
Dass in dem Buch »das Verdrängte und die Leerstellen unserer Nachkriegsgesellschaft« aufscheinen, ist ziemlich starker Klappentext-Tobak. Judith Hermann berichtet in dem dreiteiligen Buch über Reisen, die durch nichts anderes zusammenhängen außer durch familiäre Bande. Die Erzählungen sind unterschiedlich geformt und unterschiedlich interessant. Das Buch hat 156 Seiten und hätte gern auf Seite 69 beendet sein können. Im ersten Teil unternimmt die Autorin eine Reise ins polnische Radom, um Spuren ihres Großvaters zu finden, der dort als SS-Mann stationiert war. Sie erhält nicht mehr als die Bestätigung, dass er zu Zeit grausamer Massaker dort anwesend war. Ihre Mutter ist nie bereit oder imstande gewesen, ihrer Tochter etwas über den Großvater zu berichten, der vor der Geburt der Autorin gestorben ist. Der wochenlange Aufenthalt in Radom umfasst Such- und Ausgleichsbewegungen. Ausgleich sucht die Autorin in der Lektüre einer großen Menge mitgebrachter Bücher, von Mitscherlichs Die Unfähigkeit zu trauern über Singers Eine Kindheit in Warschau bis Naipauls Miguel Street. Alles ist nachvollziehbar, der Bericht ist feature-artig gebaut, also aus kleinen Stücken zusammengesetzt. Er gibt Anregungen dazu, darüber nachzudenken, was wir jetzt noch Lebende tatsächlich über Leben und Taten unserer Vorfahren im NS-Staat wissen und jetzt noch erfahren könnten.
Die beiden anderen Teile – ein ausführlich ausgewalzter und teilfiktionaler Besuch bei der Schwester in Napoli und eine Rückschau auf die Zeit, in der es den tödlichen Unfall der Schwiegereltern gab – sind inhaltlich und formal belanglos.
Zeitlöcher in der Familienbiographie stopfen: gut und schön. Aber bitte dabei überlegen, wen das interessieren könnte.
Judith Hermann: Ich möchte zurückgehen in der Zeit. Frankfurt am Main: Fischer, 2026.