Kategorie: Medien

  • Neuer Rundfunkauftrag im Nebel

    Die Medienkorrespondenz berichtet, dass die Beauftragung linearer Fernsehprogramme gelockert werden soll. Spartenprogramme werden aus dem Auftrag herausgenommen und können durch Online-Angebote ersetzt werden. Ein klares Ziel scheint zu fehlen. Nun hat sogar schon der ARD-Vorsitzende Buhrow – bei DWDL – die Bedeutung der Mediatheken als zentrales zukünftiges Angebot anerkannt. Nichts läge näher, als das Erste und das ZDF-Hauptprogramm ebenfalls aus der Pflicht zu nehmen. Solange die Anstalten sich darauf berufen können, diese linearen Fossile betreiben zu »müssen«, werden sie keine entscheidenden Schritte zur Neudefinition ihres Medienangebots machen.

    Die Medienpolitik hat die Chance, die Pfadabhängigkeit der Organisationsentscheidungen zu unterbrechen oder zumindest zu stören. Sie lässt sich durch allerlei PR-Talk der Sender davon abhalten. Immer wieder wird dabei zum Beispiel die Bedeutung vielfältiger Angebote hervorgehoben, die auch vom Verfassungsgericht erwünscht ist. Aus der Perspektive der Online-Welt sind zwei gemeinschaftsfinanzierte Parallelwelten, ARD und ZDF, allerdings überflüssig. »Vielfalt« kann dort nicht durch die parallele Präsenz mehrerer Marken, sondern nur durch markante Inhalte gesichert werden – also durch einen Fächer unterschiedlicher Themen, aber auch durch ihre unterschiedliche »Faltung«, also Formatierung und Präsentation. Eine Zusammenlegung der Systeme würde eine noch bessere (und finanziell effizientere) Koordination von Verschiedenartigkeit ermöglichen als das derzeitige konkurrierende Nebeneinander. Dies ist nur eine der heiligen Kühe, die von der Medienpolitik schweigend umgangen werden.

    Ein zweites oft strapaziertes Argument für die zurückhaltende Unterstützung eigenständiger Online-Angebote ist das Verhältnis von linearer und non-linearer Nutzung derselben – also für das Fernsehen produzierten – Produkte. Das Argument funktioniert nach dem Muster der self-fulfilling prophecy. Solange Fernseh-Formate gesendet werden, die auf die Fernsehgewohnheiten des älteren Drittels der Bevölkerung geeicht sind, wird deren Online-Nutzung nicht die lineare Nutzung überwiegen. Ein Strategiewechsel, der Online-Produkte in den Mittelpunkt rückt, verbunden mit hilfreichen Erklärungen für bisherige Online-Abstinenzler und Showcases im verkleinerten linearen Restprogramm, hätte gute Chancen, die Verhältnisse in kurzer Zeit umzudrehen. Denn für das allgemeine Publikum sieht die Welt der Öffentlich-Rechtlichen ganz anders aus als aus deren Binnensicht. Einen guten Eindruck davon vermittelt der sogenannte ARD-Zukunftsdialog. Die aktiven Gesprächsteilnehmer dort wirken weitaus flexibler als die Vertreter der Anstalten – die in den Diskussionsforen auf innovative Ideen immer wieder mit PR für das bereits Vorhandene antworten. Ein einziges Beispiel von vielen zeigt, dass »Zukunftsdialog« eher ein Framing aus der vulgärpsychologischen Trickkiste ist als ein ernstgemeintes Angebot an die Öffentlichkeit.

    Auch für Radiohörer ließe sich die Umstellung auf Angebote in interaktiven Umgebungen attraktiv machen. Apple Music hat einen großen Teil des Musik-Streaming jetzt auf »Lossless« umgestellt, also auf echte CD-Qualität. Das ließe sich ohne großen technischen Aufwand auch (zumindest) für die On-demand-Angebote der Kulturwellen kopieren. Musikalische Eigenproduktionen, Features und Hörspiele – also die Traditionsgüter des Hörfunks – könnten die Türöffner für die noch viel breitere Nutzung des öffentlich-rechtlichen Audio-Streaming sein. Man müsste es bloß wollen und der Öffentlichkeit im Dialog erklären …

  • Herbst der Presse

    … und der auf Belegen basierenden Argumentation zum Medienwandel. David Koopmann, Verlagsvorstand des Bremer Weser-Kuriers, empört sich in der heutigen FAZ über die Nachrichtenangebote von Radio Bremen im Internet. Der Text- und Fotoanteil gegenüber Audio und Video sei zu groß, das bedrohe das auf Abos und Verkäufen basierende Geschäftsmodell der Tageszeitungen.

    Tatsächliche Effekte der Website und Apps von butenunbinnen.de (denn um diese geht es ihm wohl) kann Koopmann nicht benennen. Der Rückgang der Zeitungsauflagen seit den 1990er Jahren hat mehrere Ursachen, darunter einige von den Zeitungsverlagen selbst beigesteuerte. Die Erkenntnis, dass Journalismus sich Verbreitungsplattformen im Netz suchen muss, kam vielen Verlegern sehr spät und wurde über Jahre oft sehr dilettantisch umgesetzt. Das belegt auch Koopmanns Satz von heute. Schon vor 25 Jahren war absehbar, dass sich die Marktsituation für journalistische Angebote unaufhaltsam verändert. Wer erst das erst jetzt bemerkt und Nachrichten in öffentlich-rechtlichen Apps für das Zeitungssterben verantwortlich macht, sitzt offenbar im falschen Sessel.

    Ich warte auf die Studie, die erfragt, wieviele Menschen in Bremen (und Umland) die kostenpflichtigen digitalen Angebote des Weser-Kurier nicht wahrnehmen, weil sie sich bereits durch butenunbinnen.de ausreichend informiert fühlen.