Achtsamkeit ist eine Ausgeburt des Neoliberalismus

Kathrin Fischer, eine Journalistin mit langer Hörfunkerfahrung, erzählt in der Einleitung des Buchs Achtsam geht die Welt zugrunde, wie ein Meditations-Podcast bei ihr das Fass zum Überlaufen brachte. Schon länger hatte sie Online-Angebote mit Meditations-Kursen und anderen Ratgebern zur Entwicklung eines besseren Selbst argwöhnisch zur Kenntnis genommen. Das Versprechen, ein glückliches Leben sei ganz leicht möglich, verbunden mit der Aufforderung zu Gelassenheit und »Resilienz« und oft auch dem Fetisch einer schnellen Reparierbarkeit des Lebens empfand sie nun als unerträgliche Zumutung. In einem von ihr organisierten Podcast befragte sie Experten aus verschiedenen Bereichen über den Aufstieg der Achtsamkeit zu einem bedeutenden gesellschaftlichen Thema und setzte sich längere Zeit intensiv damit auseinander.

KI-generierte Cover erobern den Verlagssektor. Bei mir verschwinden sie sofort im Papierkorb. Furchtbar ist auch der Blurb auf der Vorderseite des Umschlags

Eine kritische Argumentationslinie besteht schon seit längerem, nämlich der Vorwurf, dass es im Sinne neoliberaler Konzepte ist, die Folgen ökonomischer und politischer Systementscheidungen zu individualisieren. Politische Initiativen zur Verkürzung der Arbeitszeit und zur Verringerung ökonomischer Ungleichheit werden damit erfolgreich neutralisiert. Es ist nicht schwer, auch Beispiele für das Argument zu finden, dass Krisen und Katastrophen Chancen zu innerem Wachstum, zur Ausbildung des neuen Leitwerts »Resilienz« böten. Achtsamkeit und Resilienz sind zu gesellschaftspolitischen Leitwerten geworden, die möglicherweise selbst wieder als Ursachen für Stress und Erschöpfung auf diejenigen zurückwirken, die sie sich zu eigen gemacht haben.

Die These der Autorin lautet jedenfalls:

Unser Selbst-Welt-Verhältnis ist aus dem Gleichgewicht geraten. Wir versuchen nur noch, das Selbst zu verändern, nicht mehr die Welt. Die individuell hilfreiche Praxis der Achtsamkeit hat eine übermäßige Ausweitung erfahren und ist zu einer politischen Anpassungsstrategie geworden. [15]

Ihr Buch handelt »von den Krisenerfahrungen der Menschen in Deutschland und ihren Versuchen, diese Krisen mithilfe von Achtsamkeitspraktiken zu deuten und zu bearbeiten«.

Zu Beginn geht es um Gelassenheits-Praktiken, wie sie in Zen-Kursen vermittelt werden. Ihr Selbstversuch erzeugt ambivalente Empfindungen – einerseits Steigerung der Empfindungstiefe, andererseits Unterwerfung unter ein (unerreichbares) Ideal. Mit Mindfulness-based stress reduction (MBSR) beschäftigt sich bereits seit Jahrzehnten eine ganze Industrie und erobert mit ihren Angeboten alle Medienkanäle. Dabei soll es sich um eine uralte fernöstliche Praxis handeln, was jedoch bestreitbar ist. Wissenschaftliche Beobachter sagen, dass es sich bei Achtsamkeit um ein Sammelsurium von Praktiken und Definitionen handelt, die im wesentlichen nicht wiederentdeckt, sondern neu geschaffen wurden. In vielen Strömungen des traditionellen Buddhismus spielte beispielsweise Meditation überhaupt keine bedeutende Rolle, auch wenn sie vielleicht bekannt war. Die Hippies der sechziger und siebziger Jahre kümmerten sich selbstverständlich nicht um diese Traditionen, sondern wallfahrteten zu indischen Gurus, die ihre Praktiken gerade eben erst entwickelt hatten.

Inzwischen gibt die Achtsamkeits-Industrie auf der Homepage eines ihrer Verbände triumphierend bekannt:

Achtsamkeit wird derzeit zu einer Kulturkompetenz in unserer Gesellschaft. Sie wird genutzt in der Bildung, in der Arbeitswelt, in der Prävention und im gesamten Gesundheitswesen. [https://www.mbsr-verband.de]

So ist es wohl, und das kann als schöne Bestätigung einer auch von Fischer referierten These Michel Foucaults gelesen werden, dass eine Verlagerung von Machtausübung durch äußere Technologien zu selbstdisziplinierenden »Technologien des Selbst« stattfindet.

Sinnvoll erscheint mit Fischer allerdings eine Unterscheidung der Ideologie der Achtsamkeit von diversen individuellen Praktiken. Die Autorin bezieht etliche strukturierende Argumente von Jacob Schmidt, der ein Buch über Achtsamkeit als kulturelle Praxis geschrieben hat und dort vier Formen unterscheidet: strenge Methoden der Selbstvervollkommnung, Suche nach mehr Lebendigkeit, Erfolgserlebnisse durch Optimierung des Selbst und trivialen Kitsch.

Achtsamkeit als kulturelle Praxis ist eine Milliarden-Industrie. Diese stützt die schon genannte Wende zu individuellen Ausweichlösungen angesichts gesellschaftlicher Missstände,und auch die Kritik von Vertretern der Achtsamkeit an diesen Missständen bleibt im wesentlichen auf eine ethische Dimension beschränkt: Gier und Machtwille von Einzelnen regieren die Welt, mehr Welt-Analyse ist zu anstrengend.

Achtsamkeit in einem Magazin des Bekleidungshändlers Walbusch

Nach der Zen-Welt die Yoga-Welt. Kathrin Fischer hat auch in einer Yoga-Schule persönliche Erfahrungen gesammelt. Sie sieht dort eine Postkarte mit der Parole „All you need is inside“. Der Ausschluss der Welt und der Ausschluss der Auseinandersetzung mit den Ursachen für eigene Spannungen, Probleme und Konflikte ist damit programmatisch formuliert. Fischer sieht dieses Programm äußerst kritisch und hat dennoch Verständnis für die vielen Frauen, die im Yoga und in der Gemeinschaft mit Gleichgesinnten Trost und Stärkung suchen. Sie erinnert allerdings auch in diesem Zusammenhang an den Neoliberalismus: Im Sinne von Margret Thatcher und anderen Vertretern der neoliberalen Weltsicht müssten die Menschen auf sich selbst achten und könnten nichts von der »Gesellschaft« erwarten.

Erschöpfung in verschiedenen Spielarten wie Burnout, Depression, Angststörungen hat in den letzten Jahrzehnten epidemischen Charakter angenommen – wie zu Beginn des 20. Jahrhunderts die »Neurasthenie«. Der Konsum verordneter Antidepressiva hat sich in Deutschland seit 1990 mehr als verzehnfacht. Die Autorin berichtet von eigenen Existenzängsten, dazu Angst vor dem Scheitern der Demokratie, den Folgen des Klimawandels oder dem nächsten Krieg. Die Bundeswehr hat ermittelt, dass 41 Prozent der Deutschen sich von einem Krieg in Europa bedroht fühlen, aber 81 Prozent der Jugendlichen zwischen 12 und 25 Jahren haben laut der Shell-Jugendstudie Angst vor einem solchen Krieg und auch vor dem Einsatz von Atomwaffen. Das Gerede prominenter Wissenschaftler wie Herfried Münkler von der Notwendigkeit mentaler »Kriegstüchtigkeit« treibt manche Menschen dazu an, tatsächlich Vorsorge zu treffen, also Vorräte anzulegen und Fluchtrucksäcke bereitzuhalten.

Die Gefahren der KI müssen natürlich auch aufgerufen werden. Seltsamerweise greift Fischer die von Geoffrey Hinton beschworene zunehmende eigenständige Intelligenz von Computersystemen nicht auf, sondern konzentriert sich auf die drohende umfassende Kontrolle über alle menschlichen Lebensbereiche mit KI-Systemen.

Das positive Lebensgefühl früherer Jahrzehnte, das es gegeben haben könnte – vielleicht in den 1990er Jahren? – hat sich jedenfalls verflüchtigt. Ein 2019 erschienenes und inzwischen nicht wieder aufgelegtes Lego-Set mit dem Namen Willkommen in Apokalypstadt [sic!] spricht davon Bände.

Der angestrebte Erfolg systematisch geübter Achtsamkeit ist die Resilienz, sie ist DAS sozialpsychologische Modewort der letzten Jahre. Fischer referiert einen Artikel aus der Süddeutschen, der Resilienz daran misst, wie eine Person mit Bahn-Verspätungen umgeht. Bieten Verspätungen vielleicht Chancen zur Selbststärkung?

Die Aufforderung, als glückliche Konformisten jede Abweichung von ihrer Normalitätserwartung stilvoll zu erdulden, zeigt, dass Gelassenheit nicht länger eine Tugend ist. Sie ist zu einer Norm geworden, die das Verhältnis zur Welt allgemein bestimmen soll. [74]

Die Bahn-Resilienz-Empfehlung ist natürlich für viele Menschen ein Schlag ins Gesicht, da hat die Autorin Recht. Zumal nicht die Bahn die Entspannungs- und Selbststärkungskurse bezahlt, die sie letztlich verursacht.

In den nächsten vier (von sechs) Kapiteln schwenkt die Autorin von der narrativen Beschreibung zum Angriff über. Sie referiert einige kapitalismuskritische Positionen wie die des »toxischen Reichtum« (Sebastian Klein) und natürlich die äußerst populäre von Thomas Piketty. Die Beschleunigung der Reichtumsspirale vor allem in der Finanzwirtschaft gepaart mit Forderungen, den Sozialstaat zu »entstauben«, erinnert Fischer an frühere Bestrebungen, den Kapitalismus zu stabilisieren: »Bismarck ging es nicht um Gerechtigkeit. Er wollte den Kapitalismus überlebensfähig machen, indem er die sozialen Spannungen der Industrialisierung abmilderte.« Immerhin bestanden seine Therapie-Angebote in staatlich garantierten Versicherungsleistungen, die ein Minimum sozialer Sicherheit bereitstellten und bis jetzt noch -stellen.

Dass der Weg zur aktuellen neoliberalen Kultur mit ihrem psychologischen Fokus auf das Individuum durch die 68er Bewegung geöffnet wurde, wird nicht gut begründet. Es wird nicht plausibel, dass Landkommunen, Druckereikollektive, Naturkostläden und Alternativzeitungen die Vorläufer freiwilliger »neoliberaler« Kontrolle durch Selbstkontrolle sein könnten.

Die Anwendungsversuche von flüchtig referierten und vielleicht auch nicht gründlich rezipierten Theorien zur Bewertung der von ihr plastisch gezeichneten und durch Beispiele belegten kulturellen Dominanz der Achtsamkeitsideologie scheitern in meinen Augen weitgehend. Es läuft ohnehin alles auf den Neoliberalismus hinaus, der früher, zu Zeiten Thatchers und Reagans, als ökonomische Strategie startete und sich inzwischen zu einer umfassenden Ideologie entwickelt habe. Typisch sind Sätze wie dieser:

Dass immer mehr Menschen ihr Heil im eigenen Inneren suchen, zeigt für mich, wie sehr Thatcher, Reagan & Co. unsere Köpfe, Seelen und Herzen verändert haben. [159]

Es gibt sogar einen kleinen Ansatz einer Verschwörungstheorie: Hinter dem ganzen neoliberalen Übel steckt das Atlas-Netzwerk, das gefährlichste der Welt. Es handelt sich dabei um einen Zusammenschluss libertärer Denkfabriken und Organisationen, von über 500 solcher Einrichtungen in mehr als 100 Ländern. Einen Beleg für den realen Einfluss dieses Netzwerks liefert Fischer allerdings nicht.

Nachvollziehbarer sind dann jedoch sechs »Glaubenssätze einer neoliberalen Achtsamkeits-Ideologie«, die jeweils in einigen Absätzen begründet werden:

  1. Individuelle Lösungen für gesellschaftliche Probleme.
  2. Verlagerung historisch-gesellschaftlicher Missstände auf eine fundamental-existentielle Ebene. Konsum wird mit Gier erklärt, die mediale Feindseligkeit aller gegen alle mit Hass und verspätete Züge sind ein Beleg für die allgemeine Unsicherheit des Lebens.
  3. Veränderung der Wahrnehmung und nicht der Verhältnisse.
  4. Resilienz: Anpassung als Ideal. Herrschaftstechnik via Anpassung, Gelassenheit und Offenheit.
  5. So tun als ob – gestische Subversion. (Untergrabung von Machtstrukturen z. B. durch Yoga, dessen Werte denen des Kapitalismus widersprechen)-
  6. Die Ausdehnung von Achtsamkeit in die öffentliche Sphäre. (Jacob Schmidt wird mit einer bedenkenswerten These zitiert: Achtsamkeit ist radikal politisch, weil sie radikal entpolitisiert).

Einigen Raum nimmt die Diskussion von »Klassenmodellen« ein, wobei das Habitus-Modell von Pierre Bourdieu das Zwei-Klassen-Modell von Marx ergänzt, wenn nicht gar ersetzt. Nach Bourdieu erzeugen ökonomisches, soziales und kulturelles Kapital jeweils »symbolisches Kapital« und einen jeweils spezifischen Habitus. Dieses Modell wird von Fischer (unter Berufung auf ein Buch von Lisa Adkins und anderen über die »Asset-Ökonomie«) dem ökonomistischen Modell von Piketty gegenübergestellt. Aufgrund der Verlagerung wichtiger Einkommensströme auf Quellen der Finanzwirtschaft würde Einkommen aus Arbeit immer weniger zum Tor zu einem Lebensstil des Mittelstands.

Mittelstand und Mittelklasse sind berechtigter Weise ein Thema, wenn es um Achtsamkeit geht. Nur in der »Leisure Class«, wie Theodore Veblen sie nannte, kann auch ein immaterieller Wert wie Achtsamkeit im Statuswettbewerb eine zentrale Rolle spielen. Vermutlich kommt auch ein Bildungsfaktor hinzu, denn Auto-»Poser« können sich oft zwar teure und schnelle Kraftfahrzeuge leisten, gehören jedoch gewiss nicht zu den Kunden der Achtsamkeits-Industrie.

Einer der vielen von der Autorin berührten Aspekte – längst nicht alle sind zwingend oder überhaupt nachvollziehbar – ist das »richtige« liberale Denken derer, die sich als liberal bezeichnen – was wohl für eine große Mehrheit der Mittelklasse gilt.

Carolin Amlinger und Oliver Nachtwey führen in Zerstörungslust (2025) die populistische Wut, die sie als »demokratischen Faschismus« beschreiben, auf das Gefühl eines blockierten Lebens zurück, das vor allem in den unteren Klassen wächst. Sie haben in dem Zusammenhang einen bitteren Satz geprägt: Liberal ist der Liberalismus »nur noch gegenüber Liberalen, gegenüber nichtliberalen Denk- und Lebensweisen verhält er sich zunehmend illiberal«.

Was also nun? Die Idee aufgeben, durch Selbstgestaltung die Welt zu verändern? Welche Orientierungen gibt es? Kathrin Fischer zitiert Joseph Vogl, der kleine und kleinste Schritte für die einzig mögliche Lösung hält. Utopien fehlten jedenfalls – er schreibt: »Die utopische Kraft schwindet auch, weil ein narzisstisch verzerrtes Resilienz-Ideal sie erstickt«. Dennoch bleibt Fischers Mantra: Die entpolitisierende Orientierung an der individuellen Stärkung durch Achtsamkeit schwächt potentielle kollektive Anstrengungen zur Durchsetzung von Alternativen zum Kapitalismus.

Von ihr nicht behandelt: Die heutigen Achtsamkeitsbestrebungen und die Kritik an ihnen haben einen Vorläufer. Friedrich Nietzsche verwendete den Begriff der letzte Mensch in seinem philosophisch-literarischen Werk Also sprach Zarathustra (1883–1885). Dieser letzte Mensch ist konfliktscheu, sicherheitsfixiert und verwöhnt:

»Wir haben das Glück erfunden« — sagen die letzten Menschen und blinzeln. Sie haben die Gegenden verlassen, wo es hart war zu leben: denn man braucht Wärme. Man liebt noch den Nachbar und reibt sich an ihm: denn man braucht Wärme. Krankwerden und Misstrauen-haben gilt ihnen sündhaft: man geht achtsam einher. Ein Thor, der noch über Steine oder Menschen stolpert! [Hervorhebung: H. R.]

Das gedruckte Buch endet auf Seite 254. Online lässt sich per QR-Code der Endnoten-Anhang finden, der 23 weitere Seiten umfasst und unbedingt für jene empfehlenswert ist, die zumindest den Verweisen auf wissenschaftliche Reflexionen zum Thema nachspüren wollen.


Fischer, Kathrin: Achtsam geht die Welt zugrunde. Wie die Ideologie der Achtsamkeit gesellschaftlichen Wandel blockiert. München: hanserblau, 2026.