Autor: hero

  • Paranoia (4)

    Wie organisiert man als Naturschutz-NGO finanzielle Zuflüsse? 10 Punkte für die richtige Antwort: Moore sind wichtig für die Verteidigungsfähigkeit unseres Landes.

    Moore sind wichtig für Klima und Biodiversität – sind aber auch für Panzer unpassierbar. (Getty Images / Gerrit Fricke)

    Deutschlandfunk Nachrichten https://www.deutschlandfunk.de/forscher-verweisen-auf-moore-als-natuerliche-panzersperre-100.html

  • Unmöglicher Abschied

    In den Wochen, in denen ich mich vor allem mit den Errungenschaften der Künstlichen Intelligenz beschäftigt habe, für die 2024 vier Männer Nobelpreise erhielten (2 x Chemie, 2 x Physik), habe ich nebenbei auch das Buch von Han Kang gelesen, die 2024 den Nobelpreis für Literatur erhielt.

    Dieses Buch verdient einen Warnhinweis. Es ist voller Grausamkeiten, die zunächst eine subtile Form haben, wie die präzisen Beschreibungen von körperlichen Schwächezuständen und der postoperativen Behandlung zweier replantierter Finger. Damit das Zusammenwachsen gelingen kann, müssen die Wunden immer wieder geöffnet werden. Wenn das eine Metapher zur Teilung Koreas sein soll, wie ein Rezensent meinte, müsste sie aber andersherum aufgezogen werden: Erst wenn das Zusammenwachsen gelungen ist, können die Wunden heilen.

    Danach beginnt die Schilderung einer langjährigen Freundschaft der Ich-Erzählerin Gyeongha, einer Autorin, und Inseon, einer Dokumentarfilmerin, die allerdings schon länger keinen Film mehr produziert hat. Stattdessen hat sie sich auf die Insel Jeju in ein einsames Haus zurückgezogen, in dem ihre Mutter einmal gelebt hatte.

    Die Nennung der Insel sollte zu einer kurzen Recherche veranlassen. Wer sich in der koreanischen Geschichte ein wenig auskennt, weiß zumindest, dass das Land nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs und der japanischen Annexion 1948 in zwei Hälften geteilt wurde. Nach einem dreijährigen Krieg, an dem die USA und die VR China beteiligt waren, wurde 1953 diese Teilung verfestigt. Danach herrschten in Südkorea bis Mitte der 1990er Jahre autoritäre Regimes, einige Militärdiktatoren und niemals Freunde der Demokratie. All diese Regimes wurden von den USA gestützt, trotz vieler Proteste in der westlichen Welt.

    Jeju liegt südlich vor der Südwestspitze Koreas, vom Festland weit entfernt, und war dennoch ein Schauplatz der Auseinandersetzungen nach 1945.

    Auf der Insel fand von April 1948 bis Mai 1949 ein Aufstand statt, der von antikommunistischen bewaffneten Milizen (zum Beispiel einer »Nordwest-Jugendliga«) äußerst blutig niedergeschlagen wurde. Ein Jahr zuvor gab es erste Proteste der Inselbewohner gegen die Wahlen, die von der temporären Kommission der Vereinten Nationen im amerikanisch besetzten Teil von Korea ausgerufen worden waren. Die Befürchtung war, dass dadurch die Teilung des Landes befestigt würde. Im Roman gibt es Anspielungen auch auf weitere Ereignisse in der Geschichte des Landes, wie zum Beispiel den Gwangju-Aufstand 1980.

    Die Erzählerin wird von ihrer Freundin aus der Klinik heraus gebeten, dringend in ihr Haus auf Jeju zu reisen, um dort ihren geliebten Vogel Ama zu tränken und zu füttern, der sonst vor Durst eingehen müsste. Trotz eines heftigen Migräneanfalls macht sich Gyeongha auf den Weg, der äußerst beschwerlich und immer sinnloser wird, weil der Wintereinbruch und ein Schneesturm ihre rechtzeitige Ankunft in dem Haus verhindern. Der Vogel ist tot, Wasser und Strom fallen aus, der Erzählerin geht es schlecht.

    Durch das Buch ziehen sich zunehmend längere kursiv gedruckte Passagen, die Aufzeichnungen Inseons, ihrer Mutter und anderer Personen wiedergeben. In ihnen geht es nicht einfach um die Familiengeschichte, sondern auch um die systematischen Massenmorde und die Massengräber überall im Land, nicht nur auf Jeju.

    Der zweite Teil des Buchs enthält irritierende Wiederauferstehungen und Geistererscheinungen. Erst taucht der begrabene Vogel wieder auf, dann erscheint Inseon, verhilft der Erzählerin zu etwas Essen und ein wenig Wärme. Nun häufen sich im Text die Berichte über ihre Familienangehörigen, aus denen auch die Bedeutung des Hauses auf Jeju hervorgeht. Die Erzählerin ist sich permanent nicht sicher, ob Inseon physisch anwesend ist, es finden keine Berührungen zwischen ihnen statt. Schließlich gehen sie in der Dunkelheit hinaus in die Kälte und legen sich an einem von Inseon gewählten Ort in den Schnee.

    Ein bedrückendes Buch. Geprägt von der jahrzehntelangen koreanischen Gewaltgeschichte wie viele koreanische Filme. Es ist jedoch ein gutes Buch. Man muss lernen, mit ihm umzugehen. Das Sprechen über die Lasten, die Generationen von Koreanerinnen und Koreanern gequält haben und sie nach wie vor in Unruhe versetzen, kann nicht einfach als Kitsch abgetan werden, wie es einige Rezensentinnen (!) getan haben (siehe Perlentaucher).


    Han Kang: Unmöglicher Abschied. Roman. Berlin: Aufbau, 2024.

  • Weggelesen (10)

    Sasa Stanišić: Möchte die Witwe …

    Seit einigen Monaten lese ich zum »Herunterkommen« neben der eigenen Arbeit (eher: vor und nach) ein Buch nach dem anderen, das thematisch nichts mit meinem Thema, den Family Affairs der Booles, Taylors und Hintons, zu tun hat. Hier der vorläufig letzte Teil des kurzen Rückblicks.

    Das Buch besteht aus einer Art Reigen von Erzählungen. Sie sollen in der angebotenen Reihenfolge gelesen werden, teilt der Autor auf einer Vorspannseite mit. Ich halte das nicht für nötig, auch wenn ich die lenkende Absicht verstehe: das Personal früherer Erzählungen kommt auch in späteren wieder vor. Die Schreibweise ist zumindest in einigen Geschichten knapp, lakonisch, distanziert. Das ist mir durchaus sympathisch. Die Geschichten selbst und ihr Personal interessieren mich allerdings nicht. Es handelt sich überwiegend um Geplauder, dem ein Fokus fehlt. Selbst Stanišićs Spiel mit Erzählstrukturen bleibt fade. In einer auf Helgoland spielenden Geschichte tritt der Erzähler ab und an in den Vordergrund, bietet binnenerzählerische Varianten an, die dann so banal wie ihre Umgebung bleiben. Ich wollte immer schon etwas von diesem Autor lesen und bin jetzt verunsichert: Ist dies ein Nebenwerk oder ist er das?

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    Sasa Stanišić: Möchte die Witwe angesprochen werden, platziert sie auf dem Grab die Gießkanne mit dem Ausguss nach vorne. München: Literaturverlag Luchterhand in der Penguin Random House Verlagsgruppe, 2024.

  • Paranoia (3)

    Adam Curtis, der britische Dokumentarfilmer, hat in seiner über 8 Stunden dauernden Serie Can’t get you out of my head verschiedene Aspekte der Paranoia und von Verschwörungsphantasien aufgegriffen. Er beginnt mit Jim Garrison, dem Staatsanwalt, der das Attentat an John F. Kennedy untersuchte. Er sah hinter der Tat eine Verschwörung, eine art deep state, also ein hinter den offiziellen Institutionen wirkendes zweites, mächtiges System.

    Die Person von Jiang Qing, der letzten Ehefrau Mao Zedongs, beschäftigt Curtis in der Serie immer wieder. Seine These: Mao ließ sie unberaten los, um die Massen im Sinne seiner Linie aufzurühren – aber auch ohne die Chance, die Massen wieder zurückzurufen. Sie geriet nach einem Machtwechsel als Angehörige der Viererbande ins Gefängnis und erhängte sich dort nach zehn Jahren an zusammengeknoteten Socken.

    Auch Horst Herold, der BKA-Chef zur Zeit der RAF und Erfinder der Rasterfahndung war, in der auch schon Verhaltens- und Bewegungsmuster eine Rolle spielten wie bei heutigen digitalen Überwachungssystemen, hat einen Platz in der Doku.

    Gillo Pontecorvos Film *Schlacht um Algier *(1966) thematisiert Spionage und Gegenspionage, die den algerischen Befreiungskrieg gegen Frankreich 1954–1962 begleiteten. Viele Aktionen wurden durch agents provocateurs angefacht. Die Polizei, die amerikanische CIA, viele spielten mit. Die Folge dieser Aktionen war wachsende Paranoia.

    Kein Wunder, dass auch gezielt falsche Verschwörungstheorien verbreitet wurden, um Unruhe und Verunsicherung zu stiften.

    Heute schon fast vergessen: Konflikt zwischen Jane Fonda (gegen den US-Krieg in Vietnam) und Joan Baez (für Rettungsaktionen, die antikommunistische Flüchtlinge aus dem Land schaffen.

    Das sogenannte Massaker am Tienanmen-Platz (das gar nicht auf dem Platz stattfand, sondern einige Straßenzüge weiter an bestimmten Kreuzungen) sei das Ergebnis einer Verschwörung des Westens, die bis ins 19. Jahrhundert zurückreicht (Opiumkrieg), sagen einige Chinesen. 1870 wurde in Großbritannien eine Gesellschaft gegen den Opiumhandel gegründet (an dem ansonsten Briten gewinnbringend beteiligt waren). Gleichzeitig wurde die Angst vor der »Gelben Gefahr« geschürt, in diesem Fall waren Chinesen in England gemeint, denen Untergrundtätigkeiten unterstellt wurden.

    In den USA verschärfte sich nach dem Ersten Weltkrieg ein regelrechter Rassenkrieg, bei dem 1921 in Tulsa sogar die Luftwaffe eingesetzt wurde. Eine Partei wurde durch den Ku-Klux-Klan repräsentiert, der 1925 etwa fünf Millionen Mitglieder hatte. Für die Klan-typische Verkleidung ist übrigens der Regisseur David Wark Griffith, der in seinem legendären Film The Birth of a Nation (The Clansman) 1915 ähnlich maskierte Gestalten auftreten ließ.

    Weitere Brandherde für Verschwörungsmythen und Paranoia, die Curtis vorführt, sind:

    • Irak. Gertrude Bell unterstützte das »aerial policing« der britischen Luftwaffe in den 1920ern. Siehe auch hier.
    • Dem Pharmahersteller Sackler wird Massenbeeinflussung durch seine Produkte Valium und Oxicontin unterstellt.
    • USA, vor allem CIA, stürzen den Präsidenten Lumumba und setzen den dann 30 Jahre regierenden Mobutu ein.
    • Irak. US-gelenkter Putsch 1963.
    • Der Vertrag zur Rückgabe Hongkongs an China sah vor, dass Hongkong »demokratisch« bleiben sollte. Dabei herrschte dort ein rassistisches, autoritäres, britisch gelengtes Regime.
    • Irak-Kriege der USA 1990, 2003 zeigten vor allem, dass die USA wie die Briten 80 Jahre zuvor die komplexe Gesellschaft, mit der sie konfrontiert waren, nicht verstanden hatten.
    • usw.

    Es lohnt sich, dem Material von Curtis acht Stunden Aufmerksamkeit zu widmen.

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    Adam Curtis. Die Serie auf Youtube

  • Weggelesen (9)

    Oren Kessler: Palästina 1936

    Ein »großer Aufstand«, wie der Untertitel es andeutet, war es gar nicht. In Palästina gab es von 1936 bis 1938 eine Serie brutaler Gewalttaten, an deren Beginn der Autor Übergriffe arabischer Täter auf jüdische Bewohner in Jaffa und anderen Orten stellt. Auch die britische Besatzungsmacht, die den massiven Zuzug jüdischer Immigranten schützte, wurde punktuell attackiert. Es gelingt Kessler jedoch nicht, einen Aufstand von Palästinensern zu zeichnen, auch wenn er es vielleicht beabsichtigt hat. Das Buch besteht aus hunderten größtenteils unverbundener und folgenloser Kurzberichte über einzelne terroristische Akte beider Seiten, Kurzbiographien einzelner handelnder Personen (Palästinenser, Juden bzw. Zionisten, Engländer), alles in wechselnder Detailtiefe. Es scheint, als hätte Kessler alles, was in Dokumenten zu finden war, einfach ins Buch gekippt.

    Auf der einen Seite berichtet er von Überfällen auf jüdische Siedlungen, bei denen Dolche und Streichhölzer eingesetzt wurden, um willkürlich Bewohner zu ermorden und ihre Häuser in Brand zu stecken. Es gab allerdings auch viele Anschläge mit Schusswaffen und Bomben. Die Antwort der britischen Besatzungsmacht und auch der Juden selbst blieb nicht aus. Insgesamt wurden etwa 500 Juden getötet und rund 1000 verwundet. Die britischen Kräfte erlitten 250 Todesopfer. Bei den Arabern gab es 5000 bis 8000 Tote und über 20.000 Verwundete.

    Militante Zionisten, angeführt von Wladimir »Ze’ev« Jabotinski, gingen nicht einfach in Verteidigungsstellung, sondern entfalteten selbst systematischen Terror, der so begründet wurde: »Der Araber ist kulturell rückständig, aber sein instinktiver Patriotismus ist ebenso rein und edel wie unser eigener; er lässt sich nicht kaufen, er kann lediglich von einer … force majeure gebändigt werden.« Zusätzlich machte sich eine rassistische Interpretation des Verhältnisses von Juden und Arabern breit. Die zionistische Palestine Post: »Einerseits haben sich die Kräfte der Zerstörung, die Kräfte der Wüste erhoben, und andererseits stehen fest die Kräfte der Zivilisation und des Aufbaus.« Dieses Narrativ – die Barbaren der Wüste gegen die Zivilisation – taucht auch heute immer wieder einmal auf.

    Auch nach der Eindämmung der beidseitigen Überfälle ging der Terror weiter. Kessler dokumentiert immer wieder auch den jüdischen Terror. Die im folgenden Zitat erwähnte Irgun ist die militante Organisation, die mit Jabotinsky in Verbindung stand: »Eines Morgens stahlen Irgun-Männer ein Auto, das Weizmanns Bruder gehörte, fuhren in die Unterstadt Haifas und erschossen drei Araber. Ein andermal gingen sie in ein Dorf namens Biyar Ades, von dem sie glaubten, es verberge bewaffnete Banden, weil sie jedoch keine fanden, ermordeten sie vier Frauen und einen Mann in ihren Häusern und steckten die Fahne der Zionisten in den Boden, als sie abfuhren.«

    Das Resultat der vereinten Anstrengungen von zionistischen Kräften und britischer Kolonialmacht war, dass zum Beginn des Zweiten Weltkriegs das politische, wirtschaftliche und soziale Beziehungsgeflecht des arabischen Palästina zerstört war. Daran konnte bei der Nakba und der Gründung des Staates Israel 1947 bis 1949 angeknüpft werden.

    Interessant und lehrreich ist die längere Einleitung des Buchs, in der die Entwicklung von der Balfour-Deklaration 1917 bis zur Mitte der 1930er Jahre beschrieben wird. Die willkürliche britische Bevölkerungspolitik, die den Zustrom jüdischer Immigranten mal quotierte, mal unbegrenzt zuließ, aber die Regelungen nicht auch mit palästinensischen/arabischen Vertretern abstimmte, wird als Keimzelle letztlich aller späteren Konflikte deutlich. Vielleicht sogar gegen die Absicht des Autors Oren Kessler. Es gab allerdings auch kurze Phasen, in denen die Kolonialmacht palästinensische Stimmen berücksichtigte. Im britischen Unterhaus sagte ein Abgeordneter sogar einmal: »Der ehrenwerte und galante Gentleman dürfte mir kaum widersprechen, wenn ich sagte, dass die meisten Juden tatsächlich ganz Palästina wollen oder, als Alternative, die bestehende Bevölkerung auf die Stellung der Hethiter in der Bibel reduzieren, nämlich zu ›Holzfällern und Wasserträgern‹.« Premierminister MacDonald erklärte 1931 hingegen die unbeschränkte jüdische Ansiedlung in Palästina zum Hauptziel des britischen »Mandats«. Ein einziges Chaos.

    Ein unerwartetes und bemerkenswertes Detail soll nicht unerwähnt bleiben: In den von Kessler fokussierten Jahren 1936 bis 1938 eröffnete eine zionistische Jugendbewegung eine Marineakademie im faschistischen Italien. Ihre Kadetten sammelten Metallschrott für die italienische Rüstungsindustrie und marschierten aus Solidarität bei der italienischen Invasion in Abessinien mit. Als bei einer Ausbildungsfahrt ein jüdischer Kadett ums Leben kam, veranstalteten seine Kameraden eine Seebestattung und ehrten den Toten mit dem faschistischen Gruß.

    Unter aktuellen Aspekten auch interessant ist, dass schon in den 1930er Jahren der Aufbau eines schlagkräftigen jüdischen Geheimdienstes begann, der die palästinensischen Communities infiltrierte und potentielle Aufständische bzw. Aktivisten identifizierte.

    Das Buch ist zwar in einem journalistischen Stil verfasst, aber hat keine Form, sondern reiht Ereignis an Ereignis, Person an Person. Das ist ungenießbar, abgesehen von den Berichten über viel grausames Geschehen und die unfassbar inhumane Kolonialpolitik.

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    Oren Kessler: Palästina 1936. Der Große Aufstand und die Wurzeln des Nahostkonflikts. München: Hanser, 2025.