Dirk Rose schreibt eine Mediengeschichte als Geschichte der Medienkritik. Von Platon bis zum Smartphone geht es um die Kritik an einzelnen Medien und ihren Inhalten, die Kritik an Medienentwicklungen bzw. Medienwandelsprozessen und um die Kritik an der Gesellschaft, die sich der jeweiligen Medien bedient.
Die Umkehrung ist eingeschlossen: die Auswirkungen der Medienkritik auf die kulturelle Meinungsbildung und Geschmacksbildung.
Rose gibt einen wichtigen Hinweis, der in vielen oberflächlichen Mediengeschichten fehlt: Platons Kritik an der Schrift – genauer: an der Auslagerung von Gedächtnisinhalten in schriftliche Aufzeichnungen (im Dialog Phaidros) – gilt keiner neuen Erfindung, sondern einer schon seit Jahrhunderten etablierten Schriftkultur.
Christoph Engemann beobachtet und beschreibt seit vielen Jahren Besonderheiten der digitalen Medienwelt – spontan erinnere ich mich an Themen wie digitale Identität, die »Verschränkung« von Maschinen und Körpern und das von ihm in die Diskussion über digitale Netzwerke und Plattformen eingebrachte Stichwort »Graphennahme«. Bei letzterem geht es um die Datenstrukturen, die in Netzwerken jeden einzelnen Nutzer und jede einzelne Aktion als dynamische Relation aufzeichnen, um sie für die Plattform-Betreiber, also Graphen»nehmer«, kommerziell und für andere Zwecke nutzbar zu machen. Die ersten Leser aller Schreibakte auf einer Plattform sind die graphengenerierenden Maschinen. Schreibakte sind dabei jedoch nicht nur schriftliche Hervorbringungen von menschlichen Individuen, sondern auch Audio- und Videoströme, die automatisch und hinter dem Rücken der Akteure in Texte übersetzt werden – und manchmal als automatische Transkripte z. B. bei Youtube auch für Nutzer sichtbar werden.
Das zentrale neue Schlagwort des Buchs ist die »Plattform-Oralität«. Beschrieben wird damit der Übergang vom Schreibzeug (das Dispositiv Schreibmaschine, an dem Nietzsche laborierte und alle anderen Formen aktiver Schriftlichkeit) zum Sprechzeug, also der Präferenz für akustisch-sprachliche Mitteilungen in digitalen Medien, vor allem auf Social-Media-Plattformen. Zweifellos erfasst Christoph Engemann hier den momentanen Stand der Entwicklung sehr nachvollziehbar und weist auch auf deren Dynamik hin, zu der die rasante Entwicklung der KI beigetragen hat und beiträgt.
Das Buch will ich deshalb vor allem denen als Augenöffner empfehlen, für die »Lesen« im wesentlichen durch Buchlektüre definiert ist und die sich bislang maximal über die Differenz des Lesens von Texten auf Papier und auf Displays Gedanken machen. Ich möchte jedoch hier noch einige Anmerkungen machen. Es geht um Aspekte, deren Berücksichtigung ich erwartet habe, die jedoch im Buch nicht angesprochen werden.
Jörg Schieb, bekannt durch Bücher wie Windows 98 komplett und Das große Buch zu MS-DOS und langjähriger Mitarbeiter des WDR, ist inzwischen Vorsitzender des Vereins der Freunde des Adolf-Grimme-Preises und bezeichnet sich selbst als »KI-Enthusiast«.
Ein Anwendungsfall seines Enthusiasmus ist die angeblich »wissenschaftliche Analyse« einiger Videos von Judith Scheytt auf Instagram. Scheytt bekam im Januar 2025 von dem oben erwähnten Verein eine »Besondere Anerkennung« im Rahmen der Vergabe des Donnepp Media Award ausgesprochen. Die nach mehreren Monaten erfolgte Aberkennung dieser Auszeichnung soll nach Druck von Seiten der Kölnischen Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit erfolgt sein. Begründungen lieferte nachträglich die genannte Analyse. Aus ihr scheint hervorzugehen, dass Judith Scheytt eine systematische Verzerrung der israelischen und palästinensischen Positionen vornimmt. Nicht berücksichtigt wird jedoch, dass ihre Äußerungen auf Instagram medienkritische Interventionen sind, keine aktivistischen Stellungnahmen. Eine Kritik an ihren Aussagen müsste also in jedem Fall auch den Betreff dieser Aussagen nennen und mit reflektieren.
Adam Curtis, der britische Dokumentarfilmer, hat in seiner über 8 Stunden dauernden Serie Can’t get you out of my head verschiedene Aspekte der Paranoia und von Verschwörungsphantasien aufgegriffen. Er beginnt mit Jim Garrison, dem Staatsanwalt, der das Attentat an John F. Kennedy untersuchte. Er sah hinter der Tat eine Verschwörung, eine art deep state, also ein hinter den offiziellen Institutionen wirkendes zweites, mächtiges System.
Die Person von Jiang Qing, der letzten Ehefrau Mao Zedongs, beschäftigt Curtis in der Serie immer wieder. Seine These: Mao ließ sie unberaten los, um die Massen im Sinne seiner Linie aufzurühren – aber auch ohne die Chance, die Massen wieder zurückzurufen. Sie geriet nach einem Machtwechsel als Angehörige der Viererbande ins Gefängnis und erhängte sich dort nach zehn Jahren an zusammengeknoteten Socken.
Seit einigen Monaten lese ich zum »Herunterkommen« neben der eigenen Arbeit (eher: vor und nach) ein Buch nach dem anderen, das thematisch nichts mit meinem Thema, die Family Affairs der Booles, Taylors und Hintons, zu tun hat. In dieser kleinen Serie blicke ich auf einen Teil dieser Lektüre zurück.
Eine Deutsch-Palästinenserin mit Wurzeln in Israel und somit auch mit israelischem und deutschem Pass beschreibt einen Arbeitsaufenthalt im Westjordanland – mit Ausflügen nach Jerusalem und zu ihren israelischen Verwandten. Äußerst eindrucksvoll, wie sie in etlichen Episoden das brutale Vorgehen der Besatzungsmacht und der Siedler im Westjordanland beschreibt. Das Sicherheitsgefühl vieler Israelis beruht auf der möglichst vollständigen Unterdrückung der Palästinenser – das ist der Tenor ihres Textes.
Alena Jabarine: Der letzte Himmel. Berlin: Ullstein, 2025.