Christfried Tögel und Hans-Jörg Kogel zeigen in „Freud erzählt einen Witz“ die humorvolle Seite Sigmund Freuds, und der Aufbau-Verlag beschädigt den Ruf der Anderen Bibliothek
Sigmund Freuds erzählerische Fähigkeiten sind oft herausgestellt worden. Er erhielt 1930 den Goethe-Preis für seine Sprachkunst und wurde auch für den Nobelpreis für Literatur vorgeschlagen, den er allerdings nicht erhielt. Weniger beachtet wurde die humoristische Qualität seines Schreibens, die seine veröffentlichten und unveröffentlichten Schriften und Briefe auszeichnet. Ein leichter Ton, Ironie und Sarkasmus und gelegentliche witzige Wendungen finden sich auch in seinen theoretischen Schriften.
Christfried Tögel und Jörg-Dieter Kogel haben den Band Freud erzählt einen Witz zusammengestellt. Tögel ist der Herausgeber einer Freud-Gesamtausgabe, Kogel ehemaliger Programmleiter im Rundfunk, Autor eines Buchs über die Italienreisen Freuds sowie Ko-Autor (mit Tögel) einer Kompilation, die Freud in den Augen anderer präsentiert. Das aktuelle Buch enthält viele Zitate, die vor allem aus dem außerordentlich umfangreichen Briefwechsel Freuds stammen. Die Autoren haben Material zu sechs sich teilweise chronologisch überschneidenden biographischen Schwerpunkten zusammengestellt. In knappen Einführungen und Kommentaren ordnen sie das Geschehen und die jeweiligen Bezugspersonen kundig ein, sodass das Buch durchaus als unterhaltsame Biographie gelesen werden kann.
Pygmalion und Elise sind die beiden Hauptfiguren einer Erzählung des Schweizer Aufklärers Johann Jakob Bodmer aus dem Jahr 1749. Der Bildhauer Pygmalion verliebt sich wie in der antiken Vorlage in eine von ihm selbst geschaffene Skulptur, die wunderbarerweise lebendig wird. Dadurch wird es möglich, dass er seine erste Liebe erlebt. Bodmer verschiebt dann die Perspektive auf sie, Elise, die einfach alles zum ersten Mal erlebt. Sie nimmt die anderen Statuen wahr, die der Bildhauer geschaffen hat, umarmt und küsst sie, ist aber enttäuscht darüber, dass sie leblos bleiben. Elises Naturwahrnehmung – die Sonne empfindet sie als aktive Malerin der Natur – ist für sie überwältigend, aber weckt in ihr den Wunsch nach mehr. So ist es auch bei ihrer sexuellen Erfahrung mit Pygmalion, die sie fragen lässt, ob es nicht noch mehr Männer als nur diesen einen gibt. Fritz Breithaupt erzählt diese Geschichte nach, um darauf hinzuweisen, dass eine Ersterfahrung dann „erfolgreich“ ist, wenn Einzelne ihre aktive Beteiligung daran wahrnehmen. Menschen sind Autoren ihrer Erfahrungen, schreiben sich selbst in diese ein und werden dadurch zu einem (vielleicht neuen) Ich. Das ist eine von vielen Thesen, die im Buch Einmal, Zweimal, Keinmal aus literarischem Material, aus alltäglichen Begebenheiten und aus punktuellen akademischen Studien entwickelt werden. Es gibt drei Kapitel und insgesamt 23 Unterkapitel, die jeweils mit einer These enden. Die Kapitel schließen mit Zusammenfassungen ab, die eine Hypothese enthalten, und ein Schlussteil sammelt noch einmal die im Verlaufe der Untersuchungen identifizierten kognitiven Akte ein, die das „Machen“ von Erfahrungen lenken.
Der in den USA lehrende Kognitions- und Literaturwissenschaftler Fritz Breithaupt hat sich vor allem einen Namen mit seinen Büchern über Empathie gemacht, die psychologische und erzähltheoretische Perspektiven kombinieren. Beispielsweise zeigt er in Die dunkle Seite der Empathie (2017), dass die tendenzielle Selbstaufgabe des Beobachters gegenüber dem starken Ich eines bewunderten Subjekts nicht selten ist, und in Das narrative Gehirn (2022), wie die Idee des Traumas als erzählerisches Narrativ Karriere machte.
Die Beiträge des von Dieter Thomä herausgegebenen Sammelbands über „Postismen“ zeigen, wie brüchig die Konstruktionen von Danach-Epochen sind, aber bleiben oft beim Davor hängen
Die Vorsilbe „Post-“ hat nicht unbedingt einen guten Ruf. Oft figuriert „postmodern“ als Schimpfwort, das die Abkehr vom allgemein Verbindlichen, von der Wahrheit und insgesamt von den Errungenschaften der Aufklärung attackiert. Die Postmodernen, gelegentlich zu „Pomo“ verkürzt, sind „woke“, ihnen wird Relativismus und die Ablehnung von Freiheit unterstellt. Ideologische Zerrbilder dieser Art gibt es bei einigen „Postismen“. Andere wiederum lassen die Legitimation des „Danach“ vermissen. So könnte man beim Wort „postdigital“, das seit zwei Jahrzehnten im Umlauf ist, fragen, ob nicht etwa eine ahnungslose Verwechslung von Präpositionen vorliegt. Denn in den meisten Anwendungsfällen dieses Begriffs scheint es sich eher um trans- oder ultradigitale Perspektiven zu handeln – und nicht um eine Situation nach der von digitalen Medien bestimmten Lage.
Viele Untersuchungen, die den Begriff postdigital verwenden, berücksichtigen durchaus die Existenz des Digitalen, wollen dabei jedoch auch kulturelle Aspekte aufgreifen, bei denen es nicht im Zentrum steht. Ein zeitliches „Danach“ wäre hier also ganz unangemessen, sofern es nicht um eine spekulative Zukunft oder vergangenheitsorientierte Phantasien ginge. Alle Systeme und Strukturen der heutigen Gesellschaft sind nun einmal durch das Digitale affiziert.
In Thomäs Sammelband Postismen. Vom Nutzen und Nachteil eines Denkmusters für die Wissenschaften widmet sich die erfahrene Begriffshistorikerin Eva Geulen dem Postdigitalen. Die erhoffte größtmögliche Klarheit kann ihr Beitrag allerdings leider nicht liefern. Geulen fragt nach den Impulsen und Motiven, die mit dem grassierenden Postismus verbunden sind. Die Konstrukte von Epochenbegriffen und Epochenzuschreibungen haben sich vielfach als brüchig erwiesen. In der diskurshistorischen Sicht, die Friedrich Kittler in die Literaturwissenschaft einzuführen versuchte, wurden sie trickreich durch Jahrhundertzahlen ersetzt. Für Geulen bleibt Kittler, der die durch technische Dispositive herbeigeführten Schicksalswenden der Schrift beschrieb, dennoch ein Postist, dessen Wendemarke die um 1900 deutlich hervortretende Materialität der Schrift ist. Sie hebt zwei zusammenhängende Aspekte des Digitalen hervor: Dieses sei einerseits unabweisbar vorhanden und enthalte darüber hinaus den Imperativ, noch mehr, noch schneller, noch umfassender zu digitalisieren. Digitalisierungsfloskeln halten die Diskurshoheit in politisch-ökonomischen Verlautbarungen aufrecht, aber dafür, dass das junge Postdigitale sie angreifen und durchbrechen möchte, liefert Geulen keinen Beleg. Ein charakteristischer Zug des Postdigitalen ist in ihrer Sicht vor allem die Ratlosigkeit bei der Frage nach Kontinuität und Diskontinuität, also nach der grundsätzlichen Legitimation des Begriffs.
Die Analyse des Kampfgeschehens zwischen Digitalisierung und Gesellschaft ist ein theoretisches Abenteuer. Dirk Baecker verweigert dabei Gewissheiten – und Verständlichkeit für jene, die nicht systemtheoretisch gebildet sind
Epochen, so ist von Niklas Luhmann zu lernen, benötigen zu ihrer Darstellung zwei Abgrenzungsereignisse. Ein einziges genüge nicht, hilfsweise könne höchstens gesagt werden: Europa vor der Kartoffel und nach der Kartoffel. Auf diese Weise ließe sich nur das Ereignis beschreiben, das die Epochen trennt, nicht aber eine Epoche definieren. Der aktuelle Medienwandel, die Abkehr von der Buchdruckgesellschaft und ihren Funktionssystemen, lässt sich nicht mit einem einzigen prominenten Ereignis verbinden. Er ist ein Hintergrundprozess, der die Gesellschaft schon seit Jahrzehnten vor immer wieder neue Aufgaben stellt. Die Gesellschaft erlebt die Digitalisierung nicht als Vorgang, der von ihr getrennt abläuft, sondern sie ist mit der Verwandlung von analogen in digitale Zustände permanent beschäftigt, von ihr gefordert und mitunter überfordert.
Jürgen Schlusnus erzählt in „Der Rückwärtsläufer und andere ausweglose Fälle“ zwölf Geschichten von Todesahnungen, misslingenden und gelungenen Annäherungen
Die Personenensembles der zwölf Erzählungen des Bandes sind überschaubar. Einige Figuren kommen mehrfach vor: Ein Maler namens Anthon, eine Malerin namens Chris, ein Erzähler namens Alex. Die Orte der Handlung liegen mehrmals in Norddeutschland, in der Nähe von München oder im Tessin, und auch Florenz kommt zweimal vor. In den Geschichten selbst geht es auffällig oft um den Tod, um Depressionen in verschiedenen Spielarten und manchmal um verschobene Realitätswahrnehmungen. Nur in einer Geschichte gibt es eine Wende zum Positiven, eine sich andeutungsweise erfüllende Hoffnung.
Die Titelgeschichte “Der Rückwärtsläufer” handelt von Teilnehmern an einem Marathonlauf. Der Protagonist Philip landet in einem Hotel, dessen automatisiertes Check-in-System ihn überfordert. In seinem Zimmer, das er endlich erreicht, liegt bereits ein Mann im Bett, der ihm erzählt, dass er den Marathon rückwärtslaufend bestreiten wolle. Seltsamerweise weiß dieser Mann alles über Philip, sogar etwas über seine Zukunft. Noch eigentümlicher ist ein surreales Ereignis am nächsten Morgen im Frühstücksraum des Hotels. Der nächtliche Bettgenosse sitzt mit zwei jungen Frauen an einem Nebentisch. Beim nächsten Hinschauen, Sekunden später, betritt der Mann jedoch erst den Raum, nähert sich dem Tisch und nimmt Platz. Er hat ausdruckslose Augen und scheint von einer der beiden Frauen – wohl seiner Tochter – mit Lippenbewegungen „gesteuert“ zu werden. Der Mann nennt diese junge Frau „Mattu“, und Mattu spricht ihn als „Philip“ an. Handelt es sich um einen zweiten Philip oder um eine zukünftige Inkorporation des Protagonisten? Jedenfalls wird an dieser Stelle die Absicht des Autors deutlich, mit der Figur des Rückwärtsläufers ein Spiel mit Identitäten und der Zeit zu treiben. Beim Marathonlauf selbst setzt sich das Spiel fort. „Änderst du die Laufrichtung, ändert sich alles.“ Dieser Zuruf des alten an den jüngeren Philip, der nun auch das Rückwärtslaufen probiert, wird allerdings inhaltlich und vor allem in der Form der Erzählung nicht eingelöst. Die Parole hat keine Auswirkungen auf die Erzählstruktur. Diese bleibt linear, wie bei allen anderen Texten des Bandes auch.