Der Autor ist Kulturredakteur beim Mannheimer Morgen. Das Buch handelt vom Lesen (vor allem dem des Autors) und möchte für „literarisches Verständnis“ werben. Es soll auch zeigen, was wir Heutigen den Autoren der Vergangenheit zu verdanken haben. Das geschieht im Buch nach einer längeren Einleitung und vor einem seltsamen Schlusskapitel durch Essays zu Hölderlin, Kleist und Novalis. Es geht dabei nicht einfach um eine Ehrenrettung oder Aktualisierung der (deutschen) Romantik. Das Programm von Groß ist vielmehr, Literatur und Literaturerleben für zeitlos zu erklären.

Die drei genannten Zeugen aus der Vergangenheit sollen für die Idealisierung überzeitlicher Elemente und Auffassungen der Poesie bürgen. Darüber hinaus wendet sich Groß gegen moderne naturwissenschaftliche Erkenntnisse über das Ich und sein Selbstbewusstsein. Die von ihm herangezogenen Erkenntnisse werden stark verzerrt dargestellt, damit sie der angestrebten Rettung seiner seit Mitte des 19. Jahrhunderts in die Krise geratenen Auffassung von der Einheit des Ich nicht in die Quere kommen. Die Kränkungen der Ich-Illusion durch Marx, Nietzsche und Freud werden tatsächlich auch erwähnt – und abgetan. Nicht einmal die moderne Hirnforschung kann »alles« auf neuronale Prozesse zurückführen (nehmt das, ihr anmaßenden Hirnforscher!).
Die Wendung gegen das »Zergliedern«, gegen wissenschaftliche Analysen überhaupt hat ungenannte Vorbilder. Heidegger gehört dazu, wird aber nicht erwähnt. »Die« Literatur geht nicht in wissenschaftlichen Denkmustern auf, ihre Faszinationskraft findet in ihnen keine angemessene Deutung, sie ist etwas anderes als die Summe dessen, was Analysen herausfinden können. – Dem lässt sich leicht grundsätzlich widersprechen: Literatur ist in jedem Moment, bei jeder Lektüre und Analyse immer wieder etwas anderes, für das es kein »Ganzes« als passendes Gefäß gibt.
Es geht Groß durchgängig um das Erleben von Literatur, der er ein hohes Maß von Autonomie zuerkennt (sicher nicht ohne Kenntnis der historischen Debatten um die Autonomie der Kunst). Aber muss er affirmativ zu Floskeln greifen wie »Kunst als solche« oder den Romantikern unterstellen, sie seien »auf dasjenige aus, was uns Menschen im Grunde ausmacht«?
Seine Bewertungen geraten manchmal etwas durcheinander. Die drei von ihm ausgewählten Autoren seien überzeitlich auch im geistesgeschichtlichen Sinn, die Klassik mit ihren antiken Vorbildern weniger, heißt es an einer Stelle. Und kurz darauf wird die Orientierung Hölderlins an antiken Versmaßen und Stoffen beschrieben, gesteigert zu der Aussage: »Hölderlin ersehnte eine Rückkehr der Antike, ihrer Helden, Götter, die er sinnbildlich in hymnischem, oft pathetischem Ton beschwor«. Und dann geht es um die politischen, also durchaus zeitbedingten Implikationen vieler Texte Hölderlins.
Die drei Romantiker-Kapitel lesen sich wie Volkshochschulvorträge. Das persönliche Erleben von Groß, Ortsbeschreibungen, Autorenbiographien und Werkinterpretationen wechseln sich ab. Die Werkbeschreibungen zielen auf Einfühlung und sind im wesentlichen werkimmanent – Emil Staiger hätte sich gefreut. Sicher, es finden sich bei Kleist (»Gemüthserregungskunst«) und den anderen Autoren Hinweise auf ästhetische Strategien der Stiftung von Empathie, aber Groß wehrt sich wie erwähnt, und das sogar mehrfach, entschieden gegen Analysen, die den Text zergliedern (damit »zerstören«) und Textstrategien aufdecken wollen.
Abgesehen von den immer wieder eingestreuten und recht trotzig formulierten poetologischen Passagen ist das Buch in einem angenehmen Plauderton gehalten und könnte seine Zielgruppe unter denen finden, die »Bildungserlebnisse« nachholen oder auffrischen wollen.
Recht weit aus dem Zusammenhang fällt allerdings das fünfte und letzte Kapitel des Buchs, in dem knapp hintereinander Michael Köhlmeier, stalinistischer Terror, Michail Bulgakow, Martin Walser, Wilhelm Genazino, Hilary Mantel, Marcel Proust und Angelika Klüssendorf abgehandelt werden. Schön, Thomas Groß hat auch Bücher dieser Autorinnen und Autoren gelesen – aber warum sich Weiterlesen lohnt (sein Titel), macht er damit nicht gerade plausibel.
Das Buchformat ist eigenartig, 13,3 x 16 cm, also recht breit und dafür in der Höhe gestaucht. Es wirkt dadurch nicht gerade hochwertig. Seltsame Entscheidung des Verlags, etliche Bücher in diesem geduckten Format herzustellen.
Groß, Thomas: Warum sich weiterlesen lohnt. Heidelberg: Flur Verlag, 2026.