Die Hegemonie geht verloren

auch: Paranoia (7)

Christoph Bartmann findet keine Rezepte gegen die kulturpolitische »Attacke von rechts«

Erscheint auch bei literaturkritik.de

Stellt man sich […] den Kulturkampf als Fußballspiel vor, dann muss man in der Halbzeitpause leider feststellen: Die Rechte hat aktuell mehr Ballbesitz.

Mit dieser Analogie leitet Christoph Bartmann sein Buch ein. Sie provoziert mehrere Fragen auf einmal. Erlebt Deutschland gerade einen »Kulturkampfq? Kann man Auseinandersetzungen um die Dominanz in der kulturellen Sphäre ein »Spiel« nennen? Ist das Ende zeitlich abzusehen – oder was soll »Halbzeit« hier bedeuten? Und woran will der Autor erkennen, dass die Rechte derzeit (das Vorwort wurde im Herbst 2025 geschrieben) im Vorteil ist? Unklar bleibt auch, wer genau die kämpfenden Parteien sind und ob sich der Autor mit einer der Seiten identifiziert. Im Vorwort gibt es eher kritische Bemerkungen zu von ihm als links eingeordneten Bestrebungen als zu denen der Rechten.

Christoph Bartmann ist ein Kenner der deutschen Kulturpolitik, er war jahrzehntelang in mehreren Ländern als Mitarbeiter des Goethe-Instituts tätig. Es liegt nahe, dass er unter Kultur vor allem eine durch Institutionen bestimmte Szene versteht, in die staatliche Fördermittel und unterstützende kulturpolitische Äußerungen fließen. Den »weiten« Kulturbegriff, den der legendäre SPD-Politiker Hilmar Hoffmann in den 1970er und 1980er Jahren vertrat – von der Taubenzucht bis zum Experimentalfilm – versteht er positiv als Kennzeichen für einen damals recht unangefochtenen kulturellen und demokratischen Aufbruch. Heute werden Kunst und Kultur – so Bartmann – als Helfer zur Komplexitätsauflösung eingesetzt, mit der defensiven Tendenz, dass die linksliberale Kulturpolitik nur noch auf »Trost« umstellt. Hier bezieht er sich auf eine Studie der Liz-Mohn-Stiftung, die 2025 per Umfrage Zustimmungen zu Sätzen wie »Kultur verbindet Menschen über Grenzen und Unterschiede hinweg« oder »Durch Kultur werden Räume geschaffen, in denen tiefe emotionale Erfahrungen möglich sind« einholte. Die Aufgabe der Kultur ist bereits im Design der Umfrage auf ihren Beitrag zum gesellschaftlichen Zusammenhalt ausgerichtet. Dieser Aspekt ist auch Carsten Brosda wichtig, einem der heute stichwortgebenden sozialdemokratischen Kulturpolitiker. An ihm kritisiert Bartmann jedoch, dass er frühere Leitbilder wie Emanzipation, die Demokratisierung von (nicht nur kulturellen) Institutionen und die Befähigung zur Kritik offenbar aufgegeben hat. 

Titel und Untertitel des Buchs wecken die Erwartung, dass der Autor sich mit dem argumentativen Arsenal rechter und rechtsextremer Strömungen auseinandersetzt und Abwehrmöglichkeiten diskutiert. Worin besteht also der titelgebende «Attacke von rechts«? Bartmann lässt in einer Folge von kurzen Kapiteln mehrere Angreifer Revue passieren: die deutsche AfD, die amerikanische MAGA-Bewegung, die polnische PiS-Partei und die österreichische FPÖ. Der AfD werden zwei Impulse zugeschrieben, die sie zum Angriff auf die bestehenden Kultureinrichtungen und ihre Praxis motivieren. Der eine ist der Wunsch nach einer Veränderung der Geschichtspolitik, die den Fokus auf die Erinnerung an die Shoa und die NS-Diktatur und »moralisierende Geschichtserzählungen« zurücknimmt. In diesen Zusammenhang gehört auch der von Bartmann mehrere Male angeführt programmatische Feldzug der AfD in Sachsen-Anhalt gegen das Bauhaus in Dessau. Der andere ist vom Hass auf die »woke« Gegenwartskunst und viele ihre Vertreter geprägt. Diese Angriffe finden allerdings nicht viel Widerhall in der AfD-Wählerschaft, von rituellen verbalen Ausfällen wie denen gegen das Gendern und einen in der Kultur vorherrschenden »globalistischen Multikulturalismus« einmal abgesehen. 

Der Begriff »Kulturkampf« bezeichnete im 19. Jahrhundert die Bemühungen Bismarcks, den Einfluss der katholischen Kirche und der Zentrumspartei durch ein Bündel von Gesetzen zu schwächen. Später ging es auch Antonio Gramsci in Italien darum, der katholischen Kirche die Diskursmacht für die im Alltagsleben geltenden Normen und Regeln zu entreißen. Für ihn war die Auseinandersetzung um die intellektuell-moralische Führung der Bevölkerung (Hegemonie) die wesentliche Voraussetzung für die politische Machteroberung. Bartmann fasst das in einem Satz zusammen:

Wer nach Hegemonie strebt, muss regieren, aber mehr noch die bestehende Zivilgesellschaft, also die Gesellschaft und die in sie eingebetteten Institutionen für sich gewinnen.

Wer nun momentan die Hegemonie über die Kultur in Deutschland ausübt und wie die Rechte diese Hegemonie abbauen will, bleibt bei Bartmann – und für den Rezensenten – unklar. Statt einigermaßen systematisch Belege für Angriffe der Rechten auf die Kultur bzw. die bestehenden kulturpolitischen Orientierungen und eine Bewertung der aktuellen Bedrohungslage zu liefern, widmet sich der Autor lieber bekannten Querelen der vergangenen Jahre, wie denen um die Documenta 15. Die Aufregungen über den Antisemitismus einiger Exponate bzw. ihrer Urheber – und umgekehrt über ungezielte und zu breit gestreute Antisemitismus-Vorwürfe – endeten in einem kulturpolitischen Desaster, das Bartmann trocken kommentiert: »Deutlich wurde bei dieser Gelegenheit, dass für künftige Kulturkämpfe im linken Spektrum die Rechte nicht zwingend benötigt wird.« Allerdings versäumt er es, die von ihm häufig erwähnten »linken« Positionen konkret zu identifizieren. Postmoderne, Antisemiten, Vertreter der Political Correctness, der Cancel Culture oder des Multikulturalismus sind ja nicht schon allein deshalb links, weil sie von Rechten angegriffen werden. Der amerikanische Präsident Trump, der dem »radikal linken Abschaum« der Demokraten Weihnachtsgrüße sendet, liefert mit dieser grundlosen Richtungsangabe allerdings ein Vorbild, dem sich europäische Rechte – und keineswegs nur die dezidiert rechten Parteien – anschließen. Die hier angewendete Methode hat Hannah Arendt einmal karikierend beschrieben – der totalitäre Herrscher sei ein »Mann, der einen anderen so lange beschimpft, bis alle wissen, dass dieser der Feind ist, sodass er ihn anschließend mit dem Anschein von Selbstverteidigung töten kann«.

Die Attacken der MAGA-Bewegung auf Kultur- und Wissenschaftsinstitutionen, die eine liberale Geisteshaltung repräsentieren, folgen historischen Mustern. Die Säuberungen in der McCarthy-Ära und eine Ende der 1980er Jahre einsetzende Welle der Kritik an »Obszönität und Blasphemie, die sich als Kunst tarnt«, wurden zum Teil mit denselben Textbausteinen begründet, die auch der amerikanische Präsident und seine Gefolgsleute verwenden.

Im Buch gibt es auch Rückblenden auf die deutsche Geschichte. Die kulturelle Machteroberung der Nationalsozialisten durch gesetzlichen und außergesetzlichen Zwang wird unter anderem durch die Rundfunkpolitik von Goebbels und die Verdammung des Jazz illustriert. Die Schließung des Bauhauses durch die Nazis fand in den 1950er Jahren eine Fortsetzung in der kulturpolitischen Frontstellung der SED gegen den »Formalismus«. Highlights westdeutscher Kulturpolitik wie die Ruhrfestspiele werden dem »Bitterfelder Weg« in der DDR gegenübergestellt, bei dem es um die kulturelle Mobilisierung der Arbeiterklasse ging.

Ein Kapitel behandelt Erscheinungen der »progressiven Kultur« unter den Schlagworten »links und illiberal«. Auch diese Ausführungen entfernen sich weit vom Titel des Buchs, der Aufklärung über rechte kulturpolitische Strategien verspricht. 

Sachlich wenig informiert und völlig spekulativ ist ein Kapitel über die KI im Kulturkampf. Über Social Media verbreitete Lügen und Gemeinheiten werden nicht auf ihre Reichweite und erwiesene Wirkung befragt, sondern zu einer dominanten Erscheinung hochstilisiert: »Die Rechte hat Technologien auf ihrer Seite, mit der sich, mit Steve Bannons berüchtigtem Wort, die ›Zone fluten‹ lässt.« Ganz und gar dem Reich der Phantasie gehört die Behauptung an, die Künstliche Intelligenz sei inzwischen zur AGI (Artificial General Intelligence) optimiert und arbeite so den militanten Zwecken der Rechten effektiver zu. Eine AGI steht zwar auf der Agenda der KI-Entwickler, sie hat jedoch bislang keineswegs das Licht der Welt erblickt. Die Unterstellung, die Linke sei nach wie vor technophob und habe »progressive« Ideen nur auf sozialem Gebiet, bleibt unbelegt, soll aber wohl dazu dienen, die Wehrlosigkeit der Linken gegenüber der Indienstnahme digitaler Monster durch die Rechten zu untermauern. Dazu passt eine Rattenfänger-These, die so lautet:

In einer zunehmend digitalen Lebenswelt, in der vor allem jüngere Menschen dem sogenannten ›VUCA‹-Syndrom (›Volatility, Uncertainty, Complexity, Ambiguity‹) ausgesetzt sind, hat die KI leichtes Spiel.

Das zitierte VUCA wird im militärischen Bereich und in der Management-Literatur nicht als Syndrom, das die orientierungslose Jugend befällt, sondern als strategische Orientierung behandelt, auf die mit Umstellungen des Führungsstils und Change-Management-Prozessen geantwortet wird. Es ist allerdings richtig, dass soziologische Beobachter des derzeitigen Medien- und Kulturwandels das Verschwinden des Allgemeinen und für alle Verbindlichen feststellen. Der Relevanzverlust der Massenmedien und die Aufgabe, Verknüpfungen aus partikularen Informationsquellen immer wieder selbst zu konstruieren, macht allerdings den Älteren – zu denen auch Bartmann gehört – weitaus mehr zu schaffen als den von ihm angeführten Jüngeren.

Ganz und gar erstaunlich in ihrer Zuspitzung ist diese Aussage:

Den Kulturkampf gewinnt, wer seine Suchmaschinen für trübe Inhalte optimiert und dem Suchen und Finden keinerlei ethische Zügel anlegt.

Vermutlich will Bartmann hier nicht Suchmaschinen, sondern KI-Chatbots adressieren, bei denen mit bestimmten Prompts aus dem aufgelesenen Datenmaterial auch Gemeinheiten und anstößige Deepfakes hervorgezaubert werden können. Über die Regulierung dieser Möglichkeiten ist Anfang 2026 eine weltweite Debatte entstanden. Dass sie ein Instrument zur Erringung der kulturellen Hegemonie sein könnten, ist einigermaßen irreal.

Christoph Bartmann bleibt mit Ausnahme des KI-Kapitels relativ sachlich, wenn er punktuell Bestrebungen der Rechten zur Eroberung der Diskursmacht aufgreift. Sein Text kann daher nicht vollständig dem derzeit grassierenden Genre der alarmistischen Literatur zugeordnet werden, in der Putin, die durch AfD, Musk und andere dominierten Medien und eine als böse gezeichnete KI das Ende der Demokratie, wenn nicht gar der Menschheit herbeiführen. Allerdings lässt das Buch ein erkennbares Ordnungsprinzip vermissen. Erhellende Beschreibungen des strategischen Denkens der Rechten fehlen ebenso wie Erkenntnisse und Einschätzungen zur Massenwirksamkeit rechter kulturpolitischer Ansätze. Sind sie geeignet, neue Anhänger zu mobilisieren oder ist ihre Resonanz auf bereits hinreichend Überzeugte beschränkt?

Das Buch endet mit einem sozialdemokratisch inspirierten Hoffnungsschimmer, nämlich einem Hinweis auf den Chatbot »e-Bert«, der von der Friedrich-Ebert-Stiftung betrieben wird, damit Nutzer Beiträge zu »fairen und überzeugenden Debatten im Internet« trainieren können. Dieser digitalen Plaudertasche traut Bartmann zu, der Vorbote »eines neuen, jetzt digital informierten Gramcianismus« zu sein. Folgt man allerdings den Zweifeln an der Wirkungslosigkeit von „fairen und überzeugenden“ Argumenten, die Bartmann an anderen Stellen des Buchs erhebt, scheint am Ende doch alles auf eine rechte Hegemonie in der Kultur hinauszulaufen.


Christoph Bartmann: Attacke von rechts. Der neue Kampf um die Kultur. München: Hanser Verlag, 2026.