Kategorie: Paranoia

  • Achtsamkeit ist eine Ausgeburt des Neoliberalismus

    Kathrin Fischer, eine Journalistin mit langer Hörfunkerfahrung, erzählt in der Einleitung des Buchs Achtsam geht die Welt zugrunde, wie ein von ihr gehörter Meditations-Podcast bei ihr das Fass zum Überlaufen brachte. Schon länger hatte sie ungute Gefühle bei Online-Angeboten mit Meditations-Kursen und anderen Ratgebern zur Entwicklung eines besseren Selbst. Das Versprechen, ein glückliches Leben sei ganz leicht möglich, oft verbunden mit der Aufforderung zu Gelassenheit und »Resilienz«, empfand sie nun aber als unerträgliche Zumutung. Ihre Reaktion war die Gründung des Podcasts Erschöpfung statt Gelassenheit. In ihm befragt sie Experten aus verschiedenen Bereichen über den Aufstieg der Achtsamkeit zu einem bedeutenden gesellschaftlichen Thema, und das vorliegende Buch entstand parallel dazu.

    KI-generierte Cover erobern den Verlagssektor. Bei mir verschwinden sie sofort im Papierkorb. Furchtbar ist auch der Blurb auf der Vorderseite des Umschlags
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  • Wann beginnt der Faschismus?

    auch: Paranoia (8)

    Den Titel seines Buchs erklärt der Autor gewissermaßen zu einer Denksportaufgabe:

    Warum es Gewalt am Denken heißt, erhellt sich beim Lesen, so denke ich, von selbst.

    Auf knappen 142 Seiten soll es jedenfalls um die Entstehungsmöglichkeit eines neuen Faschismus gehen. In der Einleitung und an anderen Stellen werden zunächst übertriebene Faschismus-Zuschreibungen und -Befürchtungen zitiert. Beispielsweise diagnostizierten Pier Paolo Pasolini, Roland Barthes und viele andere vorschnell kurz nach dem Zweiten Weltkrieg die Existenz eines neuen Faschismus. Der Faschismus-Vorwurf zieht sich seitdem durch alle Jahrzehnte, auch autoritäre Regierungen benutzen ihn als Keule gegen andere Länder, wie Russland gegen die Ukraine. Die »Querdenker« hielten bekanntlich die Corona-Regelungen der deutschen Bundesregierung für faschistisch.

    Barthes gibt die Parole aus: »Faschismus heißt nicht am Sagen hindern, sondern zum Sagen zwingen.« Hier steckt also vielleicht die Wurzel für den Titel des Buchs. Der genannte Zwang ist allerdings nicht exklusiv faschistisch, er existierte auch in der DDR und vielen anderen Ländern. Unter dem Dach des Grundgesetzes haben autoritäre Auslegungen der »freien demokratischen Grundordnung« Pflichten formuliert, deren andere Seite Berufsverbote und willkürliche Antisemitismus-Zuschreibungen sind.

    Durch das Buch hindurch zieht sich eine Kritik an „Linken“, die einerseits ständig warnen, aufrufen, alarmieren und andererseits untätig, isoliert und strategieunfähig sind. Sie werden von Terkessidis in Anlehnung an den Buchtitel von Hermann Broch als »Schlafwandler« bezeichnet. Dazu weiter unten mehr.

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  • Die Hegemonie geht verloren

    auch: Paranoia (7)

    Christoph Bartmann findet keine Rezepte gegen die kulturpolitische »Attacke von rechts«

    Erscheint auch bei literaturkritik.de

    Stellt man sich […] den Kulturkampf als Fußballspiel vor, dann muss man in der Halbzeitpause leider feststellen: Die Rechte hat aktuell mehr Ballbesitz.

    Mit dieser Analogie leitet Christoph Bartmann sein Buch ein. Sie provoziert mehrere Fragen auf einmal. Erlebt Deutschland gerade einen »Kulturkampfq? Kann man Auseinandersetzungen um die Dominanz in der kulturellen Sphäre ein »Spiel« nennen? Ist das Ende zeitlich abzusehen – oder was soll »Halbzeit« hier bedeuten? Und woran will der Autor erkennen, dass die Rechte derzeit (das Vorwort wurde im Herbst 2025 geschrieben) im Vorteil ist? Unklar bleibt auch, wer genau die kämpfenden Parteien sind und ob sich der Autor mit einer der Seiten identifiziert. Im Vorwort gibt es eher kritische Bemerkungen zu von ihm als links eingeordneten Bestrebungen als zu denen der Rechten.

    Christoph Bartmann ist ein Kenner der deutschen Kulturpolitik, er war jahrzehntelang in mehreren Ländern als Mitarbeiter des Goethe-Instituts tätig. Es liegt nahe, dass er unter Kultur vor allem eine durch Institutionen bestimmte Szene versteht, in die staatliche Fördermittel und unterstützende kulturpolitische Äußerungen fließen. Den »weiten« Kulturbegriff, den der legendäre SPD-Politiker Hilmar Hoffmann in den 1970er und 1980er Jahren vertrat – von der Taubenzucht bis zum Experimentalfilm – versteht er positiv als Kennzeichen für einen damals recht unangefochtenen kulturellen und demokratischen Aufbruch. Heute werden Kunst und Kultur – so Bartmann – als Helfer zur Komplexitätsauflösung eingesetzt, mit der defensiven Tendenz, dass die linksliberale Kulturpolitik nur noch auf »Trost« umstellt. Hier bezieht er sich auf eine Studie der Liz-Mohn-Stiftung, die 2025 per Umfrage Zustimmungen zu Sätzen wie »Kultur verbindet Menschen über Grenzen und Unterschiede hinweg« oder »Durch Kultur werden Räume geschaffen, in denen tiefe emotionale Erfahrungen möglich sind« einholte. Die Aufgabe der Kultur ist bereits im Design der Umfrage auf ihren Beitrag zum gesellschaftlichen Zusammenhalt ausgerichtet. Dieser Aspekt ist auch Carsten Brosda wichtig, einem der heute stichwortgebenden sozialdemokratischen Kulturpolitiker. An ihm kritisiert Bartmann jedoch, dass er frühere Leitbilder wie Emanzipation, die Demokratisierung von (nicht nur kulturellen) Institutionen und die Befähigung zur Kritik offenbar aufgegeben hat. 

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  • Die Alarmierten

    auch: Paranoia (6)

    Michael Butter beschäftigt sich seit 2008 mit Verschwörungstheorien, habilitierte sich 2012 mit einer Arbeit über Verschwörungstheorien in den USA vom 17. Jahrhundert bis in die Gegenwart und brachte 2018 ein weiteres, grundlegendes Buch über Verschwörungstheorien heraus.

    Seit der Covid-Pandemie sind Verschwörungstheorien in Deutschland ein häufiger Gegenstand von Spekulationen und Forschungen. Vielen Deutschen wird eine Neigung zu Verschwörungstheorien zugeschrieben – in manchen Studien zwischen einem Viertel bis zu einem Drittel der Bevölkerung. Butter hält die Zahlen jedoch für zu hoch gegriffen und etwa zehn Prozent für realistisch. Allerdings ist die Wirkmacht solcher Theorien in den USA sehr viel größer als in Deutschland, wo die Gesellschaft keineswegs so polar und tief gespalten ist. Anhänger von Verschwörungstheorien gehören hier eher zu den Außenseitern. Die öffentliche Wahrnehmung ist jedoch eine andere. Es findet, so nennt Butter es, ein »epistemischer Kollaps« statt.

    In großen Teilen von Politik, Medien und Gesellschaft hat sich die Überzeugung durchgesetzt, Verschwörungstheorien stellten mittlerweile eine der größten Bedrohungen unserer Demokratie dar. Verschwörungstheorien werden häufig als per se antidemokratisch erachtet, als Katalysatoren für Radikalisierungsprozesse gesehen und als untrennbar mit populistischen, rechtsextremen und antisemitischen Überzeugungen verbunden begriffen. (13)

    Kaum zu glauben, aber Butter hat nachgeforscht: In Deutschland gibt es mehr als fünfzig Projekte, größtenteils staatlich finanziert, zum Teil von privaten Stiftungen, die über Verschwörungstheorien aufklären wollen. 

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  • Paranoia der Gemeinschaft

    auch: Paranoia (5)

    Dabeisein ist alles. Die Politik des »Wir« reagiert auf den seit Jahrzehnten zu beobachtenden Bedeutungs- und Vertrauensverlust von Institutionen. In den ersten vier Jahrzehnten nach der Zerschlagung der NS-Herrschaft war der Erlebnisgehalt der Demokratie trotz tiefer Gräben zwischen den Parteien und Milieus hoch. Im 21. Jahrhundert sind starke Nivellierungstendenzen sichtbar, abgesehen von den unbearbeiteten Problemen der Eingliederung der DDR-Bevölkerung. 

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