Konjunktur der Verletzlichkeiten

Maria-Sybilla Lotter analysiert die moralische Aufwertung von Opfern aus der Perspektive der praktischen Philosophie, ohne sich dabei von den Positionen der rechtskonservativen Kulturkritik abzugrenzen

Erscheint auch auf Literaturkritik.de

Vorher hier erschienen: Kritik an Kathrin Fischer: Achtsam geht die Welt zugrunde

Maria-Sibylla Lotter ist Professorin für praktische Philosophie in Bochum. Nach einem Buch über Schuld und Respekt (2024) geht es ihr jetzt um eine Diskurswende, die den Opferbegriff betrifft. Anders als im Englischen, das victim und sacrifice deutlich auseinander hält, ist das Wort Opfer im Deutschen doppeldeutig. Jemand kann ein Opfer bringen oder zum Opfer werden. Die von Lotter behandelte Diskurswende betrifft im Wesentlichen die zweite Bedeutung. Sie stellt dabei die „Opferkultur“ in den Zusammenhang einer umfassenderen Transformation moralischer Selbst- und Weltdeutungen. Allerdings: Schaut man in das fast gleichzeitig erschienene Buch von Alice Hasters, Anti-Opfer, in dem eine zunehmende Opferfeindlichkeit beklagt wird, so stellt sich die Frage, welche der beiden Autorinnen den aktuellen Trend am treffendsten erfasst. Gewinnen Opfer in diesen Jahren an Reputationsmacht oder werden sie immer ohnmächtiger und sehen sich zunehmenden Anfeindungen ausgesetzt?

Das Buch beginnt mit dem bekannten Fall des Musikers Gil Ofarim und dessen Vorwürfen gegen einen Leipziger Hotelmitarbeiter, der sich angeblich antisemitisch verhalten hatte. Maria-Sibylle Lotter zeichnet die öffentlichen Reaktionen nach, auf die der darstellerisch talentierte Künstler offenbar gesetzt hatte. Seine Anschuldigungen stellten sich als Lüge heraus, aber diejenigen, die sich vorschnell und lautstark mit Ofarim solidarisiert hatten, taten sich anschließend schwer mit dem Eingeständnis ihrer Fehleinschätzung. Das rechtsstaatliche Prinzip der Unschuldsvermutung und die aus ihm ableitbare Regel, dass ein Vorwurf erst öffentlich unterstützt werden sollte, wenn er belegt worden ist, wurden massiv missachtet. Lotter weist hier explizit auf den Zentralrat der Juden hin, der erklärte, dass die Antisemitismuserfahrung in Deutschland nicht in Zweifel gezogen werden dürfe, womit er ihrer Ansicht nach an die Stelle der Unschuldsvermutung die Unhinterfragbarkeit antisemitischer Vorwürfe setzte.

Das Beispiel zeigt für Lotter, dass die beanspruchte Zugehörigkeit zu einer Opfergruppe Prestige und sogar eine gewisse Autorität produzieren kann. Sie schließt an Bourdieus Theorie des Sozialkapitals an, wenn sie sagt:

Nicht mehr das Prinzip allgemeiner Gerechtigkeit, sondern die Fähigkeit, glaubhaft Opfer zu sein, entscheidet über moralisches Gewicht.

Sie geht dann noch einen Schritt weiter, indem sie von der Soziologin Eva Illouz das Stichwort der „Sakralisierung“ von Opfern und auch das der „Opferkultur“ übernimmt. Illouz stellte Ende 2024 in ihrer Dankesrede zur Verleihung des Frank-Schirrmacher-Preises eine Veränderung der Identitätspolitik seit den 1960er Jahren fest. Die moderne Identität bestehe „eigentlich im Gedenken an die Demütigungen, die der eigenen Gruppe zugefügt wurden“. Das Gedenken an die Shoah ist für sie ein entscheidender Punkt in diesem Wandel: Opfer, die keine göttliche Botschaft verkünden, würden sakralisiert. Illouz sagt zudem in einem anderen Text, dass die „Opferkultur“ darin bestehe, den Menschen „bizarre Anreize“ zu bieten, sich in Opfer zu verwandeln.

Lotters Beispiel für die Sakralisierung eines Opfers ist das Gedenken an George Floyd, der 2020 in Minneapolis von einem Polizisten erstickt wurde. Die folgenden Protest-Demonstrationen hatten den Charakter von Prozessionen mit rituellen Schweigeminuten (8 Minuten und 43 Sekunden, entsprechend der Leidensphase von George Floyd bis zum Erstickungstod). Beispiele aus Deutschland und Europa führt Lotter allerdings nicht an.

Ihren Text versteht sie als Diskursanalyse, aber überraschenderweise ist ihr Vorbild dafür nicht Michel Foucault, der als Diskurse systematische Ensembles von Aussagen, Texten, Praktiken und Regeln beschrieb. Die Foucaultschen Diskurse prägen, was in einer Gesellschaft als »wahr«, »normal« oder »möglich« zu gelten hat und stützen dessen machtvolle Durchsetzung. Stattdessen orientiert sich Lotter an John Dewey, einen der Begründer der pragmatischen Philosophie Anfang des 20. Jahrhunderts, der den Gehaltwandel von Begriffen untersuchte, nicht aber auch deren Verknüpfung mit Ideologien und gesellschaftlicher Macht.

Ein durchgängiges und durchaus produktives Element im Buch ist der Hinweis auf concept creeps, die schleichende Ausdehnung von Begriffsumfängen, die bei Wörtern wie Hass, Gewalt, Depression und Trauma auch von anderen Autoren (beispielsweise im Sammelband Schlüsselbegriffe des gesellschaftlichen Zusammenhalts) beschrieben wird.

Einen Teil ihrer Ausführungen widmet die Autorin der therapeutischen Perspektive, die die persönliche Betroffenheit des Opfers ins Zentrum stellt. Therapeutische Denkweisen bestätigen die gesteigerte Sensibilität für psychische Verletzlichkeit, ohne dabei etwa Autonomie und Selbstverantwortung der Leidenden stärken zu wollen. „An die Stelle zukunftsgerichteter Utopien treten vergangenheitsorientierte Heilungsnarrative, formuliert in der Sprache einer therapeutisch geprägten Kultur.“

Eine große Rolle spielt dabei der Trauma-Begriff und speziell die Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS). Traumata haben in den letzten Jahrzehnten kulturell an Bedeutung gewonnen. Diese Beobachtung Lotters lässt sich nachvollziehen. Die klassischen Kinohelden mit ihren starken und unwandelbaren Charakteren wurden abgelöst von gebrochenen, traumatisierten Protagonisten – im James-Bond-Film Skyfall trifft das sogar auf die Titelfigur und seinen Gegenspieler gleichermaßen zu. Lotter erinnert daran, dass die Aufwertung psychischer Verletzungen seit dem Vietnamkrieg systematisch auch durch die Erweiterung medizinischer und psychiatrischer Klassifikationen erfolgte. Die offizielle Anerkennung der PTBS brachte Vorteile für Psychologen und für Betroffene. Dabei wurden Täter auch gleichzeitig zu Opfern, selbst wenn sie Killer in Uniform waren. Hingegen verführt die Pathologisierung von gewöhnlicher Traurigkeit und alltäglichen Krisenerscheinungen nach der Deutung Lotters dazu, das eigene Leiden in Krankheitskategorien zu übersetzen, um gesellschaftliche Anerkennung zu erhalten. Die Folge ist, dass auch soziale und politische Probleme auf individuelle Therapiefragen reduziert werden.

Vielen dieser Beobachtungen und Deutungen der Autorin kann man spontan folgen, sie wirken vertraut, es ist nicht schwer, im eigenen Umfeld Beispiele für sie zu finden. Dass jenseits dieser Heuristiken auch systematische Zusammenhänge bestehen könnten, beispielsweise eine Verknüpfung kultureller Trends mit der Staatsmacht und von ihr gelenkten Institutionen, geht aus den Ausführungen der Autorin zumindest nicht explizit hervor. Sie stellt Fragen, in denen tendenziell bereits Antworten stecken, aber bleibt tatsächliche Antworten über einige Andeutungen hinaus schuldig. Es handelt sich beispielsweise um diese beiden Fragen:

Kann eine derart starke Betonung von Verletzlichkeit wirklich das emanzipatorische Ziel fördern, Benachteiligte in ihrem Streben nach gleichberechtigter Teilhabe zu stärken – oder erweist sie sich am Ende eher als hinderlich? […] Führt die begriffliche Ausweitung der Verletzlichkeit und die Umwandlung positiver in negative Pflichten nicht dazu, die Pflicht, keinen Schaden zuzufügen, in einer Weise zu überdehnen, die für eine lebendige Debattenkultur eher dysfunktional ist?

Lotter wendet sich auch einigen Begriffserweiterungen zu, deren Verbreitung in Deutschland sie nicht belegt und die ohnehin auch umstritten sind. Beispiele dafür finden sich in einem Kapitel, das „Verletzungen durch Sprache“ überschrieben ist. Es behandelt unter anderem die in akademischen Kreisen in den USA und teilweise auch an deutschen Universitäten verbreitete Sprachpolitik, die von ihren Kritikern als „woke“ bezeichnet wird. Dass seit den 1970er Jahren neben die sozialökonomischen Erklärungen von Ungleichheit und gesellschaftlichen Missständen auch kultur- und sprachspezifische Faktoren getreten sind, lässt sich nicht bestreiten. Lotter behauptet jedoch die Ablösung der früheren Erklärungen durch die neueren. Ihre Interpretation der Foucaultschen Diskursmacht und des Bourdieuschen Habitusbegriffs soll diese These offenbar unterstützen: „Aus der Analyse der Macht ist die Überwachung der Sprache geworden.“ Dem Vokabular der cultural studies und generell den „postmodernen“ Theorien schreibt sie damit eine sozial- und kulturpolitische Handlungsmacht zu, für deren institutionelle Umsetzung sie jedoch keine Belege vorweist. Überhaupt der Postmodernismus! Er hat schon Vernunft und Freiheit ihre Strahlkraft genommen und muss nun offenbar als Quelle für irrationale Unterdrückungstendenzen verstanden werden.

Im Grunde entspricht Lotters Argumentation spiegelgleich dem, was sie in ihrer Kritik an der Opferkultur und am Überschuss der Empörung darüber, dass ein bestimmter Sprachgebrauch „vulnerable“ Personengruppen tatsächlich verletzt, ausgeführt hat. Sie möchte diejenigen vor moralistischen Keulenschlägen schützen, die sich unbedacht äußern oder nicht die Gelegenheit geboten bekommen, sich und diese Äußerungen zu erklären. Sie deutet damit zugleich an, dass auch die öffentliche Empörung Gewaltaspekte aufweist und als Machtdemonstration interpretiert werden sollte.

Ohne Bezugnahme auf die reale politische und kulturelle Situation in Deutschland gibt es im hinteren Teil des Buchs ein ausführliches Plädoyer für Meinungsfreiheit. Lotter spricht hier in Anlehnung an eine Allensbach-Umfrage und ansonsten belegfrei von einer „zunehmenden Befangenheit im öffentlichen Raum“ – während im Kontrast dazu von vielen Politikern, Wissenschaftlern und Medienbeobachtern die Überschwemmung der publizistischen Kanäle mit Hassrede, radikaler Hetze und anderen unschönen Äußerungen registriert wird. Auf den Kontrast dieser Sichtweisen geht sie allerdings nicht ein. Ihren allgemein gehaltenen Ratschlägen zur Realisierung von Vielfalt in „organisierten Kommunikationsstrukturen“ wird niemand widersprechen wollen, auch wenn Hinweise auf das reale Mediengeschehen fehlen.

Das Buch beeindruckt einerseits durch viele nachvollziehbare Beobachtungen zum Täter-Opfer-Verhältnis, bleibt bei ihren Deutungen dann allerdings sehr allgemein. Gegen Ende des Textes häufen sich Fragestellungen, die der rechtskonservativen Kulturkritik entlehnt zu sein scheinen, zu denen Maria-Sibylla Lotter jedoch keine weiterführenden Antworten präsentiert.


Maria-Sibylla Lotter: Opfer. Über Verwundbarkeit als Selbstbild.
Hanser, München, 2026. 288 Seiten, 25 EUR.