Von vornherein ist in diesem Buch klar, dass am Ende der frühe Tod der Protagonistin steht. Mit 24 Jahren springt die talentierte Pianistin Christina in der 11. Etage eines Plattenbaus in Neubrandenburg aus dem Fenster. Ihre Lebensgeschichte von 1961 bis 1985 hat die Autorin Helene Bukowski aus Aufzeichnungen ihrer Eltern und anderen Dokumenten zusammengestellt. Für die erzählte Geschichte ist es unerheblich, wieviel daran fiktional ist. Christinas Vater war erst Friseur und wurde dann Opernsänger. Es gab immer ein Klavier, für das der Vater seine Tochter schnell interessieren kann. Ihr erstes Herumpatschen auf der Klaviatur nimmt er auf Tonband auf und nennt das eine „Hau-Moll-Sonate“. Schon vor dem Schuleintritt erhält sie dann regelmäßig Klavierunterricht.

Das Buch ist in vier Kapitel aufgeteilt, streng chronologisch und nach Orten unterschieden. Mit elf Jahren wird das Kind von Neubrandenburg nach Berlin auf eine Spezialschule für Musik geschickt und lebt dort in einem Internat. Mit Siebzehn wird sie für sechs Jahre an ein Konservatorium in Moskau „delegiert“, ein Jahr vor ihrem Tod kehrt sie nach Berlin und Neubrandenburg zurück. Sie ist als Klavierschülerin ein Muster der Pflichterfüllung und akzeptiert weitgehend klaglos alle Zumutungen ihrer staatlichen Aufsichtspersonen. Dabei stellt sie anders als ihre Mitschülerinnen eigene Bedürfnisse konsequent zurück. In Moskau verliebt sie sich in einen schwulen Mitstudenten und bleibt ihm in romantischen Phantasien weiter verbunden. In diesen Phantasien spielen Bären eine Rolle, aus welchem Grund der Verlag den Pappeinband mit der Zeichnung eines Bärengeheges verziert hat.
Die Erzählform, die Helene Bukowski ihrem Text aufzwingt, ist mein einziger Kritikpunkt. Die Ich-Erzählerin äußert sich als Rechercheurin und Gestalterin der Biographie. Dabei könnte es bleiben. Sie geht jedoch einen Schritt weiter und mischt sich immer wieder kurz selbst unter ihre Figuren, setzt sich neben ihre Protagonistin und gibt ihr Stichworte. Diese Form der intradiegetischen Präsenz wirkt bemüht und wie aus dem Hildesheimer Literaturseminar entsprungen. Unnötig ist zudem, dass die Protagonistin in der 2. Person angesprochen wird. Das Erzählen in der 2. Person, wie es Michel Butor in seinem Paris-Rom-Roman als Kunstform zelebriert, hat ein ganz anderes Kaliber.
Das sollen die einzigen Einwände bleiben. Die in lockeren und sehr kurzen Abschnitten erzählte Geschichte ist beeindruckend und deprimierend, ohne je zu langweilen. Die Beklemmung und Ohnmacht erzeugenden Umgebungen der sozialistischen Erziehungssysteme wirken authentisch dargestellt. Von einer 1993 geborenen Autorin. Ich hätte ihr den Leipziger Buchpreis gegönnt, den Dorothee Elmiger bekam. Über den Titel (Text eines Songs aus einem DEFA-Film) und Verbindungen zu Brigitte Reimanns Franziska Linkerhand haben andere schon viel geschrieben.
Bukowski, Helene: Wer möchte nicht im Leben bleiben. Roman. Berlin: Claassen, 2026