Kategorie: Kommentare

  • Kybernetik – Kritik der Kritik

    Vier Rezensionen zu einem Buch über »digitale Regierungskunst«

    Anna-Verena Nosthoff hat eine »Theorie digitaler Regierungskunst« aus einer Kritik der Kybernetik abgeleitet (die auch eine »Kybernetik der Kritik« zu sein beansprucht). Das 671 Seiten starke Buch ist eine in Freiburg bei dem Kultursoziologen Ulrich Bröckling geschriebene Dissertation. Mitgutachter waren der Medientheoretiker und -kritiker Geert Lovink und der Wirtschaftsinformatiker Oliver Müller. Der Hinweis auf die fachliche Diversität der Gutachter enthält schon eine erste Frage: Wo sind die Autorin und ihre Studie selbst fachlich verankert? Das Thema der Gouvernementalität, kombiniert mit der Geschichte der Kybernetik, hat philosophische, medienhistorische, politikwissenschaftliche und etliche andere Aspekte. Ein Durchblättern des 50 Seiten langen Literaturverzeichnisses bestätigt die Diversität der Quellen und unterstützt die Frage nach einem Schwerpunkt.

    Das Buch hatte ich selbst in kleinen Portionen zu lesen begonnen, als ich im Online-Magazin Soziopolis auf vier Rezensionen des Buchs stieß, die alle am selben Tag veröffentlicht worden waren, am 26.03.2026. Diese Rezensionen sind aus unterschiedlichen Perspektiven verfasst und deshalb – und aus einem anderen Grund – sehr aufschlussreich. Ich möchte hier zusammenstellen, was sie an Nosthoffs Buch loben und bemängeln und halte Auskünfte über meine eigene zur Zeit noch unvollständige Lektüreerfahrung erstmal zurück.

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  • Historische Medienparadoxa

    Dirk Rose schreibt eine Mediengeschichte als Geschichte der Medienkritik. Von Platon bis zum Smartphone geht es um die Kritik an einzelnen Medien und ihren Inhalten, die Kritik an Medienentwicklungen bzw. Medienwandelsprozessen und um die Kritik an der Gesellschaft, die sich der jeweiligen Medien bedient.

    Die Umkehrung ist eingeschlossen: die Auswirkungen der Medienkritik auf die kulturelle Meinungsbildung und Geschmacksbildung.

    Rose gibt einen wichtigen Hinweis, der in vielen oberflächlichen Mediengeschichten fehlt: Platons Kritik an der Schrift – genauer: an der Auslagerung von Gedächtnisinhalten in schriftliche Aufzeichnungen (im Dialog Phaidros) – gilt keiner neuen Erfindung, sondern einer schon seit Jahrhunderten etablierten Schriftkultur.

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  • Die Zukunft des Lesens?

    Christoph Engemann beobachtet und beschreibt seit vielen Jahren Besonderheiten der digitalen Medienwelt – spontan erinnere ich mich an Themen wie digitale Identität, die »Verschränkung« von Maschinen und Körpern und das von ihm in die Diskussion über digitale Netzwerke und Plattformen eingebrachte Stichwort »Graphennahme«. Bei letzterem geht es um die Datenstrukturen, die in Netzwerken jeden einzelnen Nutzer und jede einzelne Aktion als dynamische Relation aufzeichnen, um sie für die Plattform-Betreiber, also Graphen»nehmer«, kommerziell und für andere Zwecke nutzbar zu machen. Die ersten Leser aller Schreibakte auf einer Plattform sind die graphengenerierenden Maschinen. Schreibakte sind dabei jedoch nicht nur schriftliche Hervorbringungen von menschlichen Individuen, sondern auch Audio- und Videoströme, die automatisch und hinter dem Rücken der Akteure in Texte übersetzt werden – und manchmal als automatische Transkripte z. B. bei Youtube auch für Nutzer sichtbar werden.

    Das zentrale neue Schlagwort des Buchs ist die »Plattform-Oralität«. Beschrieben wird damit der Übergang vom Schreibzeug (das Dispositiv Schreibmaschine, an dem Nietzsche laborierte und alle anderen Formen aktiver Schriftlichkeit) zum Sprechzeug, also der Präferenz für akustisch-sprachliche Mitteilungen in digitalen Medien, vor allem auf Social-Media-Plattformen. Zweifellos erfasst Christoph Engemann hier den momentanen Stand der Entwicklung sehr nachvollziehbar und weist auch auf deren Dynamik hin, zu der die rasante Entwicklung der KI beigetragen hat und beiträgt.

    Das Buch will ich deshalb vor allem denen als Augenöffner empfehlen, für die »Lesen« im wesentlichen durch Buchlektüre definiert ist und die sich bislang maximal über die Differenz des Lesens von Texten auf Papier und auf Displays Gedanken machen. Ich möchte jedoch hier noch einige Anmerkungen machen. Es geht um Aspekte, deren Berücksichtigung ich erwartet habe, die jedoch im Buch nicht angesprochen werden.

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  • KI stellt Antisemitismus fest

    Jörg Schieb, bekannt durch Bücher wie Windows 98 komplett und Das große Buch zu MS-DOS und langjähriger Mitarbeiter des WDR, ist inzwischen Vorsitzender des Vereins der Freunde des Adolf-Grimme-Preises und bezeichnet sich selbst als »KI-Enthusiast«.

    Ein Anwendungsfall seines Enthusiasmus ist die angeblich »wissenschaftliche Analyse« einiger Videos von Judith Scheytt auf Instagram. Scheytt bekam im Januar 2025 von dem oben erwähnten Verein eine »Besondere Anerkennung« im Rahmen der Vergabe des Donnepp Media Award ausgesprochen. Die nach mehreren Monaten erfolgte Aberkennung dieser Auszeichnung soll nach Druck von Seiten der Kölnischen Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit erfolgt sein. Begründungen lieferte nachträglich die genannte Analyse. Aus ihr scheint hervorzugehen, dass Judith Scheytt eine systematische Verzerrung der israelischen und palästinensischen Positionen vornimmt. Nicht berücksichtigt wird jedoch, dass ihre Äußerungen auf Instagram medienkritische Interventionen sind, keine aktivistischen Stellungnahmen. Eine Kritik an ihren Aussagen müsste also in jedem Fall auch den Betreff dieser Aussagen nennen und mit reflektieren.

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  • Paranoia (4)

    Wie organisiert man als Naturschutz-NGO finanzielle Zuflüsse? 10 Punkte für die richtige Antwort: Moore sind wichtig für die Verteidigungsfähigkeit unseres Landes.

    Moore sind wichtig für Klima und Biodiversität – sind aber auch für Panzer unpassierbar. (Getty Images / Gerrit Fricke)

    Deutschlandfunk Nachrichten https://www.deutschlandfunk.de/forscher-verweisen-auf-moore-als-natuerliche-panzersperre-100.html