Mensch mit/ohne Welt

Der Titel des Buchs stammt von Günther Anders. Die Autorin nimmt auf ihn kurz in Form des Mottos für ihren Prolog Bezug. 

Das Programm des dreiteiligen, über 700 Seiten umfassenden Buchs ist die Entdeckung und der Bedeutungsverlust von »Welt«. Weltlosigkeit im Sinne von Günther Anders heißt wohl, dass ein Verständnis des Beziehungsgeflechts »des« Menschen mit und in der Welt verloren geht. Was auch immer »Welt« in diesem Zusammenhang ist. 

Lesen wollte ich das Buch, weil es dort einen Teil über die Entwicklung der Zeitvorstellungen gibt. Zyklische, lineare, Eisenbahn-Zeit usw., alles wird aus den bekannten Quellen ausführlich referiert und zusammengefasst. Könnte prononcierter sein. Die historischen Konflikte um das Zeitverständnis werden nicht herausgearbeitet. Ich stimme auch ihrer Behauptung über digitale Uhren nicht zu, dass im Unterschied zwischen Zeiger- und Digitaluhr ein Wandel »unserer« Zeiterfahrung deutlich werde. Die Digitaluhr sei eine technische Voraussetzung für bestimmte Formen des projektorientierten Arbeitens oder des Finanzkapitalismus. Begründung fehlt.

Über die Geschichte der Geschichtsphilosophie erfahren die Leser: »Verfallsgeschichte, Fortschrittsgeschichte und Dialektik der Aufklärung sind drei Varianten, die die moderne Geschichtsphilosophie im Nachgang des Erdbebens von Lissabon angenommen hat.« Also seit 1755. Und seit 1944 soll sich in dieser Hinsicht nichts mehr getan haben? Hier wie beim mittleren Kapitel über Öffentlichkeit fehlt mir die Berücksichtigung der digitalen Wende zu einer Gesellschaftsformation, die Dirk Baecker schlicht »4.0« titulierte (die »nächste« nach der tribalen, der antiken, der modernen bzw. funktional differenzierten). Schauer unterschätzt – zusammen mit ihren zu einem großen Teil nicht sonderlich aktuellen Referenzen – auch die Bedeutung der Information. Nach Baecker ist sie die Reflexionsform der sich vor unseren Augen entwickelnden digitalen Gesellschaft. Die Massenmedien und die digitalen Netzwerke stören die politischen, ökonomischen und pädagogischen Mechanismen der bisherigen Gesellschaft, ermöglichen jedoch auch überraschende neue Vernetzungen. Diejenigen, die um den Zusammenhalt der Gesellschaft besorgt sind, stehen vor die Aufgabe, neue Diskriminierungen zu entwickeln, um die fortlaufenden Veränderungen überhaupt beobachten zu können. 

Von all dem will Schauer nichts wissen. Ihr Verständnis von Öffentlichkeit, historisch wie aktuell, lässt sie sich von Habermas eingeben, kombiniert mit – das hat mich wirklich überrascht – Reinhart Koselleck (Kritik und Krise), und somit Carl Schmitt, von dem sich Koselleck viele Stichworte für seine Dissertation geben ließ. Wie Alexandra Schauer von Hartmut Rosa …

Die Autorin möchte den Sinn dafür retten, dass die Welt eine andere sein könnte, schließt sich dafür – auf allerdings unklare Weise – Hannah Arendts Vorstellung von Handeln und ihrer (Über-)Betonung des Politischen an. Nur fehlt dem Handeln ein klares Konzept angesichts der »Fragmentierung« des Sozialen und Politischen, die Schauer durchgängig beklagt. Mir scheint hingegen vor allem eine Beobachterperspektive zu fehlen, eine Haltung, mit der die Unanschaulichkeit der Verhältnisse mit Augenmaß gemessen werden könnte – anstatt sie über hunderte von Seiten mit Allgemeinbegriffen weiter zuzudecken.

Den dritten Teil, der Stadt gewidmet, habe ich nur noch überflogen.

Es ist ein Buch, das auf den Erkenntnissen und Denkhorizonten der 1980er oder auch noch 1990er Jahre stehen geblieben ist.

Außerdem: Die beiden Allgemeinbegriffe »Mensch« und »Welt« des Titels beziehen sich ohne jede Explikation tatsächlich nur auf Westeuropa. Dass es auch noch »Welt« außerhalb dieses Sektors auf dem Globus gibt, kommt im Buch nicht zur Sprache. Was mich am meisten wundert bei dieser soziologischen Dissertation, ist die Verwendung des Begriffs »Gesellschaft«. Sie erscheint als etwas, das von Individuen oder Gruppen »gestaltet« werden kann. Da scheint Hannah Arendts naive Handlungstheorie durch, aber was hat sie im Umfeld der Frankfurter Schule zu suchen? Erst recht Reinhart Koselleck, den Schauer neben Habermas’ Strukturwandel stellt, dessen Krisenbegriff jedoch von Carl Schmitt stammt und dessen Gesellschaftsverständnis ein eher organisches ist. 


Schauer, Alexandra: Mensch ohne Welt. Eine Soziologie spätmoderner Vergesellschaftung. Berlin: Suhrkamp, 2023.