Marie-Luise Knott über Hannah Arendt, Ralph Ellison und andere
Marie-Luise Knotts Buch vermittelt Einsichten zu Hannah Arendt, die zumindest mir bislang noch ungesichert schienen. Es geht um Rassismus. Arendts kleiner Text »Reflections on Little Rock« (1959) und einer kurzer Brief an Ralph Ellison sind Stoff und Anlass von Knotts Buch.

Little Rock: Zwar wurde die Rassentrennung in den USA 1954 formell aufgehoben, aber in vielen Staaten wurden die Jim Crow Laws weiter befolgt. Erst der Civil Rights Act des Präsidenten Lyndon B. Johnson setzte 1964 überall die rechtliche Gleichheit durch. Die rassistischen Vorschriften galten seit Ende des Bürgerkriegs 1865 und regulierten die ethnische Segregation – zum Beispiel auch die Einrichtung von Chinatowns in vielen Städten. Für das Schulwesen gab es 1954 eine Entscheidung des Supreme Court (Brown vs. Board of Education), die zur Koedukation verpflichtete, aber der Gouverneur von Arkansas setzte 1957 die Nationalgarde seines Staates ein, um schwarzen Schülerinnen und Schülern den Zugang zum Unterricht an der Central High School in Little Rock zu verwehren. Präsident Dwight D. Eisenhower schickte Militär, um den Konflikt im Sinne des Rechts zu beenden. Viele Monate lang mussten die schwarzen Jugendlichen, von Soldaten zur Schule begleitet, quasi Spießrutenlaufen, bis irgendwann die Anfeindungen von Mitschülern und Bewohnern der Stadt abebbten.
Arendt wendet sich in ihrem Artikel gegen eine gesetzlich forcierte Aufhebung der Rassentrennung an den Schulen der USA. Die Autorin besitzt für viele deutsche Intellektuelle heute einen Kultstatus. Für etliche Ältere unter ihnen ist sie die Nachfolgerin von Mao Zedong, dem sie in den 1970er Jahren Gefolgschaft leisteten. Die Zurückweisung von Kritik an Arendts Eichmann-Buch hat ihre Anhänger viel interpretatorische Mühe gekostet, und der Little-Rock-Text gab Anlass zu umwegigen Verteidigungsstrategien. Arendts will nicht die Rassentrennung verteidigen, heißt es, sondern die Privatsphäre der Bürger vor staatlichen Übergriffen schützen. Als Anhängerin des Freiheitsbegriffs der amerikanischen Verfassung war sie der Ansicht, der Staat solle und dürfe die Desegregation der Gesellschaft nicht erzwingen. Außerdem täte das dem seelischen Wohl der betroffenen Kinder und Jugendlichen nicht gut – politische Konflikte von Erwachsenen sollten nicht auf dem Rücken von Minderjährigen ausgetragen werden. Und schließlich – damit sind wir bei Marie-Luise Knotts Buch – verweisen Verteidiger Arendts darauf, dass sie 1965 in einem privaten Brief an den Schriftsteller Ralph Ellison ihr früheres Unverständnis für die elementare Gewalt an Schwarzen eingeräumt und bedauert habe.
Vielleicht hätte Arendt 1959 eine Anekdote geholfen, auf die sie jedoch erst ein Jahr später stieß. In ihren Worten: »Die höheren Schulen in New York hatten allen Schülern der obersten Klassen die Aufgabe gestellt, sich auszudenken, wie Hitler bestraft werden solle. Darauf schrieb ein Negermädchen: man solle ihm eine schwarze Haut anziehen und ihn zwingen, in den Vereinigten Staaten zu leben.«
Zumindest war und blieb Arendts Position ambivalent. Sie schlug 1970 einen US-Verfassungszusatz vor, ein Equal Rights Amendment für Schwarze, wie es schon 1924 einen für Frauen gegeben hatte. Aber sie war gegen die »Verlagerung« der Problematik und entsprechender Aktionen ins »Soziale«. Ohnehin blieb sie immer eine Vertreterin des Primats des Politischen. Ähnlich wie sie versuchte Friedrich Pollock in der Auseinandersetzung mit Herbert Marcuse und Franz Neumann deren Einordnung des NS-Regimes als kapitalistische Formation mit (verdecktem) Primat der Wirtschaft durch eine neue Konzeption des »Staatskapitalismus« zu ersetzen.
Zurück zum Brief an Ralph Ellison, dem Autor des Romans The Invisible Man (1952). Er wohnte einige hundert Hausnummern entfernt in derselben Straße wie Hannah Arendt, am Riverside Drive in Manhattan. Die von Arendt eingestandene Ignoranz der Gewalt, der schwarze US-Bürger ausgesetzt waren, ist nicht ihr einziges Wahrnehmungsdefizit. Sie ignorierte auch die Hoffnungen, die durch das Gerichtsurteil von 1954 ausgelöst worden waren. Offenbar hielt sie wirklich die soziale Diskriminierung ethnischer Gruppe für legitim, aber wollte nicht, dass sie auf die politische und »persönliche« Sphäre (was auch immer sie darunter verstand) übergreift. Interessanterweise hat sie die Südstaaten der USA nie besucht – wohl um das in den 1960er Jahren sichtbare eklatante Elend nicht selbst sehen zu müssen.
Knott macht ihre Leser mit einem weiteren Brief Arendts bekannt, den sie 1962 an James Baldwin als Reaktion auf einen Artikel im New Yorker schrieb. Dieser Brief ist – wie Knott sagt – von einem »patronisierenden Gestus« geprägt. Sie kritisiert den Begriff der »Liebe«, den Baldwin in seinem Text verwendet: »Die Liebe ist in der Politik ein Fremdling und wo sie sich hineindrängt, kommt nichts als Heuchelei dabei heraus …« Positive Empfindungen, von Schönheit ausgelöst, Menschlichkeit und die Fähigkeit zur Freude »haben die Stunde der Befreiung nicht einmal 5 Minuten überlebt. Hass und Liebe gehören zusammen, und sie sind beide zerstörerisch; man kann sie sich nur im Privaten leisten – und als Volk nur, solange man nicht frei ist.« – Nun ist aber Baldwins Verständnis von »Liebe« keineswegs »privat«, sondern durchaus politisch. Arendt hat kein Gespür für die schwarze Kultur in den USA und ihre Leitideen – obschon sie das in der amerikanischen Verfassung versprochene »Glück« akzeptiert.
Ein weiteres interessantes und von Knott angerissenes Thema ist die Schuldfrage. Sie wendet dabei offenbar Positionen aus der Nachkriegsdiskussion über die Verbrechen des Nationalsozialismus auf den Rassenkonflikt in den USA an. »Wir sind alle schuldig« ist für Arendt eine »heuchlerische Rührseligkeit«. Sie produziert dabei eine merkwürdige Denkfigur: Die Weißen provozieren schwarze Aufstände, indem sie sich kollektiv schuldig an der Unterdrückung der Schwarzen erklären. »Nun, wie alle schuldig sind, ist es keiner; gegen die Entdeckung der wirklich Schuldigen oder Verantwortlichen, die Mißstände abstellen könnten, aber es nicht tun, gibt es keinen besseren Schutz als kollektive Schuldbekenntnisse.« Kollektivschuld, also das Verständnis des Konflikts als einem zwischen kollektiver Unschuld und kollektiver Schuld ist für Arendt eine gefährliche Vernebelung des Rassismus. – »Alle Weisen sind schuldig« ist für sie nicht nur gefährlicher Unsinn, sondern Rassismus mit anderen Vorzeichen. Selbstverständlich kann man – auch wieder in Erinnerung an die deutsche Nachkriegsdiskussion – ihrer Folgerung zustimmen, die lautet: Wenn Weiße sich kollektivschuldig bekennen, bleiben sie dem Rassismus absichtsvoll treu.
Aber wie lässt sich die Desegregation fördern? Dazu nimmt Arendt auf eine wiederum bemerkenswerte Weise Stellung. Sie wendet sich gegen affirmative actions für Schwarze, zum Beispiel Quotensysteme an Colleges und Universitäten. Das begründet sie mit einem ausgesprochen fiesen Satz, der in einem Interview mit Adalbert Reif fällt und auch im Briefwechsel mit Mary McCarthy (Im Vertrauen, 1995) enthalten ist:
Der allgemeine Bürgerrechts-Enthusiasmus führte zur Integration größerer Mengen von Schwarzen, die jetzt ihr eigenes Curriculum verlangen, weil sie das allgemeine Niveau nicht halten. Mit anderen Worten, sie wollen sich des Qualifikationssystems bemächtigen und es ihrem Niveau anpassen.
Das eigene Curriculum, auf das sie anspielt, sind die Black Studies. Sie wurden nicht als Studiengänge ausschließlich für Schwarze vorgeschlagen, sondern als Ergänzung kulturgeschichtlicher Fächer. Das scheint ihr (absichtlich?) zu entgehen. Die Äußerungen zum akademischen Qualifikationssystem könnten von Trump stammen.
Knott, Marie-Luise: 370 Riverside Drive, 730 Riverside Drive. Hannah Arendt und Ralph Waldo Emerson. 17 Hinweise. Berlin: Matthes & Seitz Berlin, 2022.