
AKTUELLE VERGEBLICHKEITSFORSCHUNG
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Mineralische und psychische Formationen
Das Buch „Habitus“ von Waseem Hussain und Sascha Reichstein stellt auf überraschende Weisen mit einer Erzählung und fotografischen Exponaten Fragen zu Herkunft und Identität
[Auch bei Literaturkritik.de]
Das Buch präsentiert sich beim ersten Blättern als mixtum compositum, allerdings nicht als wilde Mischung vieler Komponenten, sondern nur von zweien. Es gibt auf 90 Seiten vier Bildteile mit Farbfotografien und auf weiteren 50 Seiten einen Text. Erst hinten im Band, auf der Impressum-Seite, ist zu erfahren, dass der Text Khemji – eine indische Tragödie heißt, und der Bildteil den Titel On Forms hat. Die beiden Teile werden durch einen Essay der Kulturwissenschaftlerin Silvia Henke ergänzt.

Der Buchtitel verdient eine Erklärung. „Habitus“ ist ein zentraler Begriff der Milieutheorie des Soziologen Pierre Bourdieu. Auch Silvia Henke nimmt sogleich auf ihn Bezug und hebt die Abgrenzungen zwischen sozialen Klassen und ihren Milieus hervor. Den Milieus zugeordnet sind Traditionen und Mythologien, die etwas über die Zugehörigkeit erzählen. Angesichts der Thematik von Waseem Hussains Erzählung lohnt es sich jedoch auch, den Habitus-Begriff von Norbert Elias (Über den Prozess der Zivilisation) hinzuzuziehen. Elias bezeichnet als sozialen Habitus vor allem die kollektive Identifizierung mit einem Gemeinwesen. Als seine entwickeltste Stufe sieht er den nationalen Habitus, also die Identifizierung mit einem Nationalstaat. Für Elias gibt es keine Ich-Identität ohne Wir-Identität, und mit der gesellschaftlichen Entwicklung steigt das „Wir“ von der Bindung an einen Stamm in modernen Gesellschaften zur Bindung an den Nationalstaat auf. Das psycho-soziale Element der Wir-Identität ist der soziale Habitus, und dieser vermittelt zwischen Individuen und Gesellschaftsstrukturen. In genau diesem Sinn taucht der Habitus unausgesprochen in der Erzählung Hussains auf.
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Disput unter Nachbarn
Marie-Luise Knott über Hannah Arendt, Ralph Ellison und andere
Marie-Luise Knotts Buch vermittelt Einsichten zu Hannah Arendt, die zumindest mir bislang noch ungesichert schienen. Es geht um Rassismus. Arendts kleiner Text »Reflections on Little Rock« (1959) und ein kurzer Brief an Ralph Ellison sind Stoff und Anlass von Knotts Buch.
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Gescheitert ohne Widerstand
Thea Mantwill erzählt in “Gescheiterte Sterne” vom Schicksal einer Wohnungslosen in einer dystopischen Gegenwart
[Auch bei Literaturkritik.de]
Der Schlaf und die Schlaflosigkeit waren in den letzten Jahren ein häufiges Thema der internationalen und deutschen Literatur. Beispiele dafür sind Theresia Enzensbergers Schlafen, der an Thomas Manns Zauberberg angelehnte Roman Heilung von Timon Karl Kaleyta und der norwegische Bestseller Schlaflos von Anders Bortne.
Die Schlaflosigkeit in Thea Mantwills Buch ist mit einem wichtigen gesellschaftlichen Krisenherd der Gegenwart verknüpft: der Wohnungsnot. Der Roman ist in einer leicht dystopischen Gegenwart angesiedelt, in der sich nur reiche Menschen eine eigene Wohnung leisten können. Für die anderen gibt es Hotels und Schlafclubs, in denen sie unter zum Teil entwürdigenden Bedingungen nächteweise Schlafplätze mieten können, sofern sie das Übernachtungsgeld aufbringen können. Die Erzählerin schläft oft in Bussen, in Bars oder bei Freunden, die zufällig eine Bleibe, aber oft extrem beengte Verhältnisse haben. Schlafen ist also in diesem Fall kein gesundheitliches Thema, sondern ein soziales, das die Erzählerin als Problem der bestehenden Klassenverhältnisse bezeichnet. Nähere Aufschlüsse zur politischen Situation im Land oder über Versuche, die kaum erträgliche Lage im Wohnungswesen zu ändern, gibt es jedoch nicht.
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Ortsbegehungen mit einem unzuverlässigen Erzähler
Lukáš Cabala zeichnet in „Denkst du noch an Trenčín?“ ein phantasiereich gebrochenes Mosaik des Lebens in seiner Heimatstadt
[Auch bei Literaturkritik.de]
Trenčín ist eine westslowakische Kleinstadt und zusammen mit dem finnischen Oulu Kulturhauptstadt Europas 2026. Der Autor Lukáš Cabala stammt aus Trenčín und betreibt dort ein Internet-Antiquariat. Der Maler Juraj Toman lebt ebenfalls in dieser Stadt, er hat zehn Illustrationen beigesteuert, die einzelnen Schauplätzen des Romans zugeordnet sind. Und schließlich hat auch die Übersetzerin Stefanie Bose einen persönlichen Bezug zu Trenčín, sie ist dort im Jahr 2026 Stadtschreiberin.

Die Stadt spielt eine zentrale Rolle in Cabalas Buch: einerseits als aktueller Raum, in dem sich die handelnden Figuren bewegen, andererseits als historischer Erfahrungsraum. Die historische Dimension kommt vor allem durch eine Besucherin aus Tel Aviv in die Erzählung, deren Familie aus der Stadt stammt. Sie ist auf der Suche nach einer Buchhandlung, deren Eigentümer durch die Nazis vertrieben worden waren.
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