Wer beispielhaft studieren möchte, wie eine Familiengeschichte geschrieben werden sollte, die auch andere interessiert und nicht nur die Familie selbst, muss die Bücher von Lea Ypi lesen. Nach dem 2022 auf Deutsch erschienenen Buch Frei , das um den Angelpunkt des Jahres 1989 herum organisiert ist, rollt jetzt Aufrecht die Geschichte des 20. Jahrhunderts aus. Zentralfigur ist diesmal die Großmutter der Autorin, Leman Ypi. In drei chronologisch abgegrenzten Teilen wird die Familienchronik in die Geschichte Albaniens eingebettet. Einige Familienmitglieder haben in prominenten Funktionen auch daran mitgearbeitet, ein Urgroßvater, Xhafer Bey Ypi, war sogar von 1920 an mehrfacher Minister und Ministerpräsident und 1939 Staatsoberhaupt des Landes.
Was die Lektüre interessant macht, sind weniger die Daten und Fakten der allerdings sehr bewegten albanischen Geschichte vom Osmanischen Reich bis zur kommunistischen Despotie Enver Hoxhas, sondern die vielen erzählerischen Blitzlichter auf das Familiengeschehen. Häufig geht es um die Rechte und gesellschaftliche Position der Frauen. Die Erzählungen sind kein Beiwerk, sondern erzeugen erst ein Interesse an dem seltsamen Land, an seinen sozialen Innen- und Außenbeziehungen und letztlich auch immer ein wenig an der Autorin, die bekanntlich als Professorin für politische Theorie in London lebt.
Hier etwas nachzuerzählen kommt mir sinnlos vor. Das Buch gefällt mir, auch die sehr flüssige Übersetzung (aus dem Englischen).
Lea Ypi: Aufrecht. Überleben im Zeitalter der Extreme. Berlin: Suhrkamp, 2025.
Michael Butter beschäftigt sich seit 2008 mit Verschwörungstheorien, habilitierte sich 2012 mit einer Arbeit über Verschwörungstheorien in den USA vom 17. Jahrhundert bis in die Gegenwart und brachte 2018 ein weiteres, grundlegendes Buch über Verschwörungstheorien heraus.
Seit der Covid-Pandemie sind Verschwörungstheorien in Deutschland ein häufiger Gegenstand von Spekulationen und Forschungen. Vielen Deutschen wird eine Neigung zu Verschwörungstheorien zugeschrieben – in manchen Studien zwischen einem Viertel bis zu einem Drittel der Bevölkerung. Butter hält die Zahlen jedoch für zu hoch gegriffen und etwa zehn Prozent für realistisch. Allerdings ist die Wirkmacht solcher Theorien in den USA sehr viel größer als in Deutschland, wo die Gesellschaft keineswegs so polar und tief gespalten ist. Anhänger von Verschwörungstheorien gehören hier eher zu den Außenseitern. Die öffentliche Wahrnehmung ist jedoch eine andere. Es findet, so nennt Butter es, ein »epistemischer Kollaps« statt.
In großen Teilen von Politik, Medien und Gesellschaft hat sich die Überzeugung durchgesetzt, Verschwörungstheorien stellten mittlerweile eine der größten Bedrohungen unserer Demokratie dar. Verschwörungstheorien werden häufig als per se antidemokratisch erachtet, als Katalysatoren für Radikalisierungsprozesse gesehen und als untrennbar mit populistischen, rechtsextremen und antisemitischen Überzeugungen verbunden begriffen. (13)
Kaum zu glauben, aber Butter hat nachgeforscht: In Deutschland gibt es mehr als fünfzig Projekte, größtenteils staatlich finanziert, zum Teil von privaten Stiftungen, die über Verschwörungstheorien aufklären wollen.
Dabeisein ist alles. Die Politik des »Wir« reagiert auf den seit Jahrzehnten zu beobachtenden Bedeutungs- und Vertrauensverlust von Institutionen. In den ersten vier Jahrzehnten nach der Zerschlagung der NS-Herrschaft war der Erlebnisgehalt der Demokratie trotz tiefer Gräben zwischen den Parteien und Milieus hoch. Im 21. Jahrhundert sind starke Nivellierungstendenzen sichtbar, abgesehen von den unbearbeiteten Problemen der Eingliederung der DDR-Bevölkerung.
Der Titel des Buchs stammt von Günther Anders. Die Autorin nimmt auf ihn kurz in Form des Mottos für ihren Prolog Bezug.
Das Programm des dreiteiligen, über 700 Seiten umfassenden Buchs ist die Entdeckung und der Bedeutungsverlust von »Welt«. Weltlosigkeit im Sinne von Günther Anders heißt wohl, dass ein Verständnis des Beziehungsgeflechts »des« Menschen mit und in der Welt verloren geht. Was auch immer »Welt« in diesem Zusammenhang ist.
Lesen wollte ich das Buch, weil es dort einen Teil über die Entwicklung der Zeitvorstellungen gibt. Zyklische, lineare, Eisenbahn-Zeit usw., alles wird aus den bekannten Quellen ausführlich referiert und zusammengefasst. Könnte prononcierter sein. Die historischen Konflikte um das Zeitverständnis werden nicht herausgearbeitet. Ich stimme auch ihrer Behauptung über digitale Uhren nicht zu, dass im Unterschied zwischen Zeiger- und Digitaluhr ein Wandel »unserer« Zeiterfahrung deutlich werde. Die Digitaluhr sei eine technische Voraussetzung für bestimmte Formen des projektorientierten Arbeitens oder des Finanzkapitalismus. Begründung fehlt.
Rongfen Wang ist eine seit 1989 in Deutschland lebende Germanistin und Soziologin, die als Studentin während der chinesischen Kulturrevolution verhaftet wurde und zwölf Jahre in Gefängnissen gelitten hat. In ihrem Buch gibt es deutliche Spuren ihrer eigenen Geschichte. Zu den Protagonisten darin gehört ein Geschwisterpaar, der Ich-Erzähler und seine Schwester. Beide werden als Kinder zum Klavierspielen angehalten, die Schwester entpuppt sich als großes Talent. Der titelgebende Steinway-Flügel fungiert an manchen Stellen als eine Art McGuffin und gibt immer wieder Anlass zur Kommunikation und zur Entdeckung von Gemeinsamkeiten der handelnden Figuren. Eine zentrale Rolle spielt die Klavierlehrerin, die Mao Zedong persönlich begegnet, von ihm begehrt wird und kurz darauf im Gefängnis landet und dort von zynischen Figuren systematischen Qualen ausgesetzt wird. Sie überlebt, doch am Ende stirbt sie zusammen mit der Schwester des Ich-Erzählers im Juni 1989 während des Aufstands auf dem Platz des Himmlischen Friedens.
Die ersten vierzig Seiten bilden einen Prolog, der die Kulturrevolution und eine Reihe führender Funktionäre in der chinesischen Partei- und Staatsführung jener Zeit behandelt. Eine Kontextualisierung dieser Phase im Strom der Entwicklung seit dem Bürgerkrieg und dem Sieg der KP 1949 findet dabei allerdings nur bruchstückhaft statt.
Das Personal des Buchs setzt sich ausschließlich aus Angehörigen der gebildeten Eliten zusammen, darunter auch »alten« bürgerlichen und am Kaiserhof präsenten Familien. Über das Alltagsleben – welcher Schichten der Bevölkerung auch immer – in den sechziger bis achtziger Jahren ist wenig zu erfahren. In vielen Nahaufnahmen von privaten Begegnungen oder solchen mit der Staatsgewalt wird vor allem die oppositionelle Haltung des Erzählers (und der Autorin) deutlich. Ich habe mich recht widerstrebend von den auf 490 Seiten ausgebreiteten Belanglosigkeiten und Grausamkeiten dieses Buchs, das als Roman bezeichnet wird, einige Tage quälen lassen.
In einer Unterhaltung der inhaftierten Klavierlehrerin mit einer ebenfalls ins Gefängnis eingelieferten Mitarbeiterin im Verlag für fremdsprachige Literatur geht es um Joan Hinton, die an der Entwicklung der Atombombe in den USA mitgearbeitet hatte und entsetzt über deren tatsächliche Anwendung nach China ging, um dort für den Rest ihres Lebens einfache Arbeiten in der Landwirtschaft zu verrichten. Sie entwickelte sich zu einer glühenden Maoistin und organisierte 1966 mit einigen anderen anglo-amerikanischen Emigranten eine Protestaktion in Form einer Wandzeitung, die ihre Privilegierung und gleichzeitig den Ausschluss von der Teilnahme an der Kulturrevolution kritisierte. Diese Wandzeitung wurde von Mao Zedong positiv kommentiert, die Forderungen wurden erfüllt. Im Buch von Wang werden diese westlichen Revolutionsanhänger als »fremde Teufel« bezeichnet, die das Brot der Demokratie weggeworfen hätten.
Manche sind Idealisten, andere werden daheim steckbrieflich gesucht, und hier duften sie alle, wie sie wollten! Die Hinton, deren Unterschrift als Erste unter dieser Wandzeitung steht, die hat an der Chicago University im Manhattan-Projekt unter Fermi an Testreaktoren mitgearbeitet – und dann den Kommunisten hier die Geheimnisse der Atombombenproduktion mitgebracht. Tja. Auf jedem Boden gedeihen die Menschen grad für diesen Boden, bei uns gedeiht der Abschaum der Welt, gedeihen internationale Schurken und Verräter.
Der Verdacht, Joan Hinton habe Atomgeheimnisse besessen und verraten, fand zwar 1953 Schlagzeilen in der ganzen Welt, aber wurde dann ernsthaft nicht einmal von den amerikanischen Geheimdiensten aufrechterhalten. Sie konnte mehrfach in die USA reisen und dort unbehelligt Vorträge halten und ihre alten Kollegen aus Los Alamos treffen. – Wangs Text teilt die Charakteristika manch anderer Bücher von Oppositionellen und Renegaten. Er setzt aus vielen Details mit starken Worten und Bildern ein System des Bösen zusammen, will glauben machen und überzeugen. Die Erlebnisse der Autorin, die durch ihren Text hindurchscheinen, sind für mich über alle Kritik erhaben. Ihr Buch hingegen macht es mir schwerer und nicht leichter, die chinesische Geschichte der letzten sechzig Jahre zu verstehen.