Kategorie: Kommentare

  • Gestern starb Wolfgang Hagen

    Festschrift zum 70. Geburtstag von Wolfgang Hagen 2020

    Alphabet für Wolfgang Hagen

    Apple. Das Apple-Universum ist Freunden und Schülern von Friedrich Kittler und auch Anhängern „freier“ Software meist suspekt, obwohl viele von ihnen es als akademischen Quasi-Standard akzeptieren. Die mangelnde Offenheit von Hard- und Software und die Unterwerfung aller Kundenwünsche unter ein weltumspannendes Marketingdiktat genügten lange als Argumente – auch gegen die Faszination an gelegentlichen Innovationen und vor allem am Produktdesign. WH adaptierte Mac und iPhone für sich erst spät – und dann auch, um deren Benutzeroberflächen auf ihre synästhetischen Eigenschaften hin zu untersuchen. Ein wenig mag mitgeholfen haben, dass er mit der Apple Watch seinen aktuellen Herzschlag an die meist ferne Gefährtin übermitteln kann.

    Bach. In WHs Schriften ist nichts über über Johann Sebastian Bach zu finden. Das ist verwunderlich, denn er spielte über Jahre auf Tasteninstrumenten kaum ein Stück anderer Komponisten. Es kann vermutet werden, dass Bachs Musik einen Ordnungsüberschuss erzeugt, der beim Arrangement komplexer beruflicher und privater Verhältnisse nützlich ist.

    Cage. „Continuity today, when it is necessary, is a demonstration of disinterestedness“. Zumindest dieser Devise von John Cage aus der Lecture on Nothing folgte WH. Dass er sich bei der Wahl seiner Themen so vom Zufall leiten ließ wie Cage, der aus den Fliegenschissen auf einem Notenblatt ein Musikstück machte, wird er selbst bestreiten.

    Dr. Nox. (Vorname nicht überliefert). Bremer Musikologe und Pharmazeut. Er spielte schwarze Musik und User Generated Content. Für eine spätabendliche Community war er die Stimme eines akustischen „Survival Research Lab“. Nahm sie mit auf eine „Eroberungsfahrt, die das aufdecken will, was sie als Ereignis mit sich bringt.“ (—> Leo G. Wahnfangg).

    Euroscript. «MZ10,hans»«MZ20,otto»«MA10,«ET10»+«ET20»» Der Inhalt des Textbausteins 20 wird dem Inhalt des Textbaustein 10 angefügt. Die Variable 10 hat jetzt den Wert „hansotto“.

    Aus den teilweise undokumentierten Makrofunktionen, genannt „Anwenderprogrammierung“, des DOS-Textprogramms Euroscript entstand die erste Version des Musikauswahlprogramms der Radiowelle Bremen Vier. Es war die umständlichste und unzuverlässigste Option zur Bewältigung der vorgesehenen Aufgaben. Aber sie funktionierte eine Weile – und der hypnotische Sog des Programmierens setzte ein.

    Feynman. Keiner der beim Abfall von den Geisteswissenschaften wirkenden großen Idole – Freud, Lacan, Foucault, Heidegger, Husserl, Turing, Shannon, von Neumann, Wiener (wer fehlt? Kerninghan? Innis?) – scheint eine so kontinuierliche und nachhaltige Resonanz in den Arbeiten WHs zu finden wie Richard Feynman. Zumindest sind es die grundlegenden Themen der modernen Physik, die Feynman in den 1960er Jahren abgehandelt hat, die immer wieder, auch an unerwartbaren Stellen, von WH aufgerufen werden. Sei es ein Vortrag zur Buchgeschichte oder einer über Smartphone-Photographie – ohne einen Hinweis auf die Quantentheorie (oder ihre Unvereinbarkeit mit der Relativitätstheorie) werden die Zuhörer nicht in die Freizeit entlassen.

    Geschichte der Rundfunkwissenschaft. Sie beginnt in Deutschland zumindest unter dieser Bezeichnung mit Friedrich-Karl Roedemeyer und einem Institut in Freiburg 1939. Roedemeyer griff 1930 als Frankfurter Lektor für Vortragskunst Nietzsches Klage darüber auf, dass es in Deutschland an einem „natürlichen Boden“ für die mündliche Rede und ihre Ausbildung fehle und beklagte den Mangel an „absichtsloser Natürlichkeit“ der deutschen Radiostimmen. Seine spätere Rundfunkwissenschaft basierte ganz auf dem Erlebnis des Radiohörens. Nach WH gründet diese Freiburger Medienwissenschaft in den techno-okkulten Tendenzen, die seit Madame Blavatsky die Entwicklung der technischen Medien in Europa begleiteten und auch 1945 nicht abrupt endeten. Für die nationalsozialistischen Rundfunkwissenschaftler gipfelte die Performance des Mediums in der Formung der Volksgemeinschaft durch die Stimme des Führers. Diese Huldigung starker Medieneffekte, für die es keinen empirischen Beleg gibt, kehrte sich um in Furcht vor der Verführungskraft von Medien, von der verfassungsrichterlich imaginierten „Suggestivkraft“ des Fernsehens bis zur „Verstörung durch Vernetzung“ des Medienfeuilletonisten Pörksen. Allerdings setzte sich WH durchaus praktisch mit dem von Roedemeyer adressierten Circulus von schlechtem Sprechen und schlechtem Hören auseinander und schickte Radioanfänger mit ihren kleinen Manuskripten für Stunden zu einem erfahrenen Tonmeister ins Aufnahmestudio, um das Geschreibe sprechen und abhören zu lernen. —> Spiritismus

    Helvetica. „When using Helvetica you’re never wrong, but also never right.“ Eine subliminale Spätwirkung der Mitarbeit im —> Merve Verlag ist die lebenslange Präferenz WHs für die engzeilig gesetzte Helvetica. Sie prägt auch den Satz und die schlechte Lesbarkeit der meisten Merve-Verlagsprodukte. In den Jahren der Gefangenschaft im walled garden Redmonds meinte WH bei der zumindest auf Papier durch und durch lesefeindlichen Arial Zuflucht nehmen zu müssen, die bislang am sinnvollsten zur Beschriftung von Inflationsgeld (in Zimbabwe) eingesetzt wurde. Sollte er sich gefragt haben, warum seinen Manuskripten seit 2013 mit graduell größerer Aufmerksamkeit und Sympathie begegnet wird, bietet sich die Abkehr von der Arial als Antwort an. Immerhin, es war nicht die Schriftart des Kinderschänders Eric Gill.

    Impuls Verlag. Bremer Verlagsinstitut, dem Wunsch eher verbunden als der Ökonomie, und dabei so dionysisch ausgerichtet, dass die Großbuchstaben seiner Publikationen meist einen Punkt über der Grundlinie schwebten. —> Römer —> Jimmy

    Jimmy. Resident DJ im —> Römer —> Vier —> Impuls Verlag.

    Kleve. Niederrheinische Kleinstadt, an deren Gymnasium 1966 bis 1968 keine Schülerrevolten stattfanden, sondern Kammermusik betrieben wurde, mit WH an der zweiten(!) Geige(!). „Die Mysterien beginnen am Hauptbahnhof“ – diesen Satz kann der Klever Spiritist Josef Beuys nicht auf seine Heimatstadt gemünzt haben, denn sie hat keinen Hauptbahnhof. Bis in die 1970er Jahre hinein war Kleve bekannt für die Schuhfabrikation in vielen kleinen Fabriken und Manufakturen. Als WH ein Kind war, trugen Gleichaltrige in ganz West-Deutschland Elefantenschuhe aus Kleve. Zu seinem mütterlichen Erbe gehörte die Schuhfabrik Bernhard Rave/Wilhelm Rogmann. Mit dem demographischen Wandel („Pillenknick“) war dann die Ära der „Kleefer Schüsterkes“ zuende.

    Lamprecht. Helmut Lamprecht war einer der einflussreichen Intellektuellen, die in den Kulturprogrammen des westdeutschen Radios wirkten, ein Brückenkopf der Kritischen Theorie im universitätslosen Bremen vor 1970. Für WH war er ein Gesprächspartner und in Radiodingen Mentor und Ermöglicher.

    Merve Verlag. WH arbeitete in der Sponti-Phase des Verlages mit, als er noch A5-Heftchen mit dem Serientitel „Internationale Marxistische Diskussion“ und gelegentlich großformatige Sonderpublikationen verbreitete. Zu diesen gehörte das 1982 erschienene sogenannte Bangkok-Projekt mit dem Titel „Über das Nomadische“ (IMD 106). Darin findet sich der Beitrag von —> Leo G. Wahnfangg: Wie Nomaden reisen. „Weiter treibt, rennt und rast, wen kein Staat bindet.“ —> Helvetica

    Nim. Die Macht der Algorithmen ließ WH bereits in der zweiten Hälfte der 1980er Jahre abendliche Besucher spüren, indem er ihnen die Daumenschrauben des Minimax-Algorithmus ansetzte – in Gestalt einer mit —> Turbo-Pascal nachprogrammierten Version von Nim. Zur Entlastung der Besucher, die sich mehrfach übertölpeln lassen mussten, wurden spieltheoretische Lesefrüchte – von Neumann und Morgenstern –, sowie süße Backwaren und Beck’s Biere verabreicht.

    Ontologie. Die meistgebrauchte Vorhaltung WHs gegen metaphysische Positionen in Philosophie und Medientheorie. Whitehead, Stengers, Prigogine, Deleuze, Latour, Haraway und auch die Vertreter einer technologischen Wesensschau, einschließlich neuerer praxeologischer Obskuranten aus der Siegener Medienwissenschaft, werden unnachsichtig als Ontologen vorgeführt. Gerade weil die moderne Physik neben dem ontologischen Status der Natur auch das von ihr bis vor 100 Jahren beanspruchte „Rationalitätskontinuum“ aufgegeben hat, muss die Rationalität von punktuellen Analysen und Interventionen immer wieder erstritten werden. Der von WH in diesem Zusammenhang gern verwendete editionsphilologische Begriff der Konjektur legt allerdings nahe, dass in ihm noch ein Rest von Sehnsucht danach existiert, der Urtext könne erschlossen werden.

    Pauli. Dass der Pauli-Effekt und das Pauli-Prinzip gleichermaßen auf Wolfgang Pauli, den mit einem Nobelpreis ausgezeichneten Quantentheoretiker zurückgehen, ist eine schöne Bestätigung der These WHs über die spiritistische Fundierung der modernen Physik. —> Spiritismus —> Quantenmechanik

    Quantenmechanik. WH wird nicht müde, darauf hinzuweisen, dass seit 1947/48, als Shockley den Transistor entwickelte, die industrielle Anwendung der Quantenmechanik die Welt beherrscht. Shockleys Werk „Electrons and holes in semiconductors, with applications to transistor electronics“ und natürlich auch Feynmans Ausführungen über freie Löcher, die sich in Kristallen bewegen, inspirierten ihn zum Plan eines Buchs „Das Loch“, das er seinen Lesern allerdings seit einigen Jahren schuldig bleibt.

    Römer. Eine Schnittstelle von libidinöser und diskursiver Formation (Lyotard) auf Bremer Territorium. In WHs Biographie ein entspanntes Experimentierfeld zwischen SFBeat und —> Vier. Die Destruktivkraft eines geräuschempfindlichen marxistischen Kulturwissenschaftlers hätte 1982 fast die Umwandlung des Etablissements in eine muslimische Gebetsstätte bewirkt. Einige Jahre nach der erfolgreichen Abwehr dieser Attacke verlor der Ort seinen Zauber, Libido und Diskurs verflüchtigten sich, und man wünschte sich, sie hätte Erfolg gehabt.

    Spiritismus. Eine frühe Entdeckung WHs, in der er möglicherweise eine der vielen Nebenbemerkungen Friedrich Kittlers aufnahm, ist die spiritistische Fundierung der Wissenschaften und Künste in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Die Gedankenübertragung, die Freud mit seiner Tochter und seinem Freund Ferenczi zu erwecken versuchten, geisterte noch in technischen Artikeln des Radiopioniers Manfred von Ardenne 1928 herum. Spiritistisch – darauf weist WH in einem heiteren wissenschaftshistorischen Beitrag hin – mutet auch das aktuell umlaufende „anthropische Prinzip“ in der Physik an, das in manchen Varianten mit einer „Noosphäre“ kombiniert wird, einer auf den gesamten Kosmos ausgeweiteten Wikipedia.

    Turbo-Pascal. Die schönste Programmiersprache der Welt. WH bemerkte aber, dass das Diktum des Urhebers dieser Sprache, Niklaus Wirth, „that software is getting slower more rapidly than hardware becomes faster“ vor allem auch auf Anwendungen mit Pascal zutraf. Die C-Sprachen erwiesen sich als effizienter.

    Universität. Es ist eine lange Eroberungsfahrt. Der Abfall von den Geisteswissenschaften wurde in einem Medium ohne schriftliche Überlieferung, im Tonstudio und am Turbo-Pascal-Editor bereits vollzogen, während andere von Politiken des Subjekts gegenüber den Materialien schwärmten, ohne auch nur eine ungefähre Vorstellung von deren Materialität zu haben. WHs never ending tour ist mit einem institutionell verankerten Lehrstuhl nicht vereinbar, sie findet auf einem mobilen Multifunktionssitz statt.

    Vier. „Ich sag Bremen – du sagst Vier.“ Die erste junge Welle im öffentlich-rechtlichen Hörfunk war eine Reaktion auf die Einführung des „dualen Systems“ und mit einer Kette von Pioniertaten verbunden: Selbstfahrerstudio, Computereinsatz für die Musikauswahl, Live-Chat im Internet. Innovatoren haben es immer schwer, Freunde in den eigenen Reihen zu finden. Eine Moderatorin blickt auf die Gründungsphase zurück: „Unvergesslich die Konferenzen, in der Anfangszeit Plenum genannt. Alle mussten kommen. Dann hat der Chef eine neue Programmveränderung vorgeschlagen und sie zur Diskussion gestellt. Zwei Stunden lang sind wir gemeinsam dagegen Sturm gelaufen, mit leidenschaftlich vorgetragenen Argumenten. Danach hat der Chef beschlossen, dass sein Vorschlag ab sofort gilt und umgesetzt wird. Und damit war die Konferenz beendet.“

    Wahnfangg, Leo G. Niederrheinischer Organist und Zoroastrier. Sein Hauptwerk Wie Nomaden reisen erlebte 1983 und 2001 durch Gottfried von Einem gleich zweimal eine akustisch-szenische Bearbeitung und Aufführung. Als Spätwirkung des Werks kann die zunehmende Verbreitung des mobilen Un/behaustseins im akademischen Lüneburg gelten. Sein Lebensmotto: „Die wirklichen Reisen sind solche ohne Ziel“.

    Xanten. Von —> Kleve 29 Kilometer entfernt, auch schon zur Zeit des Drachentöters Siegfried, dessen Geburtsort Xanten war. Walter Seitter lässt es in seinen bei —> Merve erschienenen Vorlesungen über die politische Geographie der Nibelungen auch als möglichen Geburtsort Hagens (von Tronje) gelten. An Kleve reichten seine assoziativen Gedankenspiele 1986 nicht heran.

    Zeitunglesen. … des Morgens früh. Hegels „realistischer Morgensegen“ brachte WH und den Autor dieses Alphabets zusammen.


    Aus der Festschrift zu Wolfgang Hagens 70. Geburtstag: Klaut, Manuela; Pias, Claus; Schnödl, Gottfried (Hg.): Stimmen hören. Berlin: ciconia ciconia, 2020, S. 317–323

  • Schon wieder Derridada

    In einem Bühnendialog im Hygienemuseum Dresden sprachen der Kulturhistoriker Philipp Felsch (HU Berlin) und der Kulturwissenschaftler Andreas Bernard (Leuphana Lüneburg) im September 2021 über Foucault.

    Natürlich wurde viel über ›Macht‹ geredet, wobei sich Bernard einigermaßen an die Begriffsverwendung bei Foucault herantastete. Beim allfälligen Vergleich der Machtkonzepte von Marx und Foucault war allerdings wenig Verständnis zu spüren. Die 1969 und 1972 geborenen Akteure haben keine extensive Marxkenntnis, wurden dafür akademisch in den 1990er Jahren sozialisiert, in denen Foucaults (oder irgendein anderer) ›Diskurs‹ in hoher Blüte stand.

    Die Veranstaltung stand unter der Prämisse, dass Foucaults Theorie im Gegensatz zu anderen französischen Poststrukturalisten (Derrida, Lacan, Baudrillard) auch heute immer noch überzeugend sei. Die Feststellung ist etwas verwunderlich, da auf dem Feld der akademischen Moden doch seit langem ein Übergang von Analysen der Gesellschaftsstrukturen, zu denen seine Diskurstheorie immerhin noch beigetragen hatte, zu Subjekttheorien wie der von Deleuze zu beobachten ist. Deleuze wird höchstens vorgeworfen, dass sein molekulares und nomadisches Subjekt zu ›weiß‹ ist und sich nicht kritisch mit seiner kolonialen Vergangenheit auseinandersetzt. Aber über die momentan laufenden Debatten über Identitäten aller Art wurde in Dresden nicht viel gesprochen.

    Dafür fand dann ein Abwatschen von Derrida – »poetische Spielereien, die die Theorie verzieren« – und von Baudrillard – »so fremd wie ein Barocklyriker irgendwie« – durch Bernard statt. Felsch, der sonst zumindest immer für einen bildungsbürgerlichen Kalauer gut ist (einen alpinistischen Essay betitelte er in Anlehnung an Friedrich Kittler ›Aufsteigesysteme 1800–1900‹), pflichtete ihm ohne weiteres bei. Zumindest die direkte Auseinandersetzung von Baudrillard mit Foucault – ›Oublier Foucault‹ 1977 – oder die medientheoretisch immer noch äußerst beeindruckenden Schriften Derridas über das Archiv – hätten auf dieser Veranstaltung eine seriöse Behandlung verdient.

    Die kundigste Person des Dresdner Abends war die Moderatorin (deren Namen ich nicht gefunden habe).

  • Aus dem Geistesleben der Thiere


    Ludwig Büchner: Aus dem Geistesleben der Thiere – oder Staaten und Thaten der Kleinen. Berlin: A. Hofmann & Comp., 1876, S. 208

  • Selbstentmachtung der Rundfunkaufsicht

    Die Gremienvorsitzendenkonferenz der ARD, in der die Vorsitzenden der Rundfunkräte zusammenkommen, hat eine Erklärung zum Entwurf des Medienstaatsvertrags abgegeben, die ein erstaunliches Bild der selbstgewollten Unterwürfigkeit abgibt. Die Rundfunkräte wollen nicht – wie es der Entwurf vorsieht – die Definition von Qualitätsanforderungen selbst übernehmen, sondern ziehen eine »kooperative Aufsicht« vor, bei der die Unternehmensleitungen die Qualitätsanforderungen für ihre Arbeitsweise und Produkte selbst formulieren, wie bisher.

    Hier zu lesen, S. 2:

    https://www.daserste.de/ard/die-ard/GvK-Stellungnahme-im-Konsultationsverfahren-zum-MAeStV-E-100.pdf

    Abgesehen davon, dass die Aufsicht nicht nur die Inhalte, sondern auch ihr Zustandekommen, also z. B. die redaktionellen Organisationsformen und Strukturen der Anstalt generell betreffen muss, ist diese Selbstentmächtigung das genaue Gegenteil dessen, was Beitragszahler von den Rundfunkräten erwarten können.

    Die Begründung, wenn die Gremien die Qualitätsanforderungen von Produktionen, die sie nachher dann auch wieder zu prüfen hätten, selbst in der Hand hätten, sei das eine ex-ante-Kontrolle, die dem Rundfunkrecht bislang fremd ist, verzerrt die Verhältnisse eindeutig. Vermutlich soll hier sogar mit der Vorstellung von Vorzensur gespielt werden – die den Gremien selbstverständlich nicht zusteht. Es geht aber gar nicht um die Einflussnahme auf das Programm, sondern auf die Bedingungen, unter denen es produziert wird und die Standards, die dabei einzuhalten sind. Die Rundfunkräte sollen – so sieht es die vielfach höchstrichterlich bestätigte Rundfunkverfassung vor – die Erfüllung des Gemeinwohlauftrags und somit auch die Rechtfertigung des Rundfunkbeitrags sichern. Nirgends stand bisher geschrieben, dass das im Rahmen einer passiven und maximal wohlwollend-kritischen Hinnahme jeglicher Vorgaben der Unternehmensleitungen zu geschehen hätte. Es geht schlicht um die Formulierung klarer und vor allem auch prüfbarer Benchmarks für die Tätigkeit von gemeinschaftsfinanzierten Unternehmen und damit auch um die Ermöglichung einer breiten Debatte über deren Leistungen.

    Was für ein unsäglicher und devoter Begriff: »kooperative Aufsicht«. Es ist ein wenig so, als würden Parlamente freiwillig ihre gesetzgeberische Funktion aufgeben und eine Regelung vorschlagen, bei der sie nur noch bereits erfolgte Verordnungen der Regierungen nachträglich wohlwollend abnicken. Kennen wir irgendwoher.