Aktuelle Vergeblichkeitsforschung

  • Unmöglicher Abschied

    In den Wochen, in denen ich mich vor allem mit den Errungenschaften der Künstlichen Intelligenz beschäftigt habe, für die 2024 vier Männer Nobelpreise erhielten (2 x Chemie, 2 x Physik), habe ich nebenbei auch das Buch von Han Kang gelesen, die 2024 den Nobelpreis für Literatur erhielt.

    Dieses Buch verdient einen Warnhinweis. Es ist voller Grausamkeiten, die zunächst eine subtile Form haben, wie die präzisen Beschreibungen von körperlichen Schwächezuständen und der postoperativen Behandlung zweier replantierter Finger. Damit das Zusammenwachsen gelingen kann, müssen die Wunden immer wieder geöffnet werden. Wenn das eine Metapher zur Teilung Koreas sein soll, wie ein Rezensent meinte, müsste sie aber andersherum aufgezogen werden: Erst wenn das Zusammenwachsen gelungen ist, können die Wunden heilen.

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  • Weggelesen (10)

    Sasa Stanišić: Möchte die Witwe …

    Seit einigen Monaten lese ich zum »Herunterkommen« neben der eigenen Arbeit (eher: vor und nach) ein Buch nach dem anderen, das thematisch nichts mit meinem Thema, den Family Affairs der Booles, Taylors und Hintons, zu tun hat. Hier der vorläufig letzte Teil des kurzen Rückblicks.

    Das Buch besteht aus einer Art Reigen von Erzählungen. Sie sollen in der angebotenen Reihenfolge gelesen werden, teilt der Autor auf einer Vorspannseite mit. Ich halte das nicht für nötig, auch wenn ich die lenkende Absicht verstehe: das Personal früherer Erzählungen kommt auch in späteren wieder vor. Die Schreibweise ist zumindest in einigen Geschichten knapp, lakonisch, distanziert. Das ist mir durchaus sympathisch. Die Geschichten selbst und ihr Personal interessieren mich allerdings nicht. Es handelt sich überwiegend um Geplauder, dem ein Fokus fehlt. Selbst Stanišićs Spiel mit Erzählstrukturen bleibt fade. In einer auf Helgoland spielenden Geschichte tritt der Erzähler ab und an in den Vordergrund, bietet binnenerzählerische Varianten an, die dann so banal wie ihre Umgebung bleiben. Ich wollte immer schon etwas von diesem Autor lesen und bin jetzt verunsichert: Ist dies ein Nebenwerk oder ist er das?

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    Sasa Stanišić: Möchte die Witwe angesprochen werden, platziert sie auf dem Grab die Gießkanne mit dem Ausguss nach vorne. München: Literaturverlag Luchterhand in der Penguin Random House Verlagsgruppe, 2024.

  • Paranoia (3)

    Adam Curtis, der britische Dokumentarfilmer, hat in seiner über 8 Stunden dauernden Serie Can’t get you out of my head verschiedene Aspekte der Paranoia und von Verschwörungsphantasien aufgegriffen. Er beginnt mit Jim Garrison, dem Staatsanwalt, der das Attentat an John F. Kennedy untersuchte. Er sah hinter der Tat eine Verschwörung, eine art deep state, also ein hinter den offiziellen Institutionen wirkendes zweites, mächtiges System.

    Die Person von Jiang Qing, der letzten Ehefrau Mao Zedongs, beschäftigt Curtis in der Serie immer wieder. Seine These: Mao ließ sie unberaten los, um die Massen im Sinne seiner Linie aufzurühren – aber auch ohne die Chance, die Massen wieder zurückzurufen. Sie geriet nach einem Machtwechsel als Angehörige der Viererbande ins Gefängnis und erhängte sich dort nach zehn Jahren an zusammengeknoteten Socken.

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  • Weggelesen (9)

    Oren Kessler: Palästina 1936

    Ein »großer Aufstand«, wie der Untertitel es andeutet, war es gar nicht. In Palästina gab es von 1936 bis 1938 eine Serie brutaler Gewalttaten, an deren Beginn der Autor Übergriffe arabischer Täter auf jüdische Bewohner in Jaffa und anderen Orten stellt. Auch die britische Besatzungsmacht, die den massiven Zuzug jüdischer Immigranten schützte, wurde punktuell attackiert. Es gelingt Kessler jedoch nicht, einen Aufstand von Palästinensern zu zeichnen, auch wenn er es vielleicht beabsichtigt hat. Das Buch besteht aus hunderten größtenteils unverbundener und folgenloser Kurzberichte über einzelne terroristische Akte beider Seiten, Kurzbiographien einzelner handelnder Personen (Palästinenser, Juden bzw. Zionisten, Engländer), alles in wechselnder Detailtiefe. Es scheint, als hätte Kessler alles, was in Dokumenten zu finden war, einfach ins Buch gekippt.

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  • Weggelesen (8)

    Das blinde Licht

    Das Buch des in Chile lebenden Autors wird im Klappentext als Roman bezeichnet, aber es ist keiner. Es sind vier unabhängige biographische Essays mit teilweise fiktionalen Ausschmückungen.

    Das erste, Preußischblau, handelt von Drogen. Den Amphetaminen, mit denen Soldaten den Zweiten Weltkrieg durchstanden – Pervitin wurde in großen Mengen konsumiert, wie der Briefwechsel des Soldaten Heinrich Böll belegt.
    Dem Zyankali, mit dem hunderte Nazitäter ihr eigenes Ableben besorgten. Von Zyankali schwenkt Labatut auf das Cyanid, das in Zyklon A und B enthalten ist, und auch im Preußischblau, das Anfang des 19. Jahrhunderts in der Werkstatt des Schweizer Farbenherstellers Jacob Diesbach erfunden wurde. Beteiligt war ein junger Alchemist, Johann Conrad Dippel. Ein anderer Chemiker, der an Farben arbeitete, Carl Wilhelm Scheele, entdeckte unabsichtlich nebenbei das Arsen. Dieser »geduldige Mörder« tötete viele Menschen, und Alan Turing präparierte dabei einer Legende gemäß einen Apfel, in den er dann biss. Die Giftgase im Ersten Weltkrieg und das dort eingesetzte Chlorgas sind mit dem Namen des jüdischen Chemieprofessors Fritz Haber verbunden. Dieser hatte vorher Stickstoffdünger entwickelt, mit dem sich die Düngemittelknappheit bekämpfen ließ. Eine der vielen Anekdoten, die das ganze Buch durchziehen, ist in diesem Zusammenhang der Hinweis auf englische Banden, die im kolonisierten Ägypten insgesamt drei Millionen Skelette ausgruben, um sie zu zermahlen und so als Dünger anzubieten. Die Skelette wurden nach Hull verschifft und in Knochenmühlen in Yorkshire verarbeitet. In Nordamerika wurden angeblich etwa dreißig Millionen Bisonschädel ausgebuddelt, die ebenso in Fabriken zu Düngemitteln und Farben verarbeitet wurden.

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