
Adam Curtis, der britische Dokumentarfilmer, hat in seiner über 8 Stunden dauernden Serie Can’t get you out of my head verschiedene Aspekte der Paranoia und von Verschwörungsphantasien aufgegriffen. Er beginnt mit Jim Garrison, dem Staatsanwalt, der das Attentat an John F. Kennedy untersuchte. Er sah hinter der Tat eine Verschwörung, eine art deep state, also ein hinter den offiziellen Institutionen wirkendes zweites, mächtiges System.
Die Person von Jiang Qing, der letzten Ehefrau Mao Zedongs, beschäftigt Curtis in der Serie immer wieder. Seine These: Mao ließ sie unberaten los, um die Massen im Sinne seiner Linie aufzurühren – aber auch ohne die Chance, die Massen wieder zurückzurufen. Sie geriet nach einem Machtwechsel als Angehörige der Viererbande ins Gefängnis und erhängte sich dort nach zehn Jahren an zusammengeknoteten Socken.
Auch Horst Herold, der BKA-Chef zur Zeit der RAF und Erfinder der Rasterfahndung war, in der auch schon Verhaltens- und Bewegungsmuster eine Rolle spielten wie bei heutigen digitalen Überwachungssystemen, hat einen Platz in der Doku.
Gillo Pontecorvos Film *Schlacht um Algier *(1966) thematisiert Spionage und Gegenspionage, die den algerischen Befreiungskrieg gegen Frankreich 1954–1962 begleiteten. Viele Aktionen wurden durch agents provocateurs angefacht. Die Polizei, die amerikanische CIA, viele spielten mit. Die Folge dieser Aktionen war wachsende Paranoia.
Kein Wunder, dass auch gezielt falsche Verschwörungstheorien verbreitet wurden, um Unruhe und Verunsicherung zu stiften.
Heute schon fast vergessen: Konflikt zwischen Jane Fonda (gegen den US-Krieg in Vietnam) und Joan Baez (für Rettungsaktionen, die antikommunistische Flüchtlinge aus dem Land schaffen.
Das sogenannte Massaker am Tienanmen-Platz (das gar nicht auf dem Platz stattfand, sondern einige Straßenzüge weiter an bestimmten Kreuzungen) sei das Ergebnis einer Verschwörung des Westens, die bis ins 19. Jahrhundert zurückreicht (Opiumkrieg), sagen einige Chinesen. 1870 wurde in Großbritannien eine Gesellschaft gegen den Opiumhandel gegründet (an dem ansonsten Briten gewinnbringend beteiligt waren). Gleichzeitig wurde die Angst vor der »Gelben Gefahr« geschürt, in diesem Fall waren Chinesen in England gemeint, denen Untergrundtätigkeiten unterstellt wurden.
In den USA verschärfte sich nach dem Ersten Weltkrieg ein regelrechter Rassenkrieg, bei dem 1921 in Tulsa sogar die Luftwaffe eingesetzt wurde. Eine Partei wurde durch den Ku-Klux-Klan repräsentiert, der 1925 etwa fünf Millionen Mitglieder hatte. Für die Klan-typische Verkleidung ist übrigens der Regisseur David Wark Griffith, der in seinem legendären Film The Birth of a Nation (The Clansman) 1915 ähnlich maskierte Gestalten auftreten ließ.
Weitere Brandherde für Verschwörungsmythen und Paranoia, die Curtis vorführt, sind:
- Irak. Gertrude Bell unterstützte das »aerial policing« der britischen Luftwaffe in den 1920ern. Siehe auch hier.
- Dem Pharmahersteller Sackler wird Massenbeeinflussung durch seine Produkte Valium und Oxicontin unterstellt.
- USA, vor allem CIA, stürzen den Präsidenten Lumumba und setzen den dann 30 Jahre regierenden Mobutu ein.
- Irak. US-gelenkter Putsch 1963.
- Der Vertrag zur Rückgabe Hongkongs an China sah vor, dass Hongkong »demokratisch« bleiben sollte. Dabei herrschte dort ein rassistisches, autoritäres, britisch gelengtes Regime.
- Irak-Kriege der USA 1990, 2003 zeigten vor allem, dass die USA wie die Briten 80 Jahre zuvor die komplexe Gesellschaft, mit der sie konfrontiert waren, nicht verstanden hatten.
- usw.
Es lohnt sich, dem Material von Curtis acht Stunden Aufmerksamkeit zu widmen.
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Adam Curtis. Die Serie auf Youtube