»Sich eine Geschichte anzuhören, hieß für Thomas, in ihre Gestaltung einbezogen zu werden. Seine Rede war ebenso schnell wie seine Bewegungen und erfolgte oft in kurzen Stößen, oft mit geschlossenen Augen …«
Wer einige der vielen auf Film und Video aufgezeichneten Gespräche Alexander Kluges gesehen hat, erkennt hier sofort seine Eigenart wieder, durch ständige und meist produktive Unterbrechungen seiner Gesprächspartner ein Thema auszuweiten, zu ergänzen oder zu konterkarieren. In Ben Lerners dreiteiligem Buch gibt es ein Gespräch, das eigentlich ein Interview sein sollte, zwischen dem Erzähler und »Thomas«, einem multimedial arbeitenden neunzigjährigen Künstler. Zwar liegt in seinem Haus auf dem Boden ein offenbar frisch eingegangenes Buch von Alexander Kluge, dennoch erinnern nicht nur das Gesprächsverhalten, sondern auch Kindheitserlebnisse des deutschen Emigranten Thomas an die Biographie von Kluge – zum Beispiel seine Obsession mit den Bombenangriffen auf Dresden (statt Halberstadt).

Eine heitere Spannung bezieht das Buch aus einem Missgeschick des Erzählers. Sein iPhone fällt im Hotel ins Waschbecken und ist als Aufnahmegerät für das verabredete Interview mit Thomas nicht mehr funktionstüchtig. Der Erzähler ist ein früherer Student und Mitarbeiter von Thomas an der Brown University in Providence und arbeitet nun für eine Zeitschrift. Thomas ist in Providence geblieben. In dem Gespräch driftet er an einigen Stellen mental ab, widerspricht sich, sieht im Erzähler eine andere Person. Als dieser ihm von einem Traum berichtet, behauptet Thomas, das sei eigentlich sein Traum, da es möglich sei, die Träume anderer zu träumen. Thomas hat einen Sohn, Max, der seit ihrer Studienzeit mit dem Erzähler befreundet ist und der seinem Vater bei Filmarbeiten – zum Beispiel einem Kurzfilm über Godard für RTL – assistiert habe.
Neben diesem Erzählstrang gibt es einen zweiten, der die zu College-Zeiten einmal unterbrochene Beziehung des Erzählers zu seiner jetzigen Ehefrau Mia betrifft. Die Lüge einer gemeinsamen Freundin sorgte für die Vertiefung einer Trennung. Sie war jedoch nicht nachhaltig, das Paar kam wieder zusammen und hat eine gemeinsame Tochter.
lm mittleren, viel kürzeren Teil des Buchs berichtet der Erzähler von einem Konferenzbeitrag in Spanien, in dem er die Geschichte seines Thomas-Interviews enthüllte und damit große Aufregungen verursachte, denn der allen Teilnehmern bekannte Text hatte das Bild von Thomas wesentlich geprägt. War die behauptete Transkription eine Rekonstruktion oder ein Deepfake?
Der dritte Teil besteht aus einem langen Bericht des Freundes Max, der als Dialog mit dem Erzähler angelegt ist. Dieser hat jedoch nur alle paar Seiten mal eine Zeile wie »Ja, ich weiß, wie schwer –«. In dem Bericht geht es vor allem um die Eßstörung seiner Tochter Emmie und zu einem kleineren Teil auch um seinen Vater und dessen Covid-Erkrankung. Es ist unverständlich, warum Ben Lerner den Perspektivwechsel dieses Teils nicht auch formal komplettiert hat. Die Anwesenheit des Erzählers als Gegenüber ist vollkommen unnötig, und sie macht den ausführlichen Bericht auch nicht interessanter. Der dritte Teil fällt nämlich gegenüber den anderen Teilen erzählerisch ab, die Geschichte ist nicht so dicht wie vorher – und auch nicht so interessant.
Das Buch hat nur 153 Seiten (netto noch etliche Seiten weniger), seine Lektüre war keineswegs ein Ärgernis. Sie war zudem motiviert durch den kürzlichen Tod von Alexander Kluge, mit dem Ben Lerner 2018 ein gemeinsames Buch machte, Schnee über Venedig, das ich leider noch nicht kenne.
Ben Lerner: Transkription. Übersetzt von Nikolaus Stingl. Berlin: Suhrkamp, 2026.