Auf die Möglichkeiten kommt es an

»Ästhetisch vielleicht der größte Dissident der DDR«, so charakterisiert der Literaturkritiker Helmut Böttiger den Schriftsteller Fritz Rudolf Fries (1935 bis 2014). Er wurde in Bilbao, Spanien, geboren und lebte seit 1942 in Leipzig. Da er zweisprachig aufwuchs, hatte er andere Zugangsmöglichkeiten zur spanischen und lateinamerikanischen Literatur. Seine Übersetzungen von Neruda und Cortázar sind bewundernswert. Sein eigenes Werk konnte in der DDR nur teilweise veröffentlicht werden, Vor allem sein erster und aufregendster Roman, Der Weg nach Oobliadooh, konnte die Schwelle der literaturpolitischen Vorurteile nicht überwinden und erschien 1966 bei Suhrkamp (und dann 1989 in der Phase der DDR-Auflösung noch in einer »Ausgabe für die sozialistischen Länder« im Aufbau-Verlag.) Spätere Ausgaben: 1993 bei Reclam Leipzig, 2012 in der Anderen Bibliothek. 2013 im Wallstein-Verlag.

Ein Problem für die Kulturfunktionäre der DDR war sicher, dass es im Buch von Bezügen zur populären westlichen Kultur nur so wimmelt. Jazz zum Beispiel konnte in der DDR wohl gespielt und gehört werden, wenn er sich als Unterschichten-Folklore legitimieren ließ. Der Bebop jedoch war in den 1950er Jahren als Intellektuellen-Jazz verfemt. Und Fries bzw. seine Protagonisten nehmen häufig auf einen Jazzsong Bezug, von dem es neben Versionen von anderen Künstlern auch mehrere von Dizzie Gillespie gab: »In the land of Oo-bla-dee«, aus dem Fries »Oobliadooh« macht. Gillespie und dieses (bedeutungslose) Scat-Signalwort, Referenzen zum Existentialismus und zur lateinamerikanischen Moderne – darin waren weder ein Klassenstandpunkt noch eine Republiktreue zu entdecken. Die beiden Protagonisten, Arlecq und Paasch – die Namen sind Kurzformen von Figuren der commedia dell’arte: Arlecchino und Pasquariello – machen 1958 einen Ausflug nach West-Berlin, aber verwerfen dann den Plan, sich in Westdeutschland anzusiedeln, sondern kehren an ihren Heimatort Leipzig zurück. Dresden – Leipzig – Berlin (Ost und West) sind die Schauplätze der Unterhaltungen und Affären der Beiden. Der eine, Paasch, ist ein ständig trinkender frisch im zweiten Anlauf examinierter Zahnarzt, der andere, Arlecq, ein Übersetzer aus dem Spanischen. Die Handlung findet im Privatleben statt, die Umgebung, also Gesellschaft und Staat der DDR, ist nur in winzigen Passagen kurz erkennbar und spielt absolut keine Rolle. Genau das empfinde ich als das Aufregende an dem Buch. Es gibt Einblicke in die Stimmunglage zweier junger Männer, 23 und 27 Jahre alt, 1957/58 in der DDR, und sie könnten sich ebensogut in einem beliebigen westlichen Land befinden, Frankreich oder Westdeutschland. Spanien nicht, Arlecqs Dresdner Freundin Isabel ist eine spanische Emigrantin. »Eine Diktatur wird stets an der Qualität ihrer Emigranten erkannt.« Auf die NS-Diktatur machen die beiden Ex-Pimpfe gelegentlich Anspielungen, darunter drastische wie »Die einen saßen am Ofen, die anderen flogen durch den Rauchfang.«

Ich möchte hier nicht den Plot –so etwas ähnliches gibt es schon, trotz einiger Sprünge und unaufgelöster Unklarheiten – nacherzählen, sondern auf die formale Seite hinweisen. Durch seine freie, spielerische Erzählweise gewinnt mich Fritz Rudolf Fries auch 60 Jahre nach dem ersten Erscheinen des Buchs noch einmal (ich hatte es irgendwann in den 1970ern schon einmal gelesen). Er streut kleine, nicht allzu radikale und anstrengende Sprachexperimente ein, die ebenso wie die Handlung – besonders im kurzen 3. Teil des Buchs – seinen komödiantischen Charakter unterstreichen.

In der literarischen Umgebung von sozialistischem Biedermeier und Programmliteratur, wie sie in der DDR der 1960er Jahre gegeben war, ist dieses Buch absolut nicht vorstellbar. Das wird der Autor auch gewusst haben. Seine anderen, dann in der DDR erschienenen Text waren auch meist heiter, manche mild absurd, aber bezogen nicht zusätzlich ihr wesentliches Spannungselement aus der Abweichung von der Normalität wie Oobliadooh.

Schöner Klappentext übrigens: »Die Person ist eine Summe von Möglichkeiten. Auf diese Möglichkeiten kommt es an.«


Fritz Rudolf Fries: Der Weg nach Oobliadooh. Frankfurt am Main: Suhrkamp, 1966.