Kybernetik – Kritik der Kritik

Vier Rezensionen zu einem Buch über »digitale Regierungskunst«

Anna-Verena Nosthoff hat eine »Theorie digitaler Regierungskunst« aus einer Kritik der Kybernetik abgeleitet (die auch eine »Kybernetik der Kritik« zu sein beansprucht). Das 671 Seiten starke Buch ist eine in Freiburg bei dem Kultursoziologen Ulrich Bröckling geschriebene Dissertation. Mitgutachter waren der Medientheoretiker und -kritiker Geert Lovink und der Wirtschaftsinformatiker Oliver Müller. Der Hinweis auf die fachliche Diversität der Gutachter enthält schon eine erste Frage: Wo sind die Autorin und ihre Studie selbst fachlich verankert? Das Thema der Gouvernementalität, kombiniert mit der Geschichte der Kybernetik, hat philosophische, medienhistorische, politikwissenschaftliche und etliche andere Aspekte. Ein Durchblättern des 50 Seiten langen Literaturverzeichnisses bestätigt die Diversität der Quellen und unterstützt die Frage nach einem Schwerpunkt.

Das Buch hatte ich selbst in kleinen Portionen zu lesen begonnen, als ich im Online-Magazin Soziopolis auf vier Rezensionen des Buchs stieß, die alle am selben Tag veröffentlicht worden waren, am 26.03.2026. Diese Rezensionen sind aus unterschiedlichen Perspektiven verfasst und deshalb – und aus einem anderen Grund – sehr aufschlussreich. Ich möchte hier zusammenstellen, was sie an Nosthoffs Buch loben und bemängeln und halte Auskünfte über meine eigene zur Zeit noch unvollständige Lektüreerfahrung erstmal zurück.

Alle vier Rezensentinnen bzw. Rezensenten loben die Fülle der in den Fußnoten und im Literaturverzeichnis dargelegten Quellen. Das von Nosthoff ausgebreitete Material zur Geschichte der Kybernetik und der Kritik, die sich an ihr und aus ihr entwickelte, ist in der Tat beeindruckend und motiviert dazu, Lücken in der eigenen sporadischen Beschäftigung mit der Kybernetik zu schließen. Allerdings wird auch deutlich, dass die Autorin viele Anregungen aus den von ihr zitierten Werken nicht genutzt hat. Um nur ein Beispiel zu nennen: Vincent August erläutert in seinem 2021 erschienenen Buch Technologisches Regieren. Der Aufstieg des Netzwerk-Denkens in der Krise der Moderne. Foucault, Luhmann und die Kybernetik ausführlich die Anschlüsse Foucaults und Luhmanns an die Arbeiten und Diskussionen der Kybernetiker der Macy-Konferenzen. Durch die Berücksichtigung auch anderer theoretischer Linien als der kybernetischen schält er eindrucksvoll die epistemologischen Voraussetzungen für technologisches Regierungsdenken heraus. Davon kommt wenig in Nosthoffs Werk an. Neben einigen Kybernetikern der »Gründungsphase« – Norbert Wiener prägte die Bezeichnung 1948 – behandelt sie vor allem technikphilosophische und medientheoretische Arbeiten, die sie im wesentlichen referierend und nur in geringem Maße kontextualisierend nebeneinanderstellt.

Nun aber zur Rezension von Jeanette Hofmann. Nosthoffs Plan ist in ihrer Sicht die Etablierung einer »Machtkritik, die die Insignien kybernetischer Logik aus ihrer Unsichtbarkeit holt und neu lesbar macht«. Sie moniert die willkürliche Verteilung der theoretischen Zeugenschaft für eine »Kybernetisierung des Subjekts«, bei der Hans Jonas breiten Raum einnimmt, Michel Foucault und Niklas Luhmann mit ihren weitaus folgenreicheren Überlegungen hingegen nicht. Dass Nosthoff für ihre kritischen Referate das Etikett »diskursanalytischer Vorarbeiten« beansprucht, scheint Hofmann skeptisch zu betrachten, und auch ich kann Ansätze einer (an Foucault geschärften) Diskursanalyse eigentlich nicht entdecken. Dass die aktuelle Funktion digitaler Plattformen die »Kontrolle« der digitalen Infrastruktur und der Kommunikationsflüsse sei, wobei die Menschen auf die Statistenrolle bloßer Sender und Empfänger reduziert würden, zitiert sie mit spürbarer Distanz. Ein unscharfer Kontroll-Begriff und eine agnostische und ansatzweise populistische Zeichnung von Systemen der digitalen Kommunikation sind bei Nosthoff jedenfalls auffällig. Explizit stellt Hofmann infrage, ob Nosthoff die komplexen Dynamiken demokratisch verfasster Gesellschaften erfassen kann, wenn sie behauptet, diese seien inzwischen singulären operativen Logiken unterworfen. Die These einer »postkybernetischen Konstellation« begründet Nosthoff zudem auch gar nicht selbst, sondern lässt sie aus den vielen von ihr referierten kritischen Quellen hervorscheinen. Dass sie dabei auch dubiosen neokybernetischen Gurus wie Alex Pentland oder Parag Khanna Gehör schenkt, gefällt Hofmann überhaupt nicht. Ebenfalls kritisch sieht sie die Heranziehung von Beispielen wie des Unternehmens Cambridge Analytica, dessen sicher unbestreitbare Manipulationsabsichten vor einigen Jahren viel Wirbel machten. Hofmann dazu: »Cambridge Analytica ist zur Ikone im Feld einer wohl ungewollt technikdeterministischen Machtkritik geworden, die dazu neigt, aus der Existenz entsprechender Verfahren auf den Erfolg der Verhaltenssteuerung als solcher zu schließen.« Nosthoff stützt sich auf eine Reihe weiterer Beispiele potentieller digitaler Kontrollmacht, für deren Wirkungserfolg es ebenfalls keinerlei Belege gibt (und nach meiner Ansicht auch nicht geben kann).

Die Rezension von Frederik Heinz beginnt mit einer wohlwollenden Charakterisierung von Nosthoffs Absicht, das Konzept der Kybernetik genealogisch zu rekonstruieren und um eine Genealogie der Kybernetikkritik anzureichern. Sie wolle das versteckte »kybernetische Vorzeichen der Gegenwart« entdecken und seine Wirkungsmacht aufdecken. Ihr zentrales Interesse sei dabei die Kybernetisierung des Politischen.

Ein wichtiger Stichwortgeber ist dabei für sie Karl Deutsch, ein seit 1943 am MIT arbeitender Politikwissenschaftler, der 1963 in einem Buch den Staat als informationsverarbeitendes Feedback-System beschrieb, und Politik als rationalisierte Koordination von Datenströmen. »Das Projekt einer Genealogie unserer hochtechnisierten Informations- oder Kontrollgesellschaften wird an den Arbeiten Karl W. Deutschs nicht vorbeikommen.« So Benjamin Seibel 2012 in einem Aufsatz über Karl W. Deutsch, den Nosthoff zu nutzen wusste. In ihrem »genealogischen« Literaturbericht trennt sie – so fasst Heinz zusammen – zwei Stränge der Technokratie-Debatte der 1970er Jahre: Instrumentelle Herrschaft einer technisch aufgerüsteten Administration versus Technokratie als Herrschaft der Technik selbst. Deutschs systemstabilisierendes Staatsmodell gehört zur ersten der beiden Varianten. Das setzt sich bei Schelsky fort, bei dem der Sachzwang herrscht und Politiker Technikern gleichen. Es folgen Marcuse, der eine »andere« Technik als befreiend visioniert, und Habermas, der die technische Entwicklung durch rationale Diskurse einhegen will.

Heinz hält fest, dass Nosthoff die Technologiekritik von Günther Anders favorisiert, der auf dezentrale Transparenzregimes setzt. Ihr gelingt es allerdings nicht, die These einer kybernetischen Ideologie aus konkreten institutionellen Entwicklungen abzuleiten. Überhaupt hat sie das institutionelle Gefüge der Staatsgewalt zu wenig im Blick – weder in der Analyse noch auf der Ebene möglicher Lösungen. Heinz meint: »Ohne den Staat als Lösungsressource bleibt jedenfalls unklar, welche Kraft sonst den (neo-)kybernetischen Ausschweifungen von technikoptimistischen Unternehmern wie Musk, Thiel und Zuckerberg etwas entgegensetzen soll.« Auch dass der Einsatz prädikativer Analysen und algorithmischer Simulationen notwendigerweise zu einer Entpolitisierung politischer Entscheidungsprozesse führe, leuchtet Heinz nicht ein. Ein deutliches Licht auf Nosthoffs Defizite wirft schließlich sein Satz: »Die politische Frage nach digitalen Regierungskünsten besteht womöglich weniger darin, welche ideologischen Vorzeichen bestimmte Technologien begleiten, sondern darin, unter welchen institutionellen Bedingungen und in Bezug auf welche Zwecke technokratische Ideologien möglich und wirksam werden.«

Begriffliche, wenn nicht sogar gedankliche Unschärfe bemängelt die Digitalisierungstheoretikerin Sandra Sieron an der Arbeit von Anna-Verena Nosthoff. Für sie ist das Verhältnis von Kybernetik und Kapitalismus ein zentrales Thema. Sie bestreitet die von Nosthoff pauschal behaupteten Defizite von Analysen dieses Verhältnisses. Weder habe die kritische Sozialtheorie das »Digitale« vergessen oder vernachlässigt, noch seien die Theorien des digitalen Kapitalismus eindimensional. Nosthoffs eigener Fußnotenapparat belege bereits das Gegenteil. Ohne die Ausführungen Nosthoffs zur Counterculture und Cyberculture als Vorbilder einer »emanzipativ gedeuteten, dezentralen Kybernetik« als bloße Kulturkritik zu bezeichnen, charakterisiert sie diese Ausflüge ins Feuilleton doch mit skeptischer Distanz. Dass »wir« nicht mehr über zentralistisch-totalitäre Strukturen, sondern von kommerziellen Data Brokern überwacht würden, veranlasst Sieron bedauerlicherweise nicht zu dem in diesem Zusammenhang angebrachten Hinweis auf die Graphentheorie, die Graphen als technische Infrastruktur und wesentliche ökonomische Grundlage der Plattformökonomie beschreibt. Die elaborierten und wortreichen Ausführungen Nosthoffs, mit denen sie Erich Hörls »technologische Bedingung« von 2011 in eine »postkybernetische Bedingung« zu erweitern versucht, bleiben für Sieron weitgehend unscharf und sind nicht klärend für ihre Fragestellung, wo eigentlich die Kritik an der Kybernetik zu lokalisieren ist. Diese hat sich ebenso wie ihr Gegenstand seit achtzig Jahren entwickelt und verändert und sich dabei mit ihrem Gegenstand so sehr verbunden, dass es unklar bleibt, ob die Kybernetik oder die Kritik an ihr Gegenstand der Kritik ist – oder wie beides zugleich geschehen kann.

Die close readings Nosthoffs sind für Sieron zwar informativ und illustrativ, aber es fehlen ihnen Einordnungen, es werden keine Gemeinsamkeiten oder Widersprüche zwischen ihnen benannt. Begrifflicher und fachwissenschaftlicher Kontext werden vermisst (das geht mir auch so). Produktiv findet sie trotz der vielen offenen Fragen bzw. nicht geklärten Antworten die Anregungen, über kybernetische Modelle und autoritäre technopolitische Konstellationen nachzudenken und die viele Jahrzehnte ausgebliebene Kritik an der Kybernetisierung wiederaufzunehmen.

Die vierte Rezension stammt von Dirk Baecker. Als Soziologe und Systemtheoretiker bemängelt er zu Recht, dass die Perspektive seiner Disziplin bei Nosthoff fehlt. Zwar wird Niklas Luhmann von ihr an einigen Stellen erwähnt, aber nicht der Einfluss, den seine Arbeiten auf die Übersetzung kybernetischer Modelle in viele Bereiche der Gesellschaftstheorie haben. Stattdessen kommt sie immer wieder auf Erich Hörls Die technologische Bedingung von 2011 zurück, was Baecker auffällt und offenkundig auch missfällt – er bescheinigt Hörls Konzept der »Environmentalität« eine kategoriale Schieflage. Dieses Problem bzw. die Frage nach dem Status der verwendeten Begriffe habe auch ich bei Hörl. Bei dem erwähnten Aufsatz ist mir bis heute nicht klar geworden, ob die von ihm beschriebene, durch die Kybernetisierung hervorgerufene Zäsur aus einer (Re-)Formierung oder einer (Re-)Formulierung von Objektbeziehungen herrührt. Dass das Denken in früheren Epochen seine eigenen technologischen Bedingungen nicht mitreflektierte, bedeutet ja keineswegs, dass es diese Bedingungen nicht gegeben hätte – und ihrer Beschreibung widmet sich die Mediengeschichte seit Innis, McLuhan und Kittler intensiv. Das von Kittler und anderen beanspruchte technologische »Apriori« muss dabei keineswegs scharf als technikdeterministisch gelesen werden, wie es deleuzianische Subjektretter gern hinstellen.

Zurück zu Baeckers Kritik am Buch von Nosthoff. Zustimmung erfährt ihre Sicht, dass die Unterschiede zwischen Mensch und Maschine sowohl in der Kybernetik (vor allen der 1940er und 1050er Jahre) als auch in ihrer Kritik unterschätzt wurden. Die Kritik läuft allerdings Gefahr, an Ideen des autonomen Subjekts festhalten bzw. sie wiederbeleben zu wollen. Baecker problematisiert an Nosthoffs Terminus der Krise, der Kybernetik und Kritik verbindet und auch auseinanderhält, dass die von ihr umfänglich referierte Kritik die Krise offenbar doch nicht begründen kann – und fragt: »Warum findet die Kritik immer wieder Ansatzpunkte, ohne dem Spuk ein Ende bereiten zu können?«

Nosthoff bezeichnet an einer Stelle die Systemtheorie als Kind und Nachfolgerin der Kybernetik, spart sie dann in ihrer Arbeit jedoch völlig aus. Baecker kommentiert das mit einer ironischen Bemerkung:

Es spricht für ein großes Vertrauen in die Ressourcen der philosophischen Kritik, wenn eine soziologische Systemtheorie ungenutzt bleibt, die sowohl die Reichweite kybernetischer Konzepte als auch die Realität der gegenwärtigen Überwachungsgesellschaft beleuchten kann.

Die Konzentration auf die Umwelt der Systeme und die von Hörl ins Feld geführte Environmentalität gefallen Baecker keineswegs, sie verhelfen nicht zur Präzisierung der Unterscheidung von Kybernetik und Kritik. Auch die Behandlung des Feedbacks und des Begriffs der Kontrolle lassen für ihn zu wünschen übrig. In Bezug auf die Kontrolle stellt er unmissverständlich fest:

Die Kontrolle baut ein Gedächtnis des kontrollierenden Systems und der Interaktion mit dem kontrollierten System auf, aber sie beherrscht das kontrollierte System nicht! Das ist der angelsächsische Sinn von control. […] Jede Kontrolle, die Nosthoff von der Kontrolle subjektiven Verhaltens über die politische Steuerung bis zur Manipulation der Öffentlichkeit ausführlich referiert, muss kybernetisch unter diesem Gesichtspunkt der Selbstkontrolle gelesen werden, will man nicht hinter Platon, Machiavelli, Kant und eine simple Vorstellung der Ausübung von Macht zurückfallen, die mit der Wirklichkeit gesellschaftlicher Verhältnisse nichts zu tun hat.

Claude Shannons Informationsbegriff wird seit Jahrzehnten in vielen medien- und kommunikationstheoretischen Arbeiten erwähnt und häufig als zu einfach und rückkopplungsfrei denunziert. So kann allerdings nur werten, wer das Wesen der Stochastik verkennt. Auch Nosthoff sagt über Shannon, er habe »Sprache und Inhalt zu entscheidungslogisch-mathematischen Codes eingedampft«. Weit gefehlt! Baecker macht sich die Mühe, die stochastischen Operationen in Shannons Nachrichtentheorie zu referieren, wobei er betont, dass sowohl die übermittelten Signale Zufallsprozessen unterliegen als auch ihre Interpretationen ungewiss sind. Die Systeme sind und bleiben undurchschaubar, unberechenbar und unzuverlässig, der Zufall durchwirkt alle Entscheidungen von Menschen oder Maschinen. Davon will Nosthoff nichts wissen, weshalb sie sich von Baecker sagen lassen muss: Die Kritik der Kybernetik und ihrer Krise »dürfte nicht aus den Steuerungs-, Regelungs- und Kontrollabsichten der kybernetischen Hexenmeister darauf schließen, dass diese auch gelingen«. Verlangt ist nicht nur die Akzeptanz von Ungewissheit, sondern auch ein hohes Maß an Differenzierungen. Die kybernetische Gesellschaft besteht aus einer Vielzahl von Institutionen und Milieus, die jeweils eigene Technologien der Rückkopplung nutzen. Jede pauschale Kritik oder Bewertung muss da fehlschlagen.

Den Begriff der Environmentalität greift Baecker noch einmal auf, um ihn mit wenigen Sätzen zu beerdigen. »Der Begriff der Environmentalität formuliert das Phänomen einer Gesellschaft ohne Abstand.« Wenn alle Elemente eines Systems in die Umwelt wandern, könne es keine Umwelt mehr geben, die nicht ihrerseits systemische Qualitäten hätte. Eine Diagnose, die sich mit der Feststellung der »Allgegenwart organischer, mentaler, sozialer und technischer Rückkopplungen« zufriedengibt, vor der es kein Entrinnen gibt, ist in seinen Augen jedoch »schlechte Kulturkritik«. Die Unterscheidung von System und Umwelt bleibt die zentrale Aufgabe einer Analyse auch der aktuellen gesellschaftlichen Dynamiken.

Dass in Nosthoffs Werk viel interessantes Material ausgebreitet ist, bestätigen alle Rezensenten. Dass es einen fruchtbaren Beitrag zu weiteren Diskussionen der »digitalen Regierungskunst« leisten könnte, wird von ihnen eher nicht bestätigt. Und ob sich das Buch zu lesen lohnt? Ich werde, lesend, darauf eine Antwort versuchen.


Nosthoff, Anna-Verena: Kybernetik und Kritik. Eine Theorie digitaler Regierungskunst. Berlin: Suhrkamp, 2026.

Hofmann, Jeanette: Kybernetik und Eigensinn. Soziopolis 26.03.2026.

Baecker, Dirk: Kybernetik und Systemtheorie. Soziopolis 26.03.2026.

Heinz, Frederik R.: Kybernetik und Staat. Soziopolis 26.03.2026.

Sieron, Sandra: Kybernetik und Kapitalismus. Soziopolis 26.03.2026.