Aktuelle Vergeblichkeitsforschung

  • Weggelesen (9)

    Oren Kessler: Palästina 1936

    Ein »großer Aufstand«, wie der Untertitel es andeutet, war es gar nicht. In Palästina gab es von 1936 bis 1938 eine Serie brutaler Gewalttaten, an deren Beginn der Autor Übergriffe arabischer Täter auf jüdische Bewohner in Jaffa und anderen Orten stellt. Auch die britische Besatzungsmacht, die den massiven Zuzug jüdischer Immigranten schützte, wurde punktuell attackiert. Es gelingt Kessler jedoch nicht, einen Aufstand von Palästinensern zu zeichnen, auch wenn er es vielleicht beabsichtigt hat. Das Buch besteht aus hunderten größtenteils unverbundener und folgenloser Kurzberichte über einzelne terroristische Akte beider Seiten, Kurzbiographien einzelner handelnder Personen (Palästinenser, Juden bzw. Zionisten, Engländer), alles in wechselnder Detailtiefe. Es scheint, als hätte Kessler alles, was in Dokumenten zu finden war, einfach ins Buch gekippt.

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  • Weggelesen (8)

    Das blinde Licht

    Das Buch des in Chile lebenden Autors wird im Klappentext als Roman bezeichnet, aber es ist keiner. Es sind vier unabhängige biographische Essays mit teilweise fiktionalen Ausschmückungen.

    Das erste, Preußischblau, handelt von Drogen. Den Amphetaminen, mit denen Soldaten den Zweiten Weltkrieg durchstanden – Pervitin wurde in großen Mengen konsumiert, wie der Briefwechsel des Soldaten Heinrich Böll belegt.
    Dem Zyankali, mit dem hunderte Nazitäter ihr eigenes Ableben besorgten. Von Zyankali schwenkt Labatut auf das Cyanid, das in Zyklon A und B enthalten ist, und auch im Preußischblau, das Anfang des 19. Jahrhunderts in der Werkstatt des Schweizer Farbenherstellers Jacob Diesbach erfunden wurde. Beteiligt war ein junger Alchemist, Johann Conrad Dippel. Ein anderer Chemiker, der an Farben arbeitete, Carl Wilhelm Scheele, entdeckte unabsichtlich nebenbei das Arsen. Dieser »geduldige Mörder« tötete viele Menschen, und Alan Turing präparierte dabei einer Legende gemäß einen Apfel, in den er dann biss. Die Giftgase im Ersten Weltkrieg und das dort eingesetzte Chlorgas sind mit dem Namen des jüdischen Chemieprofessors Fritz Haber verbunden. Dieser hatte vorher Stickstoffdünger entwickelt, mit dem sich die Düngemittelknappheit bekämpfen ließ. Eine der vielen Anekdoten, die das ganze Buch durchziehen, ist in diesem Zusammenhang der Hinweis auf englische Banden, die im kolonisierten Ägypten insgesamt drei Millionen Skelette ausgruben, um sie zu zermahlen und so als Dünger anzubieten. Die Skelette wurden nach Hull verschifft und in Knochenmühlen in Yorkshire verarbeitet. In Nordamerika wurden angeblich etwa dreißig Millionen Bisonschädel ausgebuddelt, die ebenso in Fabriken zu Düngemitteln und Farben verarbeitet wurden.

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  • Weggelesen (7)

    Volker Reinhardt: Der nach den Sternen griff

    Giordano Bruno ist eine höchst aktuelle Figur. Seine letzten acht Lebensjahre – von nur 52 – verbrachte er in Gefängnissen der katholischen Inquisition in Venedig und Rom. Am 17. Februar 1600 wurde er als Ketzer verbrannt. Er war einer der besten Kenner der antiken Philosophen und der christlichen theologischen Tradition. Auf seinen Reisen, die im Prinzip alle Fluchten waren, kam er von Nola bzw. Neapel über Rom und Venedig, Genf, Toulouse, Paris, London, Oxford, Marburg, Wittenberg, Prag, Helmstedt und einige andere Orte zurück nach Venedig. Den christlichen Glauben hatte er längst verloren, und überall wurde er deshalb ausgegrenzt und bedroht. Dennoch verstand er es immer wieder, Mäzene zu finden, die ihm sein Leben und die Publikation seiner Bücher finanzierten. In diesen ging es um die Bestätigung und Erweiterung des kopernikanischen Weltbildes, um Grundfragen der Naturerkenntnis, um die Gedächtniskunst und andere grundlegende Probleme, deren Bearbeitung unter dem dogmatischen Druck der christlichen Theologie seit der Spätantike unterbrochen war.

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  • Weggelesen (6)

    Jan Kjaerstad: Rand

    Das Buch besitze ich seit 1994, und ich habe schon drei- oder viermal versucht, es zu lesen. Nach ein paar Jahren ist vergessen, warum ich es nicht weiterlesen wollte, und ein neuer Versuch wird gestartet. Diesmal war es anders. Erst konnte ich mich an gar nichts mehr erinnern, weder an den Osloer Ich-Erzähler noch an die anderen Personen, dann fiel mir plötzlich der Plot wieder ein, so nach 60, 70 Seiten. Da war das Buch dann für mich erledigt.

    Ein Mann, der ein ödes Leben als Programmierer führt, bringt Männer um, die interessantere Geschichten zu bieten haben als er. Die Morde geschehen in der gleichen Belanglosigkeit wie alles andere in seinem Alltag, einschließlich der sexuellen Beziehung zu seiner Freundin Ingeborg. Als sich die Morde häufen, die ohne jede Emotion begangen werden, bittet die Polizei den Protagonisten aufgrund seiner Fachkompetenz – strukturiertes Denken, Auswertung von Daten, Herstellung von Verknüpfungen – um Mithilfe. Na gut, nette Idee.

    Das Buch endet so belanglos wie es angefangen hat. Ich habe es ab Seite 70 nur in großen Sprüngen gelesen und fand es mehr und mehr uninteressant. Weiß nicht, warum Kjaerstad oft gelobt wurde. Hoffentlich wegen anderer Bücher.


    Jan Kjaerstad: Rand. Roman. Frankfurt am Main: Eichborn (Die Andere Bibliothek), 1994.

  • Weggelesen (5)

    Normen Gangnus: »… mit zerrissenem Schlaf im Gesicht«

    Die Konstruktion dieses Buchs basiert auf einem großen Irrtum. Der Autor nimmt offenbar an, es könnte für Leser interessant sein, ihnen auf dem Umweg über eine pseudo-dokumentarische Fiktion das Leben in Deutschland in den Jahren 1943 bis 1945 nahezubringen. Der erfundene Verwalter der Göringschen Raubkunstsammlung, viele Briefe und noch viel mehr Fußnoten (1229 auf 792 Seiten) mit ausschweifenden Pseudo-Belegen und pseudo-biographischen Anmerkungen – das habe ich nur hundert Seiten lang ausgehalten. Ich glaube gern, dass der Verfasser viel Spaß an seiner Arbeit hatte, aber er hat sich nicht in seine potentiellen Leser versetzt, die mit der doppelten Belanglosigkeit seines Textes zurechtkommen müssen. Das Ausmalen einer historischen Situation durch unendliche fiktive Alltagsdetails bringt eben nicht die Geschichte »zur Geltung«, wie der Klappentext verspricht, sondern lässt die Sehnsucht nach echten Tagebüchern und echten Erlebnisberichten wachsen – von denen es ja erfreulicherweise eine Menge gibt.


    Normen Gangnus: »… mit zerrissenem Schlaf im Gesicht«. Die Aufzeichnungen und Briefe des Arved von Sternheim. Band 2. Die Jahre 1943–1945. Berlin: Matthes & Seitz Berlin, 2025.