne der Verstärkung des Immergleichen) führen, sondern kann für Anbieter und Nutzer bereichernd sein.

    4. Krieg nennt die Gefahr, dass die existierenden und geplanten zentralisierten Newsrooms hierarchisierte Entscheidungen ermöglichen. Dies ist tatsächlich unter anderem durch medienethnographische Studien gut belegt. Weiterhin liegt die Gefahr nahe, dass die in die Newsrooms einfließenden Nutzungsdaten die Produktion von Inhalten nicht vielfaltsfördernd, sondern nur quotenfördernd beeinflussen. Beide Gefahren können nur durch andersartige unternehmensinterne Organisations- und Verantwortungsstrukturen und ihre Kontrolle durch die Aufsichtsgremien eingedämmt oder ausgeschlossen werden. Zentralisierte Bereiche mit einer keineswegs allkompetenten Leitungsperson vertragen sich nicht mit dem Anspruch, unabhängigen Journalismus zu betreiben und auch intern »Pressefreiheit« zu gewährleisten – worin sich öffentlich-rechtliche Anstalten und der privatwirtschaftliche Tendenzbetrieb von Presse und Rundfunk unterscheiden (sollten). Krieg übersieht bei seiner Argumentation seine eigene aufsichtsführende Rolle. Die hierarchische Organisation der Newsrooms wurde von den Gremien durchgewinkt, und die in ihnen angewandten Algorithmen beruhen auf Organisationsentscheidungen, denen Gremien auch widersprechen können.

    5. Die sinnvollen und notwendigen Pläne zur Verlagerung der Angebotsschwerpunkte des Hörfunks in den non-linearen Bereich identifiziert Krieg umstandslos mit Marktradikalismus und sieht schlimme Folgen voraus: »Über kurz oder lang dürfte sich die Bevölkerung fragen, warum sie noch für ein vorgeblich das Allgemeinwohl fördernde Gemeinschaftsprojekt seinen Beitrag zahlen soll, wenn dieses doch längst in Einzelteile parzelliert wurde. Dann wird man doch gleich besser Abonnent einzelner ›Content‹-Kanäle wie bei anderen Streaming-Diensten auch.« Die Angebote des Rundfunks sind seit einigen Jahrzehnten schon parzelliert, und immer schon gab es Stimmen, die sagten: Ich möchte meinen Rundfunkbeitrag nur für arte, 3sat, den Deutschlandfunk und WDR3 zahlen. Die Harmonisierung von Einzelinteressen und virtuellem Gesamtinteresse ist in sinnvoll organisierten Portalen (das muss ich immer wieder betonen, gemeint sind nicht die Media- und Audiotheken in ihrem derzeitigen Zustand) weitaus leichter und umfassender zu realisieren als in den zahlenmäßig und durch ihre Zeitgebundenheit beschränkten linearen Angeboten.

    6. Die keineswegs nur von Krieg beobachtete und beklagte Tendenz zur Boulevardisierung öffentlich-rechtlicher Angebote kann man – wie Krieg – nur mit einem Habermas-Zitat geißeln, wenn man sich der Ironie bewusst ist, dass dieses 1962 entstand, als es in Deutschland ausschließlich öffentlich-rechtlichen Rundfunk gab. Wenn die Anrufung von Habermas, der die Ersetzung von Realitätsgerechtigkeit durch Konsumreife beklagt und den öffentlichen Gebrauch der Vernunft einfordert, zu etwas taugen kann, dann also zu einer kritischen Reflexion dessen, was Radio und Fernsehen als Mediengattungen überhaupt zur Vernunftbildung beitragen können. Für viele Medienwissenschaftler waren und sind sie primär Unterhaltungsmedien. Die Volkshochschul-Komponenten im deutschen Rundfunk der zwanziger sowie fünfziger bis siebziger Jahre waren immer schwer integrierbare Fremdkörper, für die zeitgemäße Formatierungen gefunden werden mussten. Diese gibt es, sie bewähren sich auch täglich, linear und auf Abruf, worüber ein Blick auf die Programmangebote des Deutschlandradios sofort belehrt. Krieg will das lineare Hörfunkprogramm weiterhin mit der Aufgabe belasten, Bildung zu vermitteln. Bildung ist jedoch als kommunikationsfreie Veranstaltung kaum vorstellbar. Die unidirektionale Verkündigung per Predigt oder Vortrag oder auch per Feature erzeugt bestenfalls Identifikation mit einer angebotenen Position, fördert aber nicht Reflexion und Wissen, die idealerweise im Dialog, auch verbunden mit Einspruch und Gegenrede, entstehen.

    7. Der gesellschaftliche Trend zur Individualisierung wird in den westlichen Industrieländern seit etwa fünfzig Jahren beobachtet. Der Beitrag von Medien daran ist nicht ermittelbar. Gewöhnlich geben sich Beobachter mit der Aussage zufrieden, die Medien »folgten« diesem Trend. Das ist auch plausibel, weil es zumindest bei kommerziellen Medien unwahrscheinlich ist, dass sie funktionierende Geschäftsmodelle ohne Not zerstören, nur weil aufgrund paralleler technischer Entwicklungen die Zersplitterung vorheriger Vollprogramme möglich wird. Die Fragmentierung der Lebensstile, Interessen und Befindlichkeiten drückt sich in der Differenzierung von Publika und deren Ansprache durch Medienangebote auf eine gewisse und sicher immer nur unvollkommene Weise aus. Eine Umkehrung der Fragmentierung ist eine illusionäre Bemühung. Sie taucht als Sehnsucht in vielen medienpolitischen Sonntagsreden auf, auch in den von Krieg zitierten Leitlinien der ARD. Das sinnvoll geordnete Nebeneinander von vielfältigen und von allen erreichbaren Online-Angeboten ist die einzig mögliche Antwort auf den Medienwandel. Sich dem mit rückwärtsgewandten Argumenten entgegenzustemmen ist vergebliche Liebesmüh.

    8. »Der gefährliche Trend zum neoliberalen Gestrigen beim Umbau des WDR-Programms, der den ›Content‹ als bloße Ware begreift, ist nicht unaufhaltsam. Als Aufsichtsorgan haben wir es in der Hand, den ÖRR daran zu hindern.« Sollte Krieg damit meinen, dass der Umbau des Programms mit der Untererfüllung von Bestandteilen des Rundfunkauftrags wie Information, Bildung, Beratung, Kultur verbunden ist oder zu werden droht, sollten er und der WDR-Rundfunkrat tatsächlich massiv einschreiten. Das Abschmettern einer Initiative von Rundfunkräten um Ralf Schnell, Gerhart Baum und Oliver Keymis zeigte allerdings, dass dieses Aufsichtsgremium lieber »Bettvorleger« der Unternehmensleitung bleiben will, wie es René Martens im Altpapier formulierte.


  • Family Affairs (3)

    Sigmund Rosenblum

    Ace of Spies

    Geboren 1874 in Odessa, wusste Georgi Rosenblum lange nicht, wer sein Vater war, und auch nicht, dass er eigentlich den Vornamen Sigmund erhalten hatte. Auch die Tatsache, dass sein Vater jüdische Wurzeln hatte, machte ihm angeblich zu schaffen. Seine Biographie Ace of Spies schrieb Robin Bruce Lockhart (1920–2008). Dieser konnte sich dabei auf die Erinnerungen und Berichte seines Vaters Robert Hamilton Bruce Lockhart (1887–1970) stützen. In einer schon 1932 erschienenen Autobiographie Memoirs of a British Agent hatte der ältere Lockhart bereits Details aus der Zusammenarbeit mit Rosenblum kurz nach der Oktoberrevolution erzählt. Er kannte ihn allerdings unter seinem nom de guerre Sidney Reilly.

    Beide, Lockhart und Reilly, waren große Womanizer. Lockhart gefährdete seine Karriere als britischer Agent mehrfach durch seine Affären. Die spektakulärste war wohl die mit Moura von Benckendorff , die neben einigen Ehen auch Beziehungen mit dem durch die Oktoberrevolution 1917 gestürzten kurzfristigen russischen Ministerpräsidenten Kerenski und den Schriftstellern Maxim Gorki und H. G. Wells hatte. Mit Lockhart war sie liiert, als dieser angeblich zusammen mit Reilly 1918 einen konterrevolutionären Putsch plante (Lockhart Plot). Das von der Anarchistin Fani Kaplan am 30.08.1918 auf Lenin verübte Attentat, an dessen Folgen er 1924 starb, gehörte nicht zu ihrem Plan. Lockhart wurde für eine kurze Zeit von der Tscheka in Haft genommen und verhört, sah dort auch Fani Kaplan, die bald darauf erschossen wurde. Seine Geliebte Moura wurde länger festgehalten, ihre vielfältigen Verbindungen zu den Geheimdiensten lassen sich bei einer kurzen Recherche nicht aufklären.

    Sidney Reilly hatte bereits mit Anfang Zwanzig die Welt erkundet, wobei – je nach Quelle – auch kriminelle Abenteuer eingeschlossen waren. Im Jahr 1895 lernte er in London Ethel Lilian Boole (1864–1960) kennen, die jüngste Tochter von George und Mary Boole. Sie lebte mit Michał Habdank-Wojnicz zusammen, einem polnischen sozialistischen Revolutionär und Buchhändler, der seinen Namen dann zu Wilfrid Michael Voynich anglisierte. Er war mit vielen Sozialisten bekannt, unter anderem mit Friedrich Engels und der Marx-Tochter Eleanor. Ethel und er heirateten erst 1902 offiziell. Sie benutzte den Namen Voynich allerdings schon früher, auch als Autorennamen für ihren Roman The Gadfly, der 1897 erschien. Der Name Voynich wird in westlichen Ländern vor allem mit dem seltsamen Manuskript verbunden, das Winfrid Voynich 1912 erwarb und bis heute nicht entschlüsselt wurde – falls es denn überhaupt sinnvolle Informationen enthält und nicht nur ein monströser und aufwendiger Scherz ist.

    Ethel Lilian Voynich (-Boole): The Gadfly

    In Russland, dann in der Sowjetunion und später in der Volksrepublik China ist der Name jedoch mit Ethel Booles Roman verbunden. Es wurde in diesen Ländern ein Best- und Longseller. Dmitri Schostakowitsch schrieb 1955 die Filmmusik zu der sowjetischen Verfilmung des Stoffes.

    Der Plot in einem Satz: Arthur Burton, ein englischer Journalist, gerät in den 1840er Jahren in die Wirren des italienischen Risorgimento und unterstützt mit seinen Texten die radikale Unabhängigkeitsbewegung, wird schließlich verhaftet und hingerichtet. Die Autorin hatte den Roman schon begonnen, als sie Sidney Reilly in London kennenlernte und mit ihm eine heftige Liebesaffäre einging, die sie auch auf eine gemeinsame Italienreise führte – nach Florenz, einen wichtigen Schauplatz von The Gadfly. Dass auch Erlebnisse des Abenteurers Reilly in das Buch eingegangen sind, lässt sich nicht ausschließen, gehört aber der Intimsphäre der beiden Verliebten an, die sich nach einigen Monaten wieder trennten.

  • Family Affairs (2)

    Quadratwurzeln und Engel

    When you come to quadratic equations you will be confronted with an entity (or non-entity) whose name is written this way—√ -1, and pronounced »square root of minus one.« Many people let this nonentity persuade them to foolish courses. A story is told of a man at Cambridge who was expected to be Senior Wrangler; but he got thinking about the square root of minus one as if it were a reality, till he lost his sleep and dreamed that he was the square root of minus one and could not extract himself; and he became so ill that he could not go to his examination at all. Angels, and square roots of negative quantities, and the other things that have no existence in three dimensions, do not come to us to gossip about themselves; or the place they came from; or where they are going to; or where we are going to in the far future. They are messengers from the As-Yet-Unknown; and come to tell us where we are to go next; and the shortest road to get there; and where we ought not to go just at present. When square root of minus one comes to you, behave reasonably about him. Treat him logically, exactly as if he were six or nine; only always remember to keep well in front of you the fact of your own ignorance. You may never find out any more about him than you know now; but if you treat him sensibly he will tell you plenty of truths about your x’s and y’s, and other unknown things.

    Please don’t suppose that I have always behaved sensibly to angels. I have often made serious mistakes in dealing with them. I have acted in haste and have had plenty of reason to repent at leisure. But one thing they have taught me is that we need never be afraid of angels, whether white or black, as long as we keep the laws of logic. Another thing they have shown me is that angels never really gossip. They have often pretended to gossip to me; but I have found out afterwards that they have been talking clever nonsense in order to test me and prove me; so that I might see in what an illogical state of mind I have met them.


    Mary Everest Boole: Philosophy & Fun of Algebra. London: C. W. Daniel, 1909, 77–79. [ 15: √ -1

  • Family Affairs (1)

    Mary Everest Boole (1832–1916)

    Nach dem Bruder ihres Vaters wurde der Mount Everest benannt, beim Bruder ihrer Mutter in Irland lernte sie ihren Mann kennen, George Boole. Sie war an Mathematik interessiert, und der mathematische Autodidakt Boole, Sohn eines englischen Schuhmachers, der Mathematikprofessor in Cork geworden war, wurde ihr Mentor und nach dem Tod ihres Vaters ihr Ehemann. In ihrer Kindheit lebten ihre Eltern mit ihr sechs Jahre in Frankreich, um dem Homöopathen Samuel Hahnemann nahe zu sein. Sie blieb eine Anhängerin der Homöopathie, was möglicherweise den Tod ihres Mannes bewirkte. Dieser ging im November 1864 im strömenden Regen die drei Meilen zwischen ihrem Wohnhaus und dem College zu Fuß hin und zurück und zog sich dabei eine Erkältung zu. Seine Frau wickelte ihn in feuchte Tücher ein, getreu der homöopathischen Regel, dass in den Ursachen einer Erkrankung auch das Heilmittel zu suchen ist. Die Erkältung wuchs sich zu einer Lungenentzündung aus, an der George Boole am 8. Dezember 1864 starb.

    Mary Boole zog mit ihren fünf Töchtern (die jeweils im Abstand von zwei Jahren geboren worden waren) nach England zurück, arbeitete dort als Bibliothekarin, Privatlehrerin für Mathematik und Buchautorin. Sie war Gründungsmitglied der Society for Psychical Research 1882, verließ sie aber im selben Jahr wieder. Den in dieser Vereinigung verhandelten Problemen der Hypnose, Gedankenübertragung, Mediumistik und Geistererscheinungen blieb sie allerdings eng verbunden. Im Vorwort eines 1883 erschienenen Buchs, das die Botschaft der »Seelenkunde« speziell Müttern und Krankenschwestern nahebringen wollte, benennt sie die Verunsicherung, die viele westliche Intellektuelle von Mitte des 19. Jahrhunderts bis weit ins 20. Jahrhundert hinein erfasste – auf der einen Seite Darwin, auf der anderen die Paraphysik.

    [Mary Boole: The Message of Psychic Science for Mothers and Nurses. London: Trubner & Co, 1883, ix]

  • Temps Noirs

    Meldung in der FAZ am 19.06.1953. Was stimmte daran? Eigentlich nur, dass Lou Bortz von Joseph D. Mazzei denunziert worden war. Mazzei war ein Krimineller und seit 1942 gelegentlicher FBI-Informant, der zwischen 1951 und 1956 in mehreren Gerichtsverfahren auftrat und immer Falschaussagen machte. So auch hier:

    On June 18, 1953, Mazzei testified before the Senate Permanent Subcommittee on Investigations, in Washington, D.C., that, at a meeting of the Civil Rights Congress on December 4, 1952, one Louis Bortz told him that he, Bortz, had been ‘selected by the Communist Party to do a job in the liquidation of Senator Joseph McCarthy.’ Mazzei further testified that the said Bortz conducted Communist Party classes in Pittsburgh to familiarize Party members with the handling of firearms and to instruct them in the construction of bombs.

    Ein Wortprotokoll des Verfahrens gegen Bortz findet sich auch. Bortz verweigerte konsequent Aussagen zu seiner Mitgliedschaft in der Kommunistischen Partei und zur politischen Aktivität anderer Personen.

    Lou Bortz war tatsächlich Kommunist, aber kein Bombenleger oder Attentäter. Er nahm am Spanischen Bürgerkrieg als Mitglied der Abraham Lincoln Brigade teil, deren Protagonisten und Kämpfe von Ernest Hemingway beschrieben wurden. Im 2. Weltkrieg war er einer von etwa 15.000 Kommunisten als Flugzeugmechaniker in der US-Armee aktiv, danach arbeitete er zunächst in Pittsburgh.

    Die Stahlmetropole Pittsburgh war ein Zentrum der amerikanischen Arbeiterbewegung. Die Gewerkschaft AFL war hier sehr stark, und kommunistische Zellen hatten einigen Einfluss. So kann nicht verwundern, dass der Kommunistenjäger Joseph McCarthy und das FBI ein Augenmerk auf die Region richteten. Ein Film von Gordon Douglas I was a Communist for the FBI unterstützt die ideologische Aufrüstung der Amerikaner.

    Er erzählt 1951 die Geschichte eines FBI-Spitzels in der Pittsburgher kommunistischen Parteiorganisation. Bei Youtube kann er in voller Länge genossen werden. –** www.youtube.com/watch?v=R8zhmCjV71w** –

    Gleich zu Beginn erhalten die örtlichen Kommunisten hohen Besuch: »Gerhardt Eisler«.

    Dieser hat direkte Verbindungen mit Moskau und liefert die Instruktionen zur Vorbereitung gewaltsamer Unruhen und fordert erhöhte Wachsamkeit auch in Bezug auf Disziplin und Verlässlichkeit in den eigenen Reihen. Der Film-Gerhardt hat nicht nur biographisch, sondern auch physiognomisch eine auffällige Ähnlichkeit mit Gerhart Eisler. Er war der Bruder des Komponisten Hanns Eisler, KPD- und Komintern-Funktionär. Unter dem Schutz der spanischen Republik leitete er von 1937 bis 1939 den Deutschen Freiheitsssender 29,8, der auf Kurzwelle ein antifaschistisches Programm für Hörer in Deutschland sendete. Zu hören waren dort unter anderem Bertolt Brecht, Albert Einstein und Ernest Hemingway. Nach der Niederschlagung der spanischen Republik und zwei Jahren in einem französischen Internierungslager gelangte 1941 Eisler in die USA, war dort als Journalist aktiv und arbeitete tatsächlich auch für den sowjetischen Geheimdienst GPU.

    [Eisler im Film von 1951]

    [Der wirkliche Eisler 1949]

    Eisler war 1946 von seiner Schwester Elfriede (sich sich Ruth Fischer nannte) als Atomspion Moskaus denunziert worden, kam nach einer Verurteilung gegen Kaution frei und konnte 1949 als blinder Passagier auf einem Frachtschiff nach Europa entkommen. In der DDR wurde er für die politische Lenkung von Presse und Rundfunk zuständig, ab 1956 erst stellvertretender Leiter, ab 1962 bis zu seinem Tod 1968 Leiter des Rundfunks der DDR. Er hielt seine Hand über die Gründung und den Betrieb des innovativen und beliebten Jugendradios DT 64, in dessen Tradition die heutigen öffentlich-rechtlichen Wellen Fritz (RBB) und Sputnik (MDR) stehen.