Kategorie: Rezensionen

  • Weggelesen (7)

    Volker Reinhardt: Der nach den Sternen griff

    Giordano Bruno ist eine höchst aktuelle Figur. Seine letzten acht Lebensjahre – von nur 52 – verbrachte er in Gefängnissen der katholischen Inquisition in Venedig und Rom. Am 17. Februar 1600 wurde er als Ketzer verbrannt. Er war einer der besten Kenner der antiken Philosophen und der christlichen theologischen Tradition. Auf seinen Reisen, die im Prinzip alle Fluchten waren, kam er von Nola bzw. Neapel über Rom und Venedig, Genf, Toulouse, Paris, London, Oxford, Marburg, Wittenberg, Prag, Helmstedt und einige andere Orte zurück nach Venedig. Den christlichen Glauben hatte er längst verloren, und überall wurde er deshalb ausgegrenzt und bedroht. Dennoch verstand er es immer wieder, Mäzene zu finden, die ihm sein Leben und die Publikation seiner Bücher finanzierten. In diesen ging es um die Bestätigung und Erweiterung des kopernikanischen Weltbildes, um Grundfragen der Naturerkenntnis, um die Gedächtniskunst und andere grundlegende Probleme, deren Bearbeitung unter dem dogmatischen Druck der christlichen Theologie seit der Spätantike unterbrochen war.

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  • Weggelesen (6)

    Jan Kjaerstad: Rand

    Das Buch besitze ich seit 1994, und ich habe schon drei- oder viermal versucht, es zu lesen. Nach ein paar Jahren ist vergessen, warum ich es nicht weiterlesen wollte, und ein neuer Versuch wird gestartet. Diesmal war es anders. Erst konnte ich mich an gar nichts mehr erinnern, weder an den Osloer Ich-Erzähler noch an die anderen Personen, dann fiel mir plötzlich der Plot wieder ein, so nach 60, 70 Seiten. Da war das Buch dann für mich erledigt.

    Ein Mann, der ein ödes Leben als Programmierer führt, bringt Männer um, die interessantere Geschichten zu bieten haben als er. Die Morde geschehen in der gleichen Belanglosigkeit wie alles andere in seinem Alltag, einschließlich der sexuellen Beziehung zu seiner Freundin Ingeborg. Als sich die Morde häufen, die ohne jede Emotion begangen werden, bittet die Polizei den Protagonisten aufgrund seiner Fachkompetenz – strukturiertes Denken, Auswertung von Daten, Herstellung von Verknüpfungen – um Mithilfe. Na gut, nette Idee.

    Das Buch endet so belanglos wie es angefangen hat. Ich habe es ab Seite 70 nur in großen Sprüngen gelesen und fand es mehr und mehr uninteressant. Weiß nicht, warum Kjaerstad oft gelobt wurde. Hoffentlich wegen anderer Bücher.


    Jan Kjaerstad: Rand. Roman. Frankfurt am Main: Eichborn (Die Andere Bibliothek), 1994.

  • Weggelesen (5)

    Normen Gangnus: »… mit zerrissenem Schlaf im Gesicht«

    Die Konstruktion dieses Buchs basiert auf einem großen Irrtum. Der Autor nimmt offenbar an, es könnte für Leser interessant sein, ihnen auf dem Umweg über eine pseudo-dokumentarische Fiktion das Leben in Deutschland in den Jahren 1943 bis 1945 nahezubringen. Der erfundene Verwalter der Göringschen Raubkunstsammlung, viele Briefe und noch viel mehr Fußnoten (1229 auf 792 Seiten) mit ausschweifenden Pseudo-Belegen und pseudo-biographischen Anmerkungen – das habe ich nur hundert Seiten lang ausgehalten. Ich glaube gern, dass der Verfasser viel Spaß an seiner Arbeit hatte, aber er hat sich nicht in seine potentiellen Leser versetzt, die mit der doppelten Belanglosigkeit seines Textes zurechtkommen müssen. Das Ausmalen einer historischen Situation durch unendliche fiktive Alltagsdetails bringt eben nicht die Geschichte »zur Geltung«, wie der Klappentext verspricht, sondern lässt die Sehnsucht nach echten Tagebüchern und echten Erlebnisberichten wachsen – von denen es ja erfreulicherweise eine Menge gibt.


    Normen Gangnus: »… mit zerrissenem Schlaf im Gesicht«. Die Aufzeichnungen und Briefe des Arved von Sternheim. Band 2. Die Jahre 1943–1945. Berlin: Matthes & Seitz Berlin, 2025.

  • Weggelesen (3)

    Christina von Braun & Tilo Held: Kampf ums Unbewusste

    Von den 730 Seiten hat Christina von Braun 498 geschrieben, ihr Mann Tilo Held 137, und 93 Seiten sind Anmerkungen und Register.
    Die ersten 200 Seiten sind sehr erhellend. In ihnen wird beschrieben, wie in der Geistesgeschichte des 19. und 20. Jahrhunderts das Unbewusste an die Stelle Gottes rückte – und welche Ausgestaltungen das Unbewusste vor Freud und dann durch ihn und seine Zeitgenossen erlebte. Sie erfindet ein Gegensatzpaar – Glauben vs. Vertrauen –, deren Elemente sie wahlweise verschiedenen theoretischen Ausformungen zuordnet. Das funktioniert weitgehend gut mit dem Glauben, aber nach meinem Eindruck oft gar nicht gut mit dem Vertrauen.

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  • Weggelesen (1)

    Maryam Aras: Dinosaurierkind

    Zwei Generationen iranischer Emigranten, die Tochter entdeckt ihren Vater in einem Film über die Proteste gegen den Schah-Besuch 1967. Der Vater lebt seit 1964 in Deutschland, er war ein Anhänger des Ministerpräsidenten Mossadegh, der 1953 aus dem Amt geputscht wurde. Vom britischen und amerikanischen Geheimdienst organisiert, brachte das iranische Militär den Schah an die Macht. Die Folge war die komplette quotenmäßige Kontrolle der iranischen Ölförderung durch amerikanische und europäische Konzerne. Mit ständigen Zeitsprüngen erzählt die Autorin das Leben ihres Vaters in Tehran und in Köln, über den langen Web seiner Einbürgerung und sein Studium in Deutschland – immer wieder gemischt mit Szenen aus dem Iran selbst, die Situation nach der islamischen Revolution der Ajatollahs 1979 und die Opposition auch gegen dieses neue Regime. Verwoben mit all diesen Geschichten und Berichten ist die eigene Biographie der 1982 in Deutschland geborenen Autorin, ihre Suche nach ihren familiären und kulturellen Wurzeln. Der Vater bringt an vielen Stellen des Buchs (eingerückt, kursiv) Anmerkungen und Korrekturen ein. Eine gelungene Montage, auch sehr informativ, und dem Vater, einem der »Dinosaurier« der ersten Generation der Iran-Emigration, kommt man beim Lesen sehr nahe.


    Maryam Aras: Dinosaurierkind. Berlin: Claassen, 2025.