Wann beginnt der Faschismus?

auch: Paranoia (8)

Den Titel seines Buchs erklärt der Autor gewissermaßen zu einer Denksportaufgabe:

Warum es Gewalt am Denken heißt, erhellt sich beim Lesen, so denke ich, von selbst.

Auf knappen 142 Seiten soll es jedenfalls um die Entstehungsmöglichkeit eines neuen Faschismus gehen. In der Einleitung und an anderen Stellen werden zunächst übertriebene Faschismus-Zuschreibungen und -Befürchtungen zitiert. Beispielsweise diagnostizierten Pier Paolo Pasolini, Roland Barthes und viele andere vorschnell kurz nach dem Zweiten Weltkrieg die Existenz eines neuen Faschismus. Der Faschismus-Vorwurf zieht sich seitdem durch alle Jahrzehnte, auch autoritäre Regierungen benutzen ihn als Keule gegen andere Länder, wie Russland gegen die Ukraine. Die »Querdenker« hielten bekanntlich die Corona-Regelungen der deutschen Bundesregierung für faschistisch.

Barthes gibt die Parole aus: »Faschismus heißt nicht am Sagen hindern, sondern zum Sagen zwingen.« Hier steckt also vielleicht die Wurzel für den Titel des Buchs. Der genannte Zwang ist allerdings nicht exklusiv faschistisch, er existierte auch in der DDR und vielen anderen Ländern. Unter dem Dach des Grundgesetzes haben autoritäre Auslegungen der »freien demokratischen Grundordnung« Pflichten formuliert, deren andere Seite Berufsverbote und willkürliche Antisemitismus-Zuschreibungen sind.

Durch das Buch hindurch zieht sich eine Kritik an „Linken“, die einerseits ständig warnen, aufrufen, alarmieren und andererseits untätig, isoliert und strategieunfähig sind. Sie werden von Terkessidis in Anlehnung an den Buchtitel von Hermann Broch als »Schlafwandler« bezeichnet. Dazu weiter unten mehr.

Häufig ist von »Moralpanik« die Rede. Das Wort ist eine gar nicht erst versuchte Übersetzung aus dem Englischen. Als moral panic bezeichnete der britische Kulturtheoretiker Stuart Hall 1978 die gezielt erzeugten Ängste vor angeblich gewalttätigen schwarzen Jugendlichen. Wenn Terkessidis das Wort verwendet, geht es generell um Bedrohungsszenarien, nicht um ihre bereits nachgewiesene Wirkung beim Publikum. Ein weiteres Begriffsproblem hängt am Wort »Gesellschaft«, mit dem er manchmal vor allem den Staat und traditionelle Institutionen umschreibt, manchmal alle Menschen. Daher bleibt unverständlich, was mit einer vor autoritären Angriffen schützenden »Organisation der Gesellschaft« gemeint sein könnte, deren Fehlen er beklagt.

Wenn Terkessidis sodann die Rhetoriken eines »autoritären Populismus« untersucht, kann ihm unbedingt zugestimmt werden. Das Schaffen von Ausnahmezuständen, Appelle an das Unsicherheitsgefühl der Wähler, ätzende Kritik an Leuten, die auf »unsere« Kosten leben wollen, die Behauptung stark ansteigender Kriminalität – das sind alles bekannte Muster, die allerdings auch von demokratisch gewählten Regierungen verwendet werden.

Lauert in solchen Rhetoriken schon der Faschismus – und was ist eigentlich unter Faschismus zu verstehen? Terkessidis macht einen Definitionsversuch in fünf Punkten. Vorhanden sein müssen oder können: Ultranationalismus und die Anrufung einer Bedrohung von außen – der Glaube an Souveränität und die heroische Tat – das Führerprinzip – die Freiheit von Widerspruch (Freiheit von Kritik am Führer) – der Einsatz paramilitärischer Gewalt.

In der Aufzählung sind nur Elemente faschistischer politischer Bewegungen benannt, es fehlen Voraussetzungen in der Umgebung solcher Bewegungen. Wie die Geschichte zeigt, ist die Unterstützung durch wirtschaftliche Mächte und das reguläre Militär jedoch zwingend notwendig. Die Ruhrbarone mit Fritz Thyssen an der Spitze und ihre Annäherung an Hitler ab 1930 sind ein Beispiel dafür. Die Untersuchung kontextueller Bedingungen, darunter auch der »politischen Ökonomie« reklamiert Terkessidis an anderer Stelle als Voraussetzung für das Verständnis von Diskriminierung, also Rassismus und Abwertung von Minderheiten. Warum nicht auch bei Mutmaßungen über die Entstehung von Faschismus?

Die Kritik an vielen Erscheinungen der aktuellen Politik ist nachvollziehbar: Alles wird nur am Laufen gehalten, es gibt keine positive Vision, kein mobilisierendes Reformkonzept. Die traditionellen Institutionen verlieren an Kraft, es gibt immer weniger Ehen, Familien sind keine »Keimzellen des Staates« mehr, die Schulpolitik wirkt planlos. Für Konservative sind diese Erscheinungen auf die 1968er zurückzuführen, die den Abbau von Autorität betrieben und sie durch Hedonismus ersetzt hätten.

Die in den 1990ern aufkommenden, zunächst vor allem akademischen »woken« Strömungen des Postkolonialismus, Antirassismus, Feminismus und der Queer-Theorie (mit denen sich Georg Diez 2025 in seinem Buch Kipppunkte auseinandersetzt) scheinen für Terkessidis die rechtspopulistischen Bewegungen gefördert zu haben.

Eine Kernthese ist die Zusammenfassung all der in rechten Kreisen üblichen Reaktionen auf das Tagesgeschehen als »Haltung der gefährdeten Gemeinschaft«. Allerdings nimmt der Autor keine Abgrenzung zwischen rechten (und für ihn proto-faschistischen) und liberal-demokratischen Strömungen vor. Dass die Herstellung von Verunsicherung eine Art Regierungsform geworden ist und sich eine Kultur der Angst entwickelt hat, trifft doch auch für die aktuellen liberalen Demokratien zu, auch wenn ihre Blickrichtung eine andere ist als die der rechtpopulistischen und protofaschistischen Strömungen. Beide arbeiten kontinuierlich daran, für die (durch ihren eigenen Alarmismus mitbewirkte) Unsicherheit Schuldige zu suchen. Beim Ukrainekrieg hat sich die ganze EU auf einen Namen geeinigt: »Putin«. Die Wiederholung von Bedrohungsnarrativen ist vermutlich ihr wichtigster Wirkungsmechanismus. Hannah Arendt karikierte ihn mit der Beschreibung des totalitären Herrschers als »Mann, der einen anderen so lange beschimpft, bis alle wissen, dass dieser der Feind ist, sodass er ihn anschließend mit dem Anschein von Selbstverteidigung töten kann«.

Worin also unterscheiden sich die Strömungen? Oder ist es etwa so, dass eine Unterscheidung gar nicht mehr sinnvoll ist, da auch die demokratischen Gruppierungen der »Mitte« immer deutlicher auf einen autoritären Kurs geraten? Diese Frage bleibt im Buch offen.

Zumindest haben nach Ansicht von Terkessidis Umweltaktivismus, feministische und minoritäre Bewegungen einen Anteil an der Stärkung rechter Tendenzen. Sie fordern Gleichheit, inszenieren aber gleichzeitig die Differenz. Soziale Ungleichheit hingegen spielt in der öffentlichen Auseinandersetzung nur noch eine untergeordnete Rolle. Liberale und Linke sind demnach in diesem Lande in partikularisierte Interessen- und Befindlichkeitsgemeinschaften zersplittert und deshalb für den Autor ein Grund zur Sorge, weil sie damit günstige Voraussetzungen für das Aufkeimen von Faschismus schaffen. So jedenfalls muss wohl die zweite Hälfte des Buchs gelesen werden, die in ihrer kritischen Haltung gegenüber der Schwäche und Strategielosigkeit linker demokratischer Kräfte stark kulturpessimistisch geprägt ist. Statt in Analysen und einer auf ihnen aufgebauten Strategie übt sich die politische Öffentlichkeit in »Performativität«. Dass es möglich ist, mit substanzlosen Äußerungen Wirkungen zu erzielen, ist unbestritten. Guy Debords Gesellschaft des Spektakels liefert dem Autor dazu einige Stichworte. Eine Medienanalyse des Bedrohungsdiskurses könnte darüber hinaus nähere Aufschlüsse verschaffen.

Vollends ins Kulturkritische gleiten dann Kapitel ab, die sich der »mentalen Inflation« widmen, der Verwirrung und Depression, der »Irrealisierung der Welt«, die sich aufgrund des Durcheinanders von Denunziationen und der Anstiftung begriffsloser Unruhe ausbreitet.

In den letzten Abschnitten des Buchs hält der Autor nur noch eine vage Verbindung zu seiner Thematik aufrecht. Der einzige erkennbare Faden ist der mehrfache Bezug zu Hermann Brochs Romanwerk Die Schlafwandler, 1931/32 erschienen, das in drei Etappen die Entwicklung unterschiedlicher Charaktertypen von 1888 bis 1918 zeichnet. Das gleichnamige Werk von Christopher Clark aus dem Jahr 2013 legt sozusagen ergänzend zu Brochs Studie von Stimmungslagen die komplexen Interessen dar, die Europa in den Ersten Weltkrieg geführt haben. Um den Faschismus geht es in beiden Büchern nicht.

Terkessidis zählt fünf aktuelle »Schlafwandler«-Typen: die letzten Menschen, die Lebensreformer, die Betrogenen, die Moralisten und die Ideologen. Den ersten beiden ist der Hedonismus gemeinsam, die Betrogenen lassen sich am ehesten bei den Wählern der rechten Parteien finden, aber allen ist die Suche nach Halt gemeinsam. Daraus leitet Terkessidis Erfolgsmöglichkeiten einer Bewegung ab, »die verspricht, die Tradition neu zu verankern und sich politisch über die egoistischen Interessen, die ewigen Streitereien, das Kleinklein und die schlechten Kompromisse hinwegzusetzen«. Damit ist wohl die Gefahr des Anschwellens faschistischer Kräfte adressiert, aber nicht explizit ausgesprochen und begründet.

Wie Gegenpositionen aufgebaut werden könnten, wird wiederum nur vage angerissen. Der Linken wird geraten, sie solle ihre Kämpfe gegen Diskriminierung nicht in der »Haltung der gefährdeten Gemeinschaft« organisieren. Sie sollte nicht nur begrenzte Communities adressieren, sondern Gleichheit und Gerechtigkeit für die ganze Gesellschaft fordern. Dieses Ende hat leider etwas Sonntagsredenhaftes.

Insgesamt liefert das Buch keine überzeugende Analyse der gegenwärtigen Situation und beantwortet die selbstgestellte Leitfrage im Grunde nicht. Mit der Konzentration auf Befindlichkeiten und Haltungen, ohne auch Interessen und Machtverhältnisse zu berücksichtigen, ist einer Antwort wohl auch nicht näherzukommen. 


Mark Terkessidis: Gewalt am Denken. Wann beginnt Faschismus? Berlin: Matthes & Seitz Berlin, 2026.