Autor: hero

  • KI stellt Antisemitismus fest

    Jörg Schieb, bekannt durch Bücher wie Windows 98 komplett und Das große Buch zu MS-DOS und langjähriger Mitarbeiter des WDR, ist inzwischen Vorsitzender des Vereins der Freunde des Adolf-Grimme-Preises und bezeichnet sich selbst als »KI-Enthusiast«.

    Ein Anwendungsfall seines Enthusiasmus ist die angeblich »wissenschaftliche Analyse« einiger Videos von Judith Scheytt auf Instagram. Scheytt bekam im Januar 2025 von dem oben erwähnten Verein eine »Besondere Anerkennung« im Rahmen der Vergabe des Donnepp Media Award ausgesprochen. Die nach mehreren Monaten erfolgte Aberkennung dieser Auszeichnung soll nach Druck von Seiten der Kölnischen Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit erfolgt sein. Begründungen lieferte nachträglich die genannte Analyse. Aus ihr scheint hervorzugehen, dass Judith Scheytt eine systematische Verzerrung der israelischen und palästinensischen Positionen vornimmt. Nicht berücksichtigt wird jedoch, dass ihre Äußerungen auf Instagram medienkritische Interventionen sind, keine aktivistischen Stellungnahmen. Eine Kritik an ihren Aussagen müsste also in jedem Fall auch den Betreff dieser Aussagen nennen und mit reflektieren.

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  • Paranoia (4)

    Wie organisiert man als Naturschutz-NGO finanzielle Zuflüsse? 10 Punkte für die richtige Antwort: Moore sind wichtig für die Verteidigungsfähigkeit unseres Landes.

    Moore sind wichtig für Klima und Biodiversität – sind aber auch für Panzer unpassierbar. (Getty Images / Gerrit Fricke)

    Deutschlandfunk Nachrichten https://www.deutschlandfunk.de/forscher-verweisen-auf-moore-als-natuerliche-panzersperre-100.html

  • Unmöglicher Abschied

    In den Wochen, in denen ich mich vor allem mit den Errungenschaften der Künstlichen Intelligenz beschäftigt habe, für die 2024 vier Männer Nobelpreise erhielten (2 x Chemie, 2 x Physik), habe ich nebenbei auch das Buch von Han Kang gelesen, die 2024 den Nobelpreis für Literatur erhielt.

    Dieses Buch verdient einen Warnhinweis. Es ist voller Grausamkeiten, die zunächst eine subtile Form haben, wie die präzisen Beschreibungen von körperlichen Schwächezuständen und der postoperativen Behandlung zweier replantierter Finger. Damit das Zusammenwachsen gelingen kann, müssen die Wunden immer wieder geöffnet werden. Wenn das eine Metapher zur Teilung Koreas sein soll, wie ein Rezensent meinte, müsste sie aber andersherum aufgezogen werden: Erst wenn das Zusammenwachsen gelungen ist, können die Wunden heilen.

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  • Weggelesen (10)

    Sasa Stanišić: Möchte die Witwe …

    Seit einigen Monaten lese ich zum »Herunterkommen« neben der eigenen Arbeit (eher: vor und nach) ein Buch nach dem anderen, das thematisch nichts mit meinem Thema, den Family Affairs der Booles, Taylors und Hintons, zu tun hat. Hier der vorläufig letzte Teil des kurzen Rückblicks.

    Das Buch besteht aus einer Art Reigen von Erzählungen. Sie sollen in der angebotenen Reihenfolge gelesen werden, teilt der Autor auf einer Vorspannseite mit. Ich halte das nicht für nötig, auch wenn ich die lenkende Absicht verstehe: das Personal früherer Erzählungen kommt auch in späteren wieder vor. Die Schreibweise ist zumindest in einigen Geschichten knapp, lakonisch, distanziert. Das ist mir durchaus sympathisch. Die Geschichten selbst und ihr Personal interessieren mich allerdings nicht. Es handelt sich überwiegend um Geplauder, dem ein Fokus fehlt. Selbst Stanišićs Spiel mit Erzählstrukturen bleibt fade. In einer auf Helgoland spielenden Geschichte tritt der Erzähler ab und an in den Vordergrund, bietet binnenerzählerische Varianten an, die dann so banal wie ihre Umgebung bleiben. Ich wollte immer schon etwas von diesem Autor lesen und bin jetzt verunsichert: Ist dies ein Nebenwerk oder ist er das?

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    Sasa Stanišić: Möchte die Witwe angesprochen werden, platziert sie auf dem Grab die Gießkanne mit dem Ausguss nach vorne. München: Literaturverlag Luchterhand in der Penguin Random House Verlagsgruppe, 2024.

  • Paranoia (3)

    Adam Curtis, der britische Dokumentarfilmer, hat in seiner über 8 Stunden dauernden Serie Can’t get you out of my head verschiedene Aspekte der Paranoia und von Verschwörungsphantasien aufgegriffen. Er beginnt mit Jim Garrison, dem Staatsanwalt, der das Attentat an John F. Kennedy untersuchte. Er sah hinter der Tat eine Verschwörung, eine art deep state, also ein hinter den offiziellen Institutionen wirkendes zweites, mächtiges System.

    Die Person von Jiang Qing, der letzten Ehefrau Mao Zedongs, beschäftigt Curtis in der Serie immer wieder. Seine These: Mao ließ sie unberaten los, um die Massen im Sinne seiner Linie aufzurühren – aber auch ohne die Chance, die Massen wieder zurückzurufen. Sie geriet nach einem Machtwechsel als Angehörige der Viererbande ins Gefängnis und erhängte sich dort nach zehn Jahren an zusammengeknoteten Socken.

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